Tod auf dem Meer

Ich drehte gerade eine letzte Kontrollrunde auf dem Deck der USS Eisenhower. Mein
Kontrollrundgang war fast beendet, als mir ein Schuh, der aus einer halb geöffneten
Werkzeugkiste herauslugte, ins Auge stach. Verdammt, ich hatte ein ganz mieses Gefühl!
Als ich den Schuh entfernen und die Kiste ordnungsgemäß verschließen wollte, musste ich
eine grauenhafte Entdeckung machen. Selbst als ausgebildeter Offizier, der für die
Sicherheit der über 5000 Mann starken Besatzung verantwortlich war, war ich auf die
Vorgänge der letzten Zeit nicht vorbereitet.
Ein toter Soldat lag zusammengekrümmt zwischen dem Werkzeug in der Kiste. Verflucht,
das war schon die vierte Leiche, seit unserer Abfahrt vor zwei Wochen!
Sofort machte ich beim leitenden Offizier Meldung. “Captain Banner, wir haben wieder
einen Toten. Am Achterdeck. Keine erkennbaren Spuren von Gewalt.” “Ich bin sofort bei
ihnen, bitte behalten Sie das erst einmal für sich, damit die Mannschaft nicht in Panik
gerät.”
Auch die anderen drei Leichen lagen ohne äußerlich erkennbare Verletzungen, in Kisten
versteckt. Nur warum? Zumindest war ziemlich wahrscheinlich, dass es sich um gezielte
Morde handelte. Aber woran sind die Personen gestorben? Gab es einen Zusammenhang
zwischen den Opfern? Wer war der Mörder und wieso sollte jemand so etwas tun? Als der
Captain kam, seufzte er:“Morgen kommt das nächste Versorgungsschiff. Es kann die Toten
zum Stützpunkt bringen. Dort können sie auf die Todesursache untersucht werden. Erst dann
wissen wir mehr. Bis dahin bleiben Sie bitte wachsam! Und versuchen Sie herauszufinden,
welchen Zusammenhang es zwischen den Opfern gibt.” “Ja, Sir, ich mache mich umgehend
an die Arbeit”,erwiderte ich und bat meinen Teammitarbeiter, Petty Officer Second Barns,
die Leiche zu den anderen in den Kühlraum zu bringen.
Danach machte ich mich auf den Weg in mein Quartier. Dort hatte ich einen Computer, von
dem aus ich, durch meinen Rang als First Leutnant, Zugriff auf sämtliche Personalakten
der Besatzung hatte.
Der erste Tote war Petty Officer Bruce Miller, 35 Jahre, zuständig für die Einführung der
neuen Kadetten. Er wurde von einem meiner Marines in einer Werkzeugkiste im
Maschinenraums entdeckt. Dann fanden wir Petty Officer Second Lucas Graham, 35 Jahre,
zuständig für die Weiterbildung und Beförderung der Soldaten. Er lag ebenfalls in einer
Kiste im Frachtraum, wo er nur durch Zufall bei Reinigungsarbeiten gefunden wurde.
Danach kam Adam Lane, 35 Jahre, er wurde vor kurzem erst zum Petty Officer First
befördert. Sein Leichnam befand sich in einer Munitions-Truhe. Bei dem Mann, den ich
soeben entdeckt hatte, handelte es sich um Justin Lewis, 35 Jahre, er war Second Lieutenant
und zuständig für Personalangelegenheiten.
Allmählich dämmerte es mir. Alle Opfer hatten das selbe Alter. Mit jeder weiteren Leiche
stieg auch der Rang des Opfers. Und alle Vier waren irgendwie für die Ausbildung oder
Beförderung der Soldaten zuständig. Das konnte doch wohl kein Zufall sein! Und warum
warf der Täter seine Opfer nicht einfach über Bord, sondern steckte sie in Kisten oder
Truhen, wo sie relativ schnell gefunden wurden?
Nach dieser Erkenntnis war es das Beste, mich mit meinem engsten Mitarbeiter zu beraten.
