Bankraub mal anders
Herr Müller stöhnte. Es war getan. Er, der Systemadministrator der Sparkassenzentrale, hatte es endlich geschafft ein geniales Programm zu entwerfen und es heimlich im Gesamtsystem
der Bank zu installieren. Die fantastische, von ihm entwickelte Software transferierte heimlich und zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk jeweils drei Prozent jeder Kunden-Zinsgutschrift auf verschiedene, von ihm eingerichtete Auslandskonten. Dieses Geld abgezweigt von allen Sparkassenfilialen wurde dann auf vielen Umwegen letztlich auf sein persönliches Sammelkonto weitergeleitet. So wurde er, Martin Müller, von Tag zu Tag reicher ohne einen Finger zu rühren. Jetzt musste er nur noch darauf achten, dass keiner ihm auf die Schliche kam. “Ach, wie wunderbar es sein wird, reich zu sein. Dann kann ich aus der dreckigen, kleinen
Wohngemeinschaft ausziehen in eine große prächtige Luxusvilla mit exklusivem Garten und eigenem Swimmingpool!”, dachte Herr Müller. “Dann habe ich eine PS-starke Luxuslimousine in der Garage stehen. Täglich werde ich von meinem Chauffeur auf heiße Partys gefahren und habe dort jede Menge Spaß!” Die Tage und Wochen vergingen immer schneller und die drei prozentigen Anteile jeder Sparkassen-Zinsgutschrift wurden fleißig auf seine Auslandskonten und damit an ihn überwiesen. Herr Müller ging währenddessen weiterhin zuverlässig und wie gewohnt von Tag zu Tag seiner Arbeit nach. Dabei hatte er sich errechnet, dass es nur noch drei Monate dauern würde. Sein Programm würde ihm dann genügend Geld eingebracht haben, um bis an sein
Lebensende als Millionär leben zu können. Paul murrte. Sein Mathelehrer hatte der Klasse aufgegeben, den Bankzins ihrer Familien Hausbank nachzurechnen. Paul war zwar ein Ass in Mathe, aber trotzdem war das viel Arbeit. Vor allem, weil er bei der Sparkasse war. Da sahen die ganzen Zinsgutschriften unheimlich verwirrend und kompliziert aus. Diese Hausaufgaben machte Paul deshalb lieber mit Max, seinem Freund und Klassenkameraden, zusammen. Gleich am Nachmittag trafen sie sich, suchten die Zinsgutschriften auf den Kontoauszügen heraus und rechneten schon seit Stunden. Dann, endlich hatten sie ein fertiges und mehrfach nachgerechnetes Ergebnis für den nächsten Schultag. Als die Hausaufgabe kontrolliert wurde, wunderten sich Paul und Max sehr. Ihr Lehrer hatte ein anderes Ergebnis! Auf Max' Bitte hin zeigte der Mathelehrer ihm den offiziell in den Geschäftsbedingungen hinterlegten Zinssatz der Sparkasse und rechnete ihm seinen Fehler vor. Dabei stellte sich heraus, dass in allen Rechnungen von Max und Paul genau drei Prozent Zinsen fehlten. Wie konnte das sein, wo sie doch alles doppelt und dreifach nachgerechnet hatten? Als die beiden Jungen sich in der Pause aufgeregt darüber unterhielten, hatte Max eine Idee. Sie wollten versuchen, den Direktor der Sparkasse direkt aufzusuchen. Schließlich musste
dieser mysteriösen Sache um das fehlende Geld gründlich nachgegangen werden!
Es klopfte am Zimmer von Herrn Schmidt, dem Direktor der Sparkasse. “Herein”, rief er. Max und Paul wurden von der Assistentin des Direktors hereingeführt und konnten nach einem sehr freundlichen Empfang schnell erzählen: “Wir haben in der Schule die Hausaufgabe aufbekommen, den Zinssatz für Zinsgutschriften der Sparkasse nachzurechnen. Dabei ist uns
aufgefallen, dass genau drei Prozent der Zinsen zumindest an uns nicht ausbezahlt wurden. Der Bankdirektor hörte aufmerksam zu. Schmunzelnd erinnerte er sich an seine eigene Schulzeit. Er mochte die Jungen und freute sich darauf, den beiden zu helfen. Er würde ihnen alles nochmal genau vorrechnen und ihnen dann ihren Rechenfehler zeigen. Ihm war klar, die beiden Jungs hatten sich ganz sicher verrechnet. Wie immer überlegt und präzise rechnete Herr Schmidt genau nach, aber die Berechnung der beiden Schüler war korrekt. Bei jeder dieser Zinsauszahlungen fehlten genau drei Prozent. Die sofortige Überprüfung weiterer Zinsauszahlungen auf anderen Kundenkonten zeigte das gleiche Bild. Der Direktor war verwirrt und geschockt gleichzeitig. Irgendetwas in seiner Bank konnte nicht stimmen. “Woher könnte dieser genau dreiprozentige Abzug kommen? Wäre es denn möglich, dass sich ein Mitarbeiter seiner Bank am Zins bediente?”, dachte Herr Schmidt bei sich.
