Lange Finger im Morgengrauen

Karl ist mein bester Freund und hat einen Kiosk gleich bei mir um die Ecke. Seit vielen Monaten kaufe ich mir meine Lieblingskaugummis “Superbubbles for Kids” bei ihm. Die schmecken so richtig lecker und man kann daraus Riesenblasen formen, die einem das ganze Gesicht zukleben, wenn sie platzen. Neulich hat sogar mein Papa eine im Treppenhaus platzen lassen, worauf gleich unser Nachbar Herr Birkendriesel die Tür öffnete, und fragte, was passiert sei. Seine Kaffeetasse sei ihm angeblich vor Schreck aus der Hand gefallen. Karl verkauft auch meine Lieblings-Comic-Hefte. Ein Heft kostet 3.50 Euro. Das kann ich mir natürlich nicht jede Woche leisten, aber zum Glück bekomme ich ja Taschengeld. Wenn ich genug gespart habe, kann ich mir eins kaufen. Mein Taschengeld muss aber auch noch für die Kaugummis und andere Dinge reichen. Doch ungefähr einmal im Monat hole ich mir ein
Comic-Heft bei Karl. Im Oktober letzten Jahres, als ich mir wieder ein Heft kaufen wollte, klagte Karl, dass er ein Heft zu wenig geliefert bekommen hat. Er schimpfte auf den Lieferanten, und meinte, der müsste nochmal in die Schule gehen, um richtig Zählen zu lernen. Na, wenn Karl wüsste, wie anstrengend die Schule manchmal sein kann … Karl unternahm jedoch nichts, da er viel zu beschäftigt war, und sich dachte, dass das nicht nochmal passieren wird. Doch im darauf folgenden Monat wurde wieder ein Comic-Heft zu wenig geliefert. Das dachte Karl zumindest. Als er den Lieferanten anrief, meinte dieser jedoch, dass alle Hefte genau abgezählt werden, sowohl von ihm selbst als auch von der Druckerei. Das Paket mit den Heften stand noch neben seiner Tür und als es Karl nochmal genau anschaute, bemerkte er, dass es beschädigt war. Ja, ganz klar! Hier hat jemand das Paket mit einem
Messer aufgeschnitten, und absichtlich ein Heft mitgenommen. Seltsam, warum war nicht gleich das ganze Paket verschwunden?
Na jedenfalls hat Karl mir alles erzählt, und mir war klar, ich musste ihm helfen und es herausfinden! Als nun im Dezember wieder eine Lieferung kam, versteckten wir uns hinter dem Müllcontainer, der gleich neben dem Kiosk steht. Es war noch sehr zeitig, vor Schulbeginn, als die Hefte geliefert wurden. Gerade als wir uns das Paket anschauen wollten, sahen wir einen Jungen darauf zugehen. Um nicht entdeckt zu werden, sprangen wir sofort wieder hinter den Müllcontainer. Da es noch etwas dunkel war und er eine Mütze trug, konnten wir ihn nicht richtig erkennen. Plötzlich bog die Müllabfuhr um die Ecke und fuhr direkt auf uns zu, um den Müllcontainer zu entleeren. Karl flüsterte mir zu: “Die kommen heute aber zeitig.” Die grellen Scheinwerfer des Müllautos waren direkt auf den Kiosk gerichtet. Der Junge rannte schnell wieder weg. Nachdem der Müllcontainer geleert war, legten wir uns wieder auf die Lauer. Aber niemand sonst kam dem Kiosk so nah wie der Junge. Diesmal blieb das Paket auch unbeschädigt und es fehlte kein Comic-Heft. Letzte Woche versteckten wir uns wieder hinter dem Müllcontainer, beobachteten die Lieferung und zitterten in der winterlichen Kälte. Eine ganze Stunde lang warteten Karl und ich. Doch nichts passierte und wir wollten uns schon voneinander verabschieden. Plötzlich tauchte der Junge mit der Mütze und dem Schulranzen vom letzten Mal wieder auf. Wieder ging er direkt auf den Kiosk zu. Wir sahen, wie er ein Taschenmesser aus seiner Jacke holte, das Paket aufschnitt und ein Comic-Heft entnahm. Sofort sprangen wir hinter dem Müllcontainer hervor, um den Dieb zu fassen. Im gleichen Augenblick bemerkte er uns und flüchtete in Richtung meiner
Schule. In der Aufregung fiel ihm ein Turnschuh aus seinem Ranzen, den er nicht mehr aufzuheben wagte. Wir rannten ihm hinterher. Doch er war schneller als wir. Wir sahen ihn noch im Schulgebäude verschwinden. Finden konnten wir ihn aber nicht mehr. So verabschiedete ich mich von Karl und versprach ihm, gleich nach der Schule wieder vorbeizukommen, um das weitere Vorgehen zu besprechen. An dem Tag hatten wir in der zweiten Stunde Sport und ich freute mich schon auf das Fußballspiel bei Frau Springer. Als wir uns in der Garderobe
umziehen wollten, saß Nicky ganz hilflos auf der Bank. Ich fragte ihn, was los sei. Er murrte nur, und meinte, dass er heute nicht mitmachen könne. Als er jedoch zu Frau Springer sagte, er hätte seine Turnschuhe vergessen, wurde ich hellhörig. Gleich nach der Schule rannte ich zurück zu Karl's Kiosk. Da Nicky den gleichen Schulweg hatte, musste auch er da vorbeikommen. Und kurz nachdem ich Karl über Nicky's fehlende Turnschuhe berichtet hatte, kam er auch schon. Sofort schnappten wir ihn uns. Wir zeigten ihm den Turnschuh, den der Junge von heute morgen aus seinem Schulranzen fallen ließ. Karl hatte ihn als Beweisstück sichergestellt. Wir fragten Nicky, ob es seiner ist. Daraufhin wurde er puterrot im Gesicht. Er senkte seinen Kopf und gab alles zu. Es hätte ja auch nichts genutzt, wenn er jetzt gelogen hätte. Seine
Eltern hätten seinen verlorenen Turnschuh ja sofort wiedererkannt. Ich war sehr überrascht, dass er der Dieb war! Er war doch eigentlich einer der besten Schüler, schrieb fast immer Einsen. Warum tut er denn so was? Erst wollte Nicky nichts sagen, aber dann hakte Karl nochmal in freundlichem
Ton nach. Stotternd erzählte er nun, dass er sehr gerne liest, sein Taschengeld jedoch nicht ausreicht, um sich Bücher oder Lesehefte kaufen zu können. Eine Bibliothek gibt es leider auch nicht in unserer Gemeinde. Der Kiosk liegt nun mal auf seinem Schulweg und dann sei er plötzlich auf diesen blöden Gedanken gekommen …. Irgendwie tat uns Nicky jetzt leid. Karl fragte ihn, wie er das wieder gut machen könnte. Ich schlug vor, dass Nicky doch morgens einen Monat lang vorm Kiosk Schnee schippen könnte – jetzt wo der Winter begonnen hat. Nicky war erleichtert und willigte sofort ein. Wir verabschiedeten uns und ich versprach noch, ihm in Zukunft meine Comic-Hefte auszuleihen.

Theodor Haase hat den 2. Preis in der Altersgruppe der 9 bis 10Jährigen gewonnen.