Den Tigern auf der Spur
Inzwischen übte ich seit geschlagenen dreieinhalb Stunden das leise Schleichen über den weichen Untergrund des Dschungels. Über mir kreischten einige Affen lautstark, gelegentlich zwitscherten ein paar Vögel. Soweit ich es heraushören konnte waren es Papageien-Breitrachen – nichts ungewöhnliches, denn hier, im dichten Urwald Sumatras verstummte die Welt nie. Zu keiner Tages- oder Jahreszeit. Vorsichtig bewegte ich mich zwischen den Bäumen und Büschen, Blumen und Blättern. Hier und da flatterte ein einsamer Schmetterling vorbei, ansonsten begegnete ich niemandem – ebenfalls nichts, das mir zu Denken gab. Ich seufzte leise. Schön langsam hatte ich wirklich genug. Zwar schmerzte keines meiner Körperteile, da ich dieses gebückte Laufen gewohnt war, aber das hieß noch lange nicht, dass es mir Spaß machte. Ich war gerade dabei, mich wieder in eine aufrechte Haltung zu begeben und mich auf den Weg zurück zu unserem Haus zu machen, um den sonnigen Tag wenigstens noch ein bisschen zu genießen, als ich ein sonderbares Geräusch hörte. Kurz überlegte ich. Ein Tiger war es nicht gewesen, auch kein Affe oder Vogel. Nein, es hatte sich angehört wie … Ja, doch, es hatte sich angehört wie der Motor eines Autos, der abgestellt wird. Aber wer wollte schon hier, mitten in der Wildnis parken oder gar einen kleinen Spaziergang machen? Ein Einheimischer war es nicht, denn diese fuhren mit ihren Wagen nur in die Stadt, um ihre Einkäufe zu erledigen. Und auch das geschah nur etwa einmal im Monat, denn hier versorgte man sich selbst mit Essen und Trinken. Vielleicht waren es Touristen, denen der Sprit ausgegangen war oder die ein anderes Problem hatten. Wenn dem so war, dann brauchten sie auf jeden Fall dringend Hilfe. Kurz entschlossen eilte ich in die Richtung, aus der der Lärm gekommen war. Dabei machte ich ein Spiel daraus, mich möglichst leise zu bewegen, denn so konnte ich meine Schleichkünste gleich in der Realität austesten. Schon nach kurzer Zeit hörte ich Stimmen. Nach meiner Berechnung waren es zwei Männer. Sie hatten einen leichten Akzent. Also hatte ich doch Recht gehabt mit meiner Vermutung, dass es Touristen waren. Allerdings hörte es sich nicht so an, als ob sie Hilfe bräuchten. Ohne es wirklich zu wollen oder darüber nachzudenken, wagte ich mich ein bisschen näher heran, kauerte mich hinter einige Büsche neben einer Kamerafalle und lauschte. Leider verstand ich nur einige Bruchstücke, da die beiden ein Kauderwelsch aus malaiisch und einer anderen mir unbekannten Sprache sprachen: „Habe noch zwei … hunderttausend … “, „morgen … gleiche Zeit, gleicher Ort“, „Geschäft läuft gut…“ Jetzt brachen sie ab, verabschiedeten sich voneinander und jeder stieg in eines der beiden neben ihnen stehenden Autos. Kurz darauf fuhren sie in unterschiedliche Richtungen davon. Eigentlich schade. Ich hätte gerne jemandem geholfen, aber diese Männer hatten nur irgendein Geschäft abgeschlossen oder etwas ähnliches. Schulterzuckend machte ich mich auf den Heimweg. Die Unterhaltung hatte ich schon bald wieder vergessen. Nur kurze Zeit später erreichte ich unsere wohnliche, kleine Hütte. Sogleich legte ich mich in meine gemütliche, aus Bambus zusammengezimmerte Hängematte und betrachtete die vereinzelt vorbeischwebenden, strahlend weißen Wolken vor einem gleißend blauen Himmel. Wenige Minuten nach meiner Ankunft traf auch mein Vater ein. Ohne ein Wort des Grußes verschwand er fluchend nach drinnen. Verwundert folgte ich ihm. Er saß nicht wie gewöhnlich am Esstisch und aß ein paar Kekse, sondern lag auf der Couch und schimpfte vor sich hin. „Was ist denn los?“, fragte ich vorsichtig. „Ach verflixt nochmal!“, schrie er, entdeckte mich und räusperte sich. „Äh, entschuldige mein Kind. Das galt nicht dir. Es ist nur so“ – schön langsam beruhigte er sich – „dass ich heute schon wieder Spuren von Wilderern entdeckt habe. Anscheinend haben sie zwei Tiger erwischt. Zwei!“ „Schon wieder!?