Er überlegte, wer wohl Zugriff auf die Zinsberechnungen hatte. Ihm fielen außer ihm selbst sofort der Zinsverwalter, die Buchhaltung und der Systemadministrator ein. Dem Systemadministrator vertraute er voll und ganz, da gab es für ihn keinen Zweifel. Auch der Zinsverwalter machte seine Sache sehr ordentlich. Die Buchhaltung aber, das wusste er, machte
häufig Fehler. Max und Paul entging Herrn Schmidts' entsetzter Gesichtsausdruck natürlich nicht. Den beiden war sofort klar, dass es sich hier um eine größere Sache handelte, die sie so zufällig durch ihre Mathehausaufgaben aufgedeckt hatten. Jetzt brauchte man einen kühlen Kopf und ein präzises Vorgehen. Gemeinsam mit dem Bankdirektor entwickelten sie deshalb einen genauen Plan, mit dem sie Schritt für Schritt alles aufdecken würden. Die Tür flog auf. Martin Müller riss den Kopf herum. Noch ehe er reagieren konnte, sah er drei Männer in Polizeiuniform gefolgt von seinem Chef, dem Bankdirektor Herrn Schmidt, ins Zimmer stürmen. Zwei der Uniformierten drängten ihn gleichzeitig vom Schreibtisch ab, hielten ihn fest und riefen: “Keine Bewegung! Sie sind hiermit wegen des dringenden
Tatverdachtes auf Cyberkriminalität und Geldbetruges verhaftet! Sie haben das Recht zu Schweigen, alles was sie aussagen, kann von jetzt ab gegen sie verwendet werden!”
Dies geschah alles so schnell, dass Herr Müller erst danach wahrnahm, dass sein Computer bereits von dem dritten Polizisten und dem Bankdirektor untersucht wurde. “Aha, da haben wir also den Beweis!”, rief Herr Schmidt mit wütender und gleichzeitig erleichterter Stimme aus. “Gut, dass Sie vom Cyber-Expertenteam der Polizei gleich mitgekommen sind, Herr Groß. Ohne Sie wäre es uns jetzt nicht gelungen den Täter durch seine einwandfreie Identität im Computersystem zu überfuhren.” Während Herr Schmidt mit hochrotem Kopf seinen Blick auf Herrn Müller warf, wurde dieser leichenblass. An alles hatte er gedacht, angefangen vom genialen Programm bis hin zu einem monatelang weitergeführten, unauffälligen Leben. Dass man ihm aber zum jetzigen Zeitpunkt so schnell wegen seiner Computeridentität auf die Schliche kommen würde, daran hatte er nicht gedacht. Natürlich war ihm klar gewesen, dass eines Tages jemand auf ihn gekommen wäre, aber dann hatte er geplant, bereits über alle Berge zu sein. “Tja”, trumpfte Herr Schmidt auf, “damit haben Sie wohl nicht gerechnet, Sie Gauner! Wären da nicht zufällig zwei pfiffige Matheasse gewesen und unsere Schritt für Schritt Strategie, die den Anfangsverdacht gegen die Buchhaltung und den Zinsverwalter ausgeschlossen hätten, hätten wir sie wohl tatsächlich nicht erwischt. Abfuhren!” Bereits am nächsten Tag waren Max und Paul die Helden der ganzen Schule. Ein großer Zeitungsartikel berichtete genauestens über den Vorfall. Sogar ein großes Foto, das die beiden bei der Übergabe der Belohnung gemeinsam mit dem Bankdirektor zeigte, war abgebildet.

Lukas Staar hat den 2. Preis in der Altersgruppe der 11 und 12 Jährigen gewonnen