Also rief ich Petty Officer Second Barns, den ich bereits aus meiner Studienzeit auf der
Militärakademie kannte. “Frank, gut, dass du da bist.” Frank war eher ein ruhiger,
besonnener Typ, der mir durch seine Art immer eine sehr große Hilfe war. “So langsam
wird die Lage brenzlig, wir können die Todesfälle nicht länger vor der Besatzung geheim
halten. Ich habe mir gerade die Personalakten angesehen. Dabei ist mir aufgefallen, dass alle
Toten gleich alt waren und dass der Rang der Opfer jedes mal höher wurde. Außerdem
hatten alle Vier mit der Rekrutierung, Ausbildung oder Beförderung der Besatzung zu tun.
Das stinkt doch zum Himmel!” “Du hast recht, wir sollten der Spur unbedingt nachgehen,”
erwiderte Frank und blickte nachdenklich auf den Bildschirm. “Haben wir denn
irgendwelche Fingerabdrücke?” “Wir haben leider so viele Fingerabdrücke gefunden, als wäre es der Türgriff des Versammlungsraums. Das hilft uns im Moment nicht weiter!
Hoffentlich haben wir bald den Obduktions-Bericht.” “Okay, dann lass uns erst mal darüber
schlafen, ohne den Bericht kommen wir eh nicht, weiter,” meinte Frank gähnend und verließ
den Raum.
Am nächsten Morgen kam auch schon das Versorgungsschiff und transportierte die Leichen,
dank Franks Bemühungen, unauffällig ab.
Bei ruhigem Seegang durchkreuzten wir zwei Tage unser Einsatzgebiet, als schließlich die
Obduktions-Ergebnisse eintrafen. Bei allen Toten wurde eine Überdosis Drogen gefunden,
die zum Herzstillstand führte. Verdammt, wie konnte jemand Drogen auf das Schiff
schmuggeln, ohne dass ich oder mein Team es bemerkten? Außerdem waren bei diesen
Soldaten keinerlei Hinweise auf Drogensucht in der Personalakte vermerkt, sonst wären sie
niemals bei der Navi aufgenommen worden. Irgendwas lief hier gewaltig aus dem Ruder!
Sofort wies ich das gesamte Sicherheitsteam an, das Schiff auf Drogen zu durchsuchen.
“Jeff hier Frank. Wir haben hier etwas Interessantes gefunden, komm am Besten selbst zum
Versorgungsraum 301 und sieh es dir an.” Eilig lief ich zu ihm in den unteren Teil des
Schiffes, wo sich die Versorgungsräume für die Schiffsküche befanden. In einer
Kühlkammer hatte mein Team eine Kiste voll Drogen entdeckt. “Wer auch immer diese
Drogen hier versteckt hat, musste Zugang zu diesem abgeschlossenen Raum gehabt haben.
Es kommen also nur leitende Mitarbeiter der Versorgung in Frage.”
Sorgfältig packten wir das Beweismaterial ein und gingen in meinem Quartier die
Personalakten der Versorgungsmannschaft durch. “Was ist mit dem hier, Petty Officer Paul
Winter? Er ist einer der wenigen mit Zugangsberechtigung zu den Vorratsräumen. Er wäre
eigentlich schon befördert worden, wenn er nicht in seiner Jugend wegen Diebstahl
vorbestraft worden wäre,” bemerkte Frank. “Das würde auch das Motiv erklären, Rache,
weil er bei den Beförderungen übergangen wurde.”
“Dann lass ihn uns beobachten, bestimmt kehrt er bald in diesen Raum zurück, um
Nachschub zu holen. Dann haben wir ihn!” ordnete ich an.
Also beobachteten wir den Raum rund um die Uhr und schon am nächsten Abend lief uns
der Verdächtige ins Netz. “Petty Officer Paul Winter, sie sind hiermit wegen Mordverdacht
festgenommen!” “Was soll das? Was für ein Mord? Ich weiß nicht wovon Sie reden!”
wehrte sich dieser aufgebracht. “Wir haben ihre Drogen im Kühlraum gefunden” “Ja, aber
was hat das mit Mord zu tun?” “Sie wollten sich dafür Rächen, dass sie bei der Beförderung
zu kurz gekommen sind und haben deshalb den dafür zuständigen Offizieren Drogen
verabreicht!” beschuldigte ihn Frank lautstark und packte ihn unsanft am Arm. So energisch
kannte ich Frank noch gar nicht, sonst war er immer die Ruhe selbst. “Bringen Sie den
Verdächtigen vorerst in die Arrestzelle” wies ich zwei meiner Leute an. Diese führten den
laut protestierenden Petty Officer ab. “Für mich ist er ganz klar schuldig!” warf Frank mit
einem verächtlichen Unterton ein.
