Sein bester Freund

“Boah, ist das öde !”, dachte sich Gaspar. Gelangweilt, wie alle in der Klasse 6b, saß er auf seinem Platz, den Kopf auf die Hände gestützt. Müde schielte er zur Uhr an der Wand: 11 .05 Uhr. Es war noch eine Viertelstunde bis zur zweiten Pause auszuhalten. Dann sah er hinüber zu seinem besten Freund Max. Ungeduldig wippte dieser mit seinem Stuhl hin und her. Er erwartete die Pause genauso sehnlichst wie Gaspar. “Noch 15 Minuten, dann sind wir erlöst, Gaspar! “, flüsterte Max ihm zu. Nur leider etwas zu laut, denn Herr Baumgartner, ihr Geschichtslehrer, hatte die beiden belauscht und sprach sie mit mahnendem Unterton an: “ Aha! Man sieht, dass sich die beiden Herren mit großer Freude an meinem Unterricht beteiligen. Deshalb dürft ihr bis morgen jeweils ein zweiseitiges Referat über den Göttervater Zeus verfassen. Und wenn es auch nur annähernd das Gleiche ist, dann muss ich leider recht ungemütlich werden … so, das war's für heute! Bis morgen!”. “Na toll!”, seufzte asper genervt. “Jetzt dürfen wir uns auch noch zuhause mit Geschichte rumschlagen.” Trotzig schlurften die Freunde die Treppen zum Pausenhof hinunter. “Ja, hier Gasper Vaubel?” “Hi Gaspar, hier ist Max. Hast du schon etwas Interessantes über Zeus herausgefunden?”, meldete sich Max. “Ja schon – er ist der mächtigste griechische Gott und er warf angeblich immer Blitze, wenn er sauer war. Und was hast du so recherchiert?” “Ich hab eine richtig tolle App gefunden, weil ich dachte, dass man Zeus mit C schreibt!” “Cool, und was kann die App?” Gasper wurde neugierig. “Also” , fing Max an, “CEL.JS, alles groß und mit C, ist eine App, die dir im Alltag und bei den Hausaufgaben hilft. Die musst du dir unbedingt runterladen!” “OK, mach ich. Bis morgen!” Sofort nach dem Telefongespräch googelte Gaspar nach CEUS und wurde fündig . Gaspar ging auf die App und wunderte sich, dass auf dem Bildschirm das Gesicht eines Jungen erschien. Er klickte darauf und sofort sprach eine freundliche Stimme zu dem verwirrten Caspar: “Hallo, wie heißt du?” ,,Ähm .. . “, stammelte Gasper verlegen, “ich bin Gaspar. Gaspar Vaubel.” CEUS versprach ihm die wunderbarsten Dinge: “Wir können miteinander reden, du kannst mir deine Sorgen und Ängste anvertrauen, ich kann dir alle möglichen Fragen beantworten, wir können zusammen Spiele spielen und noch vieles mehr.” “Voll cool! “, rief der Junge. “Was sind denn deine Hobbys?”, fragte CEUS. “Am liebsten spiele ich Fußball und ich mag gerne Comics”. “Und wovor hast du Angst?” “Ich habe etwas Höhenangst”, murmelte Caspar. “Und in der Schule?” “Ich hasse es, vor der ganzen Klasse abgefragt zu werden!” “Oh, das kann ich nachvollziehen. Willst du mal ein neues Spiel ausprobieren? Es heißt “School Hero” und du kannst dort einen ganz normalen Schultag nachspielen. Du kannst Klassensprecher werden, Ausfragen beantworten, mit der Schulmannschaft gewinnen und sogar in die nächste Klasse versetzt werden!” “Wow, das hört sich echt cool an! Und wie komme ich jetzt auf diese App?” Auch darauf wusste CEUS eine Antwort: Per SMS schickte das Programm ihm den App-Link auf sein Handy. Sofort öffnete Gasper den Link und legte los. Seine Schule hieß Junior Highschool und er gab sich den Namen Colin . Die Stunden vergingen wie im Fluge. Schon am ersten Schultag hatte er viele Punkte in seinen Lieblingsfächern erreicht und in der Basketballmannschaft den Topscore errungen. Auf einmal öffnete sich die Zimmertür und seine Mutter stand im Türrahmen: “Caspar, was machst du denn da? Wir wollen Abend essen. Ich habe dich schon dreimal gerufen !” “Äh … “, Gasper suchte verzweifelt nach einer Ausrede. “Ich hab die ganze Zeit an meinem Referat für Geschichte gearbeitet.” Nach dem Abendessen hatte