“, ungläubig riss ich die Augen auf. Papa nickte nur, während ich einen Entschluss fasste: Ich würde die Wilderer enttarnen! Eine Sekunde später flitzte ich in mein Zimmer und wühlte nach meinem nagelneuen Aufnahmegerät. Währenddessen musste ich wieder an meinen Vater denken. Für ihn war das ein großer Verlust, denn er züchtete die vom Aussterben bedrohten Sumatra Tiger und wilderte die Nachzuchten größtenteils aus. Da war es ja! Ich zog das Aufnahmegerät – mein Aufnahmegerät – unter einem Stapel Bücher hervor und setzte mich auf mein Bett. Wo sollte ich nur anfangen. Ich überlegte. War irgendetwas in den letzten Tagen anders als sonst gewesen? Ich war jeden Tag ganz normal nach Dumbalvi in die Schule gegangen. Außer natürlich heute am Sonntag sowie am gestrigen Tag, da hatte ich wie immer am Wochenende mein Schleichtraining absolviert und war danach nach Hause … – Moment! – Das Gespräch! Der eine Mann, ein kurzhaariger mit grünen Augen und schwarzen Haaren hatte etwas von zwei gesagt und mein Vater hatte doch zuvor erwähnt, dass er zwei weitere Spuren von Wilderern entdeckt hatte. Vielleicht hatte diese Person auf die armen Tiere geschossen, sie betäubt und nun versucht – oder es geschafft – sie zu verkaufen. Das nächste, das ich verstanden hatte, war … ich strengte mein Gehirn an. Genau! Das nächste war zehntausend gewesen. Nein, nicht zehntausend, sondern sogar hunderttausend! Wenn das der Preis für die Tiger war, dann musste/n der/die Käufer ziemlich reich sein. Leider hatte ich das Gesicht des anderen Mannes nicht erkennen können, da er mir den Rücken zugewendet hatte. Trotz der Aufregung gähnte ich. Der Tag war lang gewesen und es dämmerte bereits. Daher ging ich noch kurz zu meinem Vater um ihm gute Nacht zu sagen, machte mich Bett fertig und fiel anschließend in mein Bett. Eine Weile dachte ich noch über die Tiger und die geheimnisvollen Männer nach, aber es dauerte nicht lange, bis mir die Augen zufielen und ich erschöpft einschlief.
Am nächsten Morgen läutete mein Wecker wie immer um halb sieben. Gähnend machte ich mich fertig, verabschiedete mich von meinen Eltern – meine Mutter war gestern erst spät nach Hause gekommen – und machte mich auf den langen Weg zur Schule. Montags hatten wir immer sechs Schulstunden (wenn du mich fragst viel zu viele) und ich rutschte unruhig auf meinem Stuhl hin und her, denn ich konnte es kaum erwarten aus dem Schultor zu treten um mit meinen Nachforschungen anzufangen. Kaum war der erlösende Gong ertönt, stürmte ich aus unserem Klassenzimmer, schnappt mir Regenjacke und Gummistiefel und rannte hinaus. Im Moment regnete es nicht und nur die von den Blättern der Bäume herunterfallenden Regentropfen erreichten mich. Den ganzen weiten Weg nach Hause lief ich. Keuchend erreichte ich schließlich mein Ziel und stützte die Arme auf die Knie. So schnell wie möglich ging ich in mein Zimmer und holte das Aufnahmegerät sowie meine Taschenlampe, die immer auf meinem Nachtkästchen stand. Ich würde sie brauchen. Meine Geschwister würden in Kürze ankommen. Sie hatten jetzt, anders als ich, Ferien und der Vater einer ihrer Freundinnen hatte angeboten, meine drei Schwestern mitzunehmen und hier abzuliefern. In einer halben Stunde war es soweit und zu diesem Zeitpunkt wollte ich nicht mehr anwesend sein. Daher machte ich mich auch sofort auf den Weg zu meinem Versteck, damit ich Papa nicht begegnete, denn dann würde ich hier bleiben und auf meine Schwestern warten müssen und hätte auch nicht die geringste Chance mich wegzuschleichen. Nach etwa fünf Minuten war ich angekommen. Linker Hand rauschte ein Wasserfall, aber vor mir – abgesehen von den Pflanzen, die von ihm herunterhingen – kahler Felsen. Ich steuerte auf einige dieser grünen Teile zu, schob sie beiseite – und stand mitten in einer geräumigen Höhle. Ich hatte sie vor etwa einem halben Jahr durch Zufall entdeckt, als ich im wahrsten Sinne des Wortes über sie gestolpert war. Nun setzte ich mich auf den Boden, lehnte mich mit dem Rücken an die Felsen und überlegte. Was hatten die Typen von gestern noch gesagt? War da nicht etwas von gleichem Ort, gleicher Zeit und morgen gewesen? Wenn dem so war, dann musste ich mich beeilen, denn dann hatte das Treffen schon begonnen. Zum zweiten Mal an diesem Tag rannte ich durch den Dschungel. Diesmal regnete es zwischendurch ein bisschen, allerdings war es nur ein Schauer, der kurz darauf auch schon wieder vorbei war. Als ich mich der Stelle näherte, an der sich die Männer schon gestern getroffen hatten, begann ich zu schleichen. Etwas zwei Minuten später hörte ich Stimmen. Ich kauerte mich wieder hinter die gleichen Büsche. Plötzlich fiel mein Blick auf die Kamerafalle neben mir. Ich lächelte, schaltete mein Aufnahmegerät ein und hielt es halb vor die Kamera. Die Männer hatten heute beide ihre Mützen tief in das Gesicht gezogen. Dann lauschte ich auf die Stimmen der Verbrecher. Auch diesmal verstand ich nur Wortfetzten. „Heute … Tiger … anschauen …“ „Höhle … fünf … vorsichtig.“ Sie beendeten das Gespräch, gingen aber nicht etwa zu ihren Jeeps, sondern in den Urwald hinein. Ich schaltete den Rekorder aus. Gerade wollte ich Ihnen folgen, als mein Blick auf ein schwarzes Ding fiel, das sie wohl verloren hatten. Ich hob es auf, steckte es ein und begann mit der Verfolgung. Der nun wieder einsetzende Regen half mir dabei, da ich am Anfang laufen musste um sie wieder einzuholen. Nun hatte ich sie erreicht und schlich vorsichtig von Baum zu Baum und von Busch zu Busch. Einige Male drehten sie sich um und sahen nach, ob ihnen jemand folgte. Zum Glück entdeckten sie mich nicht, da ich mich jedes Mal gerade noch rechtzeitig hinter einen Busch ducken konnte. Die Wilderer sprachen nicht miteinander, sondern gingen schweigend hintereinander her. Auf einmal wurde das Rauschen des Wassers lauter, aber es fielen nicht noch mehr Regentropfen vom Himmel. Nein, wir mussten uns in der Nähe des Flusses befinden! Unterwegs hatte ich jedes Zeitgefühl verloren. Eine Uhr besaß ich nicht. Auch am Stand der Sonne konnte ich die Uhrzeit nicht ablesen, da diese von den Wolken verdeckt wurde. Jetzt deutete einer der beiden auf etwas vor ihm. Mir stockte der Atem. Es war meine Höhle. Ich schluckte. Nun betraten die Ganoven die Grotte. Ich stellte mich neben den Eingang und lugte vorsichtig durch den dichten Vorhang aus Pflanzen. Der eine zog eine Taschenlampe aus seiner Manteltasche und ließ den Lichtkegel über die Felswände schweifen. Anschließend zeigte er auf eine Stelle, berührte sie, machte einen Schritt nach vorne und verschwand. Der andere folgte und auch ihn konnte ich nun nicht mehr erkennen. Ich wartete noch eine Minute, als sich aber noch immer nichts rührte, wagte ich mich hinein. Alles war still. Nun ja, man hörte zu mindestens keine Stimmen, sondern nur das stetige Rauschen des Wasserfalls und das Prasseln des Regens. Ich tastete die Wand an der Stelle, an der die Männer verschwunden waren, ab. Meine Taschenlampe anzuknipsen traute ich mich nicht. Zehn Sekunden später fühlte ich einen Spalt im Felsen. Im gleichen Moment schwenkte die Wand an der Stelle, an der ich meine andere Hand hatte, zurück und ich taumelte in einen stockfinsteren Gang, der noch weiter in den Felsen hinein führte. Obwohl ich inzwischen etliche Male hier gewesen war, hatte ich die Öffnung nie bemerkt. Mir schlug das Herz bis zum Hals. Langsam wagte ich mich weiter vor. Ich konnte die Hand nicht mehr vor den Augen erkennen. Trotzdem traute ich mich nicht meine Taschenlampe zu benutzen. Nach einer gefühlten Ewigkeit wurde es heller und ich erreichte das Ende des Ganges. Vor mir lag ein großer See. Die Decke über ihm war mindestens fünfzehn Meter hoch. Auf der anderen Seite des Gewässers schaukelte ein kleines Boot im fahlen Licht, das durch einige Löcher in der Decke fiel. Staunend sah ich mich um. Soweit ich es erkennen konnte, müsste ich quer über den See schwimmen, um das andere Ufer zu erreichen. Nach einer kurzen Unschlüssigkeit zog ich Jacke und Gummistiefel aus und lies mich ins Wasser gleiten. Das Aufnahmegerät und das schwarze Ding über Wasser haltend schwamm ich hinüber. Dies war anstrengender als ich zunächst gedacht hatte und an der anderen Seite angekommen, musste ich erst einmal tief durchatmen. Von meinem Standort aus führte ein zweiter Gang weiter. Hier standen rechts und links Kisten, dem Geruch nach – denn sie waren verschlossen – voller Fleisch. Jetzt vernahm ich leises Gemurmel und hin und wieder war ein Fauchen oder Knurren zu hören. Der Geruch von Tiger stieg mir in die Nase. Das Aufnahmegerät entglitt meinen nassen Händen und viel mit einem dumpfen Aufprall auf den Boden. „Was war das?“, meinte jetzt einer der Verbrecher. „Komm, sehen wir nach!“ Er sprach langsam und verständlich, so dass ich alles mitbekam. Jetzt näherten sich ihre Schritte. Stocksteif stand ich da. Vor Schreck konnte ich kaum Atmen, als die beiden Gestalten vor mir auftauchten, schaffte ich es gerade noch das Aufnahmegerät mit meinem Fuß unter eine, der auf Rollen stehenden