Beim anschließenden Verhör gab Paul Winter schnell zu, dass es sich um seine Drogen
handelte. “Wieso sollte ich ich so teure Drogen dafür verschwenden irgendwelche Offiziere
umzubringen? Finden Sie lieber den Schweinehund, der mir die Hälfte des wertvollen
Stoffes geklaut hat!” “Erzählen sie uns keinen Mist,” unterbrach ihn Frank und packte ihn
am Kragen. Irgendwie kam mir Franks Verhalten in letzter Zeit merkwürdig vor. Er verhielt
sich viel unbeherrschter als sonst. “Ich denke ich habe genug gehört,” beendete ich das
Verhör und zog mich in mein Quartier zurück um die Sache zu überdenken.
Allmählich kamen mir Zweifel, das ging alles etwas schnell, die Lösung war zu einfach. Ich
hatte das Gefühl, dass ich hier irgendetwas übersehen habe. Frank hat den Verdacht sofort
auf den “Richtigen” gelenkt. Aber was hatte es mit den Kisten auf sich? Und wieso waren
alle Opfer 35 Jahre alt?
Ich sah mir die Akten der Ermordeten noch einmal genauer an und bemerkte dabei, dass alle
Vier im selben Jahrgang als Kadetten auf der Militärakademie in Illinois waren. Daher
durchsuchte ich die Website der Akademie nach den Jahrgangsfotos. Als ich das richtige
Foto gefunden hatte, stieß mir noch eine weitere Person ins Auge. Es war Franks Bruder
Collin Barns. Starb er nicht damals während der Ausbildung?” Plötzlich überkam mich das
ungute Gefühl nicht allein im Raum zu sein. Doch als ich mich umdrehte war es schon zu
spät. Frank stand angespannt hinter mir und hatte eine Spritze in der Hand. “Es tut mir leid,
alter Freund, aber du hast schon zu viel gesehen.” sagte Frank mit Schweißperlen auf der
Stirn. “Konntest du nicht einfach den Fall abschließen.” Ungläubig starrte ich ihn an. “Was
zur Hölle ist in dich gefahren? Und was hast du mit dieser Spritze vor?” Unauffällig
versuchte ich an meine Waffe in der Schreibtischschublade zu kommen, doch Frank
beobachtete mich zu genau. Ich versuchte ihn mit Fragen abzulenken. “Was ist in Illinois
mit deinem Bruder passiert?” “Diese Schweine haben ihn auf dem Gewissen. Sie haben ihm
damals bei einer Party Drogen gegeben. Er ist ohnmächtig geworden und statt ihm zu
helfen, haben sie sich über ihn lustig gemacht und ihn in eine Kiste gesteckt. Als er am
nächsten Morgen gefunden wurde, war er bereits tot. Herzversagen. Man hätte ihm helfen
können, wenn er sofort in ein Krankenhaus gebracht worden wäre und man ihn nicht
stattdessen in eine scheiß Truhe gesperrt hätte.” Während Frank in Rage erzählte, konnte ich
unauffällig nach meiner Waffe greifen. “Als ich erfuhr, dass alle Vier, die damals daran
beteiligt waren, sich auf diesem Schiff befinden, konnte ich mir diese Chance nicht
entgehen lassen. Die Drogen von Petty Officer Wmter kamen mir gerade recht. Jetzt wissen
sie wie das ist, hilflos, mit Drogen vollgepumpt, in einer Kiste kläglich zu verrecken!” Ich
konnte es immer noch nicht wirklich glauben. Frank, mein guter alter Freund! Ein
kaltblütiger Mörder! Frank kam mit zittrigen Händen auf mich zu. “Leider muss ich dich
nun auch aus dem Weg räumen, jetzt wo du mein Geheimnis kennst.” Aber bevor er mir die
Spritze in den Arm rammen konnte, richtete ich meine Waffe auf ihn. Doch in dem Moment
stach sich Frank die Spritze mit der tödlichen Dosis selbst in den Hals und brach zusammen.
Sofort zog ich ihm die Spritze wieder heraus, aber es war schon zu spät! Schockiert musste
ich mit ansehen, wie mein bester Freund vor meinen Augen starb.

Quentin Magor hat den 2. Preis in der Altersgruppe der 13 und 14Jährigen gewonnen.