Gaspar die Strafarbeit von Herrn Baumgartner schon wieder vergessen. Aus seinem Handy hörte er augenblicklich GEUS' Stimme: “Gaspar, damit das Spiel nicht langweilig wird, stelle ich dir nun eine kleine Herausforderung: Wenn du heute noch 1000 Punkte erreichst,kommst du in das nächste Level!” Gaspar vergaß völlig die Zeit. Als seine Mutter um zwölf Uhr ihren Sohn mit seinem Handy im Bett liegend antraf, frage sie erschrocken: “Müsstest du nicht schon längst schlafen? Was machst du denn die ganze Zeit an deinem Handy?” Sie schnappte sich sein Handy und verließ verärgert sein Zimmer. Der nächste Morgen begann für Gaspar mit einem Schrecken: Denn gleich in der ersten Stunde in Geschichte wurde er von seinem Lehrer auf sein Referat über Zeus angesprochen. Sein Gesicht wurde kreidebleich , denn er hatte vor lauter Handyspielen vergessen, das Referat vorzubereiten. “So, Gaspar, komm bitte nach vorne und halte dein Referat!” “Ahm … ich hab's vergessen.” “So, hast du? Tja, dann muss ich wohl einen Brief an deine Eitern verfassen, Gaspar.” Zornig auf Herrn Baumgartner setzte er sich trotzig an seinen Platz. Während Max seine Mitschüler mit seinem Referat begeisterte, schmollte Gaspar und sehnte sich nach GEUS. Als er zuhause ankam, freute er sich, dass seine Mutter nicht da war, denn so konnte er in Ruhe nach seinem Handy fahnden. “Was sich wohl GEUS heute für mich ausgedacht hat?”, überlegte Gaspar. Er suchte überall nach seinem Handy: Unter dem Bett seiner Eitern, auf dem Kühlschrank, in den Schränken, und schließlich fand er es in einer Keksdose. Voll freudiger Erwartung schaltete er sein
Handy an und wurde sofort vorwurfsvoll von GEUS begrüßt: “Wo warst du denn so lange, du hättest schon längst das nächste Level erreichen sollen!” “Aber ich war doch in der Schule und jetzt muss ich jede Menge Hausaufgaben machen.” “Kein Problem für GEUS; sag mir die Aufgaben!” “Also: 2/3 + 3,5 – 3/8 * 7.” In weniger als einer zehntel Sekunde kam die Antwort: “Das macht 37/24.” “Wow!”, staunte Gaspar. “GEUS, du bist ein echter Freund .” In diesem Moment klingelte sein Handy: Max rief an. Schnell nahm Gaspar ab: “Hi Max, was ist?” “Ich wollte dich nur fragen, ob wir heute wieder Fußball spielen auf dem Bolzplatz? Oskar, Flo und Tom sind auch dabei.” “Sorry, heute geht's nicht”,erwiderte Gaspar und legte auf. Auch bei den nächsten neun Aufgaben enttäuschte GEUS Gaspar
nicht und löste diese in Rekordgeschwindigkeit So ging es weiter, bis GEUS alle Hausaufgaben für Gaspar erledigt hatte .
“Und heute nehme ich einmal den lieben Gaspar dran”, sagte die strenge Mathelehrerin der 6b, Frau Minerva, am nächsten Morgen in die Runde. Mit scharfem Blick starrte sie den völlig verzweifelten Gaspar an. “Komm doch bitte mal vor an die Tafel.” Seine Beine schlotterten, als er nach vorne schlich. Da war es wieder, dieses komische Gefühl, von dem er auch schon GEUS berichtet hatte.Doch jetzt war es zu spät, denn da stellte die Lehrerin schon die erste Frage: “Bitte rechne doch mal die erste Aufgabe der Hausaufgabe vor.” Er hatte zwar das Ergebnis, aber ihm fiel der Lösungsweg nicht ein. “Gaspar, das war ja gar nichts heute! Dann muss ich dir wohl die Note 6 eintragen … so, Leute, jetzt holt mal alle eure Bücher raus!” Die nächsten Tage waren nicht einfach für Gaspar. In der Schule lief es katastrophal für ihn und Zuhause hatte er ständig Arger mit seinen Eitern. Als dann auch noch der Brief von Herrn Baumgartner eintraf, waren seine Eitern mit ihren Nerven am Ende und beschlossen, mit Gaspar ein ernstes Wort zu reden. Dieses Mal konnte er seine Eitern noch beschwichtigen und er versprach, in der Schule besser mitzuarbeiten. Doch dann rief unglücklicherweise seine Klassenlehrerin Frau
