Flug 93

Zum letzten Mal
Ich laufe durch einen schlecht beleuchteten Gang: Die einzige Lichtquelle ist eine flackernde Glühbirne um die mehrere Fliegen schwirren. Gleich werde ich mich mit meiner Familie treffen. Zum letzten Mal. Ich bin Jarrah Ziad und in 48 Stunden werde ich Geschichte schreiben. Ich betrete das Zimmer meiner kranken Mutter. Sie glaubt, dass ich ein neues Leben in den USA anfangen will, aber eigentlich ist es etwas viel größeres, das mich in die neue Welt zieht. Meine Mutter liegt auf ihrer Strohmatte. Ich weiß, dass sie stolz auf mich sein wird, •wenn sie erfährt, was ich vorhabe. Ich hoffe, dass Allah meine Mutter nach meiner Tat für ihn heilt. Für mich kann er auf dieser Welt nichts mehr machen. “Auf Wiedersehen, Mutter, irgendwann werden wir uns wiedersehen.” Keine Antwort. Ich blicke zum letzten Mal auf mein letztes lebendes Familienmitglied, mein Vater und mein Bruder wurden vom US Militär in “Antiterroreinsätzen“• getötet. Ich wende mich zum Gehen, als ich schon fast wieder auf dem Gang bin, flüstert Mutter noch: “Möge Allah dich schützen, Jarrah Ziad.”

Das Treffen
Ich verlasse das Haus und trete in die pralle Sommersonne des Libanon. Eine olivgrüne G-Klasse wartet dort auf mich, ich kenne den Fahrer. Es ist Narni al Ahmed. Ich steige ein, auf dem Beifahrersitz befindet sich sein Bruder Haznawi al Ahmed. Wir fahren zum Beirut-Rafic International Airport. Bei einer verlassenen Fabrik halten wir. Wir steigen aus und betreten das schon halb verfallene Gebäude. An einer Tür steht Ghamdi al Saeed: “Ihr seid spät, der Boss wartet nicht gerne”
“Jarrah wollte noch unbedingt zu seiner Mutter.”, sagt Narni. Wir betreten alle den Raum. Es knien schon 15 Männer vor einem weiteren stehenden Mann: Osama bin Laden. Wir knien uns schnell hin. “Bald wird euch Allah willkommen heißen und wird euch ins Paradies lassen, da ihr Ungläubige von dieser Welt entfernt haben werdet. Möge Allah euch schützen! Allahu Akbar!” “Alluha Akbar”, schreien wir im Chor. Wir besprechen nochmal unseren Plan. Ich werde mit Gharndi und den
Ahmedbrüdern zusammen arbeiten. Ich bin überzeugt, dass wir alle das Richtige tun. Ich weiß es einfach! Wir verlassen alle das Haus, alle außer bin Laden, und gehen rüber zum Flughafen.
Wir sind in London und warten auf unseren Flug zum Newark International Airport in New York,USA. Unsere Brüder fliegen über Charles de Gaules in die USA. Es ist der 10. September um 18:15. Wir sind in Newark angekommen. Schnell verlassen wir das Gebäude. Wir wollen ins Hotel, um noch ein wenig Schlaf zu bekommen, bevor wir Geschichte schreiben. Im Hotelzimmer denke ich: “Das ist das letzte Mal, dass ich auf dieser Welt schlafen werde.” Ich schlafe ein. Im Traum erscheint mir ein Bild von schreienden Menschen, die versuchen, vor einer
riesigen Staubwolke wegzulaufen. Die Menschen laufen mit angst­ver­zerrten Gesichtern durch eine Stadt, die meinen Vorstellungen von Manhattan entspricht. Hinter ihnen breitet sich eine Staubwolke aus, die sie alle zu verschlingen droht. Ich stehe einen Häuserblock vor den Flüchtenden. Ich will
weglaufen, aber meine Beine wollen nicht. Die Flüchtenden laufen an mir vorbei, einer von ihnen schaut mich mit bekümmertem Gesicht an und schreit mich an: “Warum tust uns das an?” Ich will erwidern, doch ich bekomme kein Wort über meine Lippen. Als die Gruppe an mir vorbeigelaufen
ist, sehe ich einen kleinen Jungen auf der Straße stehen. Er hat einen Teddy im Arm und Tränen stehen in seinen Augen. Ich will ihn retten, doch als ich einen Schritt auf ihn zumache, weicht er erschrocken zurück. Ich mache noch einen weiteren Schritt auf ihn zu und diesmal bleibt er stehen. Er schaut mir in die Augen und schluchzt: “Du hättest das nicht machen müssen.” Er dreht sich um und läuft in die Staubwolke, welche schon bedrohlich nahegekommen ist. Ich laufe los, doch bin nicht schnell genug, um ihr zu entkommen. Die Wolke holt mich ein und verschluckt mich. Ich wache schweißgebadet auf und beginne mich zu fragen, ob unsere Tat das Richtige ist.