Minerva an und das war der Zeitpunkt, wo sich für Gaspar alles ändern sollte. Sein Handy bekam er von nun an nur noch zwei Stunden am Tag, die Hausaufgaben musste er jetzt unter Beobachtung seiner Mutter erledigen und am Abend wurde er mit Fragen über den Schulstoff für den nächsten Tag gelöchert. Die Situation war einfach unerträglich. ln den wenigen Stunden, in denen er sich mit CEUS austauschen konnte, war dieser kurz angebunden und stellte den Jungen vor die unmöglichsten
Aufgaben. Gaspar sollte während des Unterrichts sein Handy angeschaltet lassen, er drängte ihn, das nächste Level bei School Heros zu erreichen und seinen Freunden peinliche Nachrichten zu schicken. Auch in seiner Klasse hatte er jetzt einen schweren Stand, seitdem Max ein Gespräch mit CEUS
mitbekommen hatte. Inzwischen hatte Max sich zudem ganz eng mit Gaspars größtem Feind Christian befreundet, da Gaspar in den letzten Wochen ohnehin keine Zeit mehr für ihn gehabt hatte. Immer, wenn Gaspar sich nicht an die verabredete Zeit mit CEUS hielt, leuchteten grelle Blitze auf seinem Handy auf und es gab nicht wenige, insbesondere seine Eltern, die sich dadurch ziemlich erschreckt hatten. Es war Nacht. Gaspar war allein auf einer ihm unbekannten Straße unterwegs. Ein Gewitter bahnte sich an, von weitem hörte man Donnergrollen. Plötzlich hielten große, graue Autos neben ihm und grau gekleidete Männer mit Aktenkoffern stiegen aus. Erst waren es zwei, dann vier, dann wimmelte es nur so von ihnen. Sie hatten Handys in ihren Händen und starrten unaufhörlich auf ihre Displays, die ihre Gesichter fahl beleuchteten. Nur vereinzelt konnte er die Wörter verstehen , die sie in ihre Headsets sprachen: “tempus fugit” … “vita somnium breve” … “carpe diem” und noch vieles mehr, was er nicht verstehen konnte. Warum sprachen sie lateinisch und was wollten sie von ihm? Es wurden immer mehr, er fühlte sich in die Enge getrieben. Einige schütteln ihm die Hand und zeigten ihm Medaillen oder Pokale auf ihren Displays. “Tempus- ja, die Zeit, meine Lebenszeit .. . ist endlich!” Schweißgebadet wachte er auf, denn im Traum sah er sich als alten Mann, der immer noch dem
nächsten Level nachjagte und der nichts erreicht hatte. Am nächsten Morgen wurde Gaspar unsanft von CEUS monotoner Stimme geweckt: “Aufstehen !” Er musste sich erst sammeln, bevor ihm einfiel, dass heute der Wandertag in der Schule anstand. Kurz
vor dem vereinbarten Treffpunkt kam Gaspar keuchend am Münchner Hauptbahnhof an. Frau Minerva warf ihm einen scharfen Blick zu. Während der ganzen Zugfahrt piepste Gaspars Handy im Abstand von wenigen Minuten und alle waren neugierig, von wem die Nachrichten kamen. Frau Minerva fuhr ihn daraufhin schroff an: “Auch während des Wandertages lassen wir das Handy ausgeschaltet, Gaspar Vaubel! “. Erst während der Wanderung traute sich Caspar, das Handy wieder anzuschalten. CEUS wusste schon, wo er war: “Du befindest dich auf 843 Höhenmetern, heute wird es 22 Grad Celsius warm”. Gaspar ging abseits von der Gruppe. CEUS schlug ihm eine Abkürzung vor, so dass er sich immer weiter von seinen Mitschülern entfernte. Schließlich dröhnte es aus seinem Handy: “Stopp! Siehst du die kleine Felsspalte fünf Meter rechts von dir?” “Ja … “, antwortete Gaspar zögerlich, denn er hatte eine schreckliche Vorahnung. Mit schlotternden Knien tastete er sich an den Rand der Felsspalte. Sie mochte wohl zwölf Meter tief und einen Meter breit sein. “Spring doch mal drüber! Komm, trau dich !” Er ging ein paar Meter zurück, um Anlauf zu nehmen – dann klirrte es. Von weitem hörte man das Rufen seiner Klassenlehrerin und seiner Klassenkameraden “Gaspaaaaar!”

Jakob Haas und Philipp Wiedmann haben den 1. Preis in der Altersgruppe der 11- bis 12-Jährigen gewonnen.