Die Tat
Wir treffen uns beim Frühstück, es ist der 11. September. Haznawi hat uns gestern Waffen besorgt. Er macht sich darüber lustig, dass George W. Bush nicht das Waffengesetz verschärft hat. “Es wird der schlimmste Tag werden, welchen die Nation je erlebt hat.” Wir machen uns zum Flughafen auf. Wir werden den United-Airlines-Flug 93 nach San-Francisco nehmen, nur dass der Flug nie dort ankommen wird. Unser eigentliches Ziel ist Washington D.C. Um 8:30 l.Jhr sind wir am Flughafen. Gepäck haben wir keines, also kommen wir schnell durch sämtliche
Sicherheitschecks. Wir können nur darüber lachen, wie einfach wir mit den 9mm Halbautomatik Pistolen zu unserem Gate kommen. Um 8:50 Uhr bricht im Wartebereich plötzlich Panik aus. Auf
allen Bildschirmen sieht man dasselbe Bild: Einen rauchenden Nordturm des World Trade Centers. Ich weiß, dass allen aus meiner Gruppe dieser Anblick viel bedeutet, denn das heißt, dass die erste Gruppe ihr Ziel erreicht hat. Ich freue mich für meine Brüder, aber selbst empfinde ich keine Euphorie. Um 9:10 Uhr sind wir im Flugzeug. Wir fliegen alle Business-Klasse, damit wir uns näher am Cockpit befinden. Ich habe gesehen, dass viele Menschen nach den ersten Bildern des Turmes den Wartebereich verlassen haben. Als kurz darauf auch der zweite Turm in eine Rauchwolke eingehüllt wurde, gehen nochmal viele aus dem Terminal. Viele Plätze im Flugzeug sind frei. Doch das stört uns wenig. Nachdem wir schon eine Weile geflogen sind, stehen ich und meine Brüder auf und begeben uns zum Cockpit. Als wir vor der Tür stehen, hält uns eine Stewardess auf. Haznawi zieht seine Pistole. “Mach die Tür auf und keinen Mucks!”, sagt er während er auf ihren Kopf zielt Sie blickt uns erschrocken an, sagt aber nichts. Erst als Narni ihr den Lauf seiner Pistole in die Seite rammt, holt sie hastig eine Pin-Card aus der Tasche. Mit zitternden Händen zieht sie die Kat1e durch den dafür vorgesehenen Schlitz neben der Tür. Anschließend drückt sie mir die Karte in die Hand. Ich stecke sie in meine Hosentasche. Ein leiser Piepton ertönt, als die Tür aufschwingt. Mit voller Wucht rammt Nami d den Lauf seiner Waffe gegen den Kopf der Stewardess, welche daraufhin mit einem leisen Schluchzen in sich zusammensackt. Nami wirft sie rücksichtslos in den Gang zur Pilotentoilette. In meinem Glauben sind Frauen nichts wert, aber das emotionslose Handeln Namis erschreckt mich trotzdem. Erstaunt
blickt der Copilot auf uns. Als er realisiert, dass der Lauf von Namis Waffe direkt auf seine Schläfe gerichtet ist, streckt er erschrocken die Hände in die Höhe. “Auf der Stelle in die Pilotentoilette oder ich schieße.” Mit angstverzerrten Gesichtern erheben sich die Beiden und laufen mit erhobenen
Händen in die WCs. Nami versperrt die Tür der kleinen Kabine. Haznawi blickt mir direkt in die Augen und sagt mit erwartungsvoller Stimme: “Jarrah, das ist dein Einsatz. Wir zählen auf dich.” Ich merke, wie sich das Flugzeug leicht neigt und betrete daraufhin schnell das Cockpit. Ich bin ein guter Pilot. Und das wird der letzte und bedeutendste Flug meines Lebens. Ich betätige einige Schalter und nach kurzer Zeit befindet sich das Flugzeug wieder in stabilisierter Lage. Plötzlich kommt mir wieder das Bild des kleinen Jungen ins Gedächtnis. Vor meinen Augen verschlingt ihn die Staubwolke. Er hätte noch ein langes Leben vor sich gehabt. Ich versuche den Gedanken aus meinem Kopf zu verbannen, doch immer mehr Stimmen werden in meinem Kopf laut, bis sie zu einem unerträglichen Gejammer und Wehklagen werden. Auf einmal werde ich von der Seite angestoßen. Haznawi blickt mich verwirrt an und ich bemerke, dass sich das Flugzeug wieder in Schräglage
befindet. Erneut lege ich ein paar Hebel um und die Spitze des Flugzeuges hebt sich an. Von alledem hat erstaunlicherweise niemand außer meiner Gruppe, mir und den Piloten Notiz genommen. Nach weiteren fünf Minuten höre ich ein leises Klopfen und drehe mich um. Ich blicke durch das kleine Fenster, welches in der Cockpit Tür eingelassen ist. Fast falle ich von meinem mit Samt bezogenen Sessel, als ich hinter der dünnen Glasscheibe den Jungen aus meinem Traum erblicke. Er lächelt mich an und klopft erneut gegen das Fenster. Diesmal versucht er es mit seiner gesamten Kraft. Als der Junge erneut mit voller Wucht gegen die Tür schlägt, springt Haznawi erzürnt auf. Schwungvoll reißt er die Tür auf. Kleinlaut fragt der kleine Junge: “Hallo, darf ich mir das Cockpit mal von nahem ansehen?” “Natürlich mein Kleiner!” antwortet Haznawi freundlich. Als der Junge zwei Schritte ins Cockpit gesetzt hat, versetzt Haznawi ihm einem kraftvollen Tritt in die Magengrube. Wie in Zeitlupe fliegt der Junge an die Flugzeugwand, an der er regungslos liegen bleibt. Haznawi
zuckt mit keiner Wimper. Eine höllische Wut steigt in mir auf.
Mit einem schnellen Handgriff betätige ich die Funktion des Autopiloten und greife zu meiner Waffe. Ich springe auf und drücke den Lauf meiner Waffe direkt auf die Brust von Haznawi. Ein gurgelndes Geräusch ertönt. Hasserfüllt blickt er mir in die Augen und hasserfüllt blicke ich zurück in seine
pechschwarzen Augen. Leise flüstere ich: “Wenn Allah dies als Preis will, um ins Paradies zu kommen, hätte er keine Gefühle wie Mitleid und Liebe erschaffen.” Ich ziehe meine Waffe zurück und Haznawi fällt mit einem dumpfen Knall auf den Boden. Mit eiligen Schritten kommt Nami, der anscheinend den Lärm wahrgenomnen hat ins Cockpit. Erstaunt blickt er auf seinen regungslosen Bruder, doch ehe er etwas erwidern kann, habe ich schon geschossen. Langsam sackt er in sich zusammen. Mit enttäuschtem Blick sieht er mich an, bevor seine Augen glasig werden. Doch ich weiß,dass ich das Richtige getan habe. Aus dem hinteren Teil des Fliegers nehme ich ängstliche Stimmen war. Schnell schließe ich die Tür zum Gang zum Cockpit. Als mein Blick auf die rot blickende Anzeige auf dem Armaturenbrett fällt, erschrecke ich.
NUR NOCH WENIG TREIBSTOFF VORHANDEN. NACH MAXIMAL EINEM
WEITEREN KILOMETER TANK NACHFÜLLEN.”
Schnell greife ich zum Mikrofon: “Sehr geehrte Damen und Herren, mein Name ist Jarrah Ziad und ich gehörte der islamistischen Terrorgruppe Al-Qaida an. Dieses Flugzeug sollte ins Weiße Haus gestürzt werden. Doch ich habe bemerkt, dass dieses Attentat niemanden weiterbringt. Aufgrund von wenigem Treibstoff muss ich auf diesem Feld notlanden. Entschuldigung!” Plötzlich beginnt der Motor zu stottern und die Nase des Flugzeugs neigt sich nach unten. Mit aller Kraft reiße ich am Steuer, doch vergebens. Mit jeder Sekunde fliegt der Boden näher auf mich zu. Ich habe den größten Fehler meines Lebens begangen. Und den letzten. Noch einmal schreie ich ins Mikrofon: “Bitte verzeiht mir, möge Allah euch behüten.” Noch 500m bis zum Boden. Noch 300. Noch 250. Noch 50. Noch …

Frowin Rohlfs und Stephan Müller haben den 1. Preis in der Altersgruppe der 13- bis 14-Jährigen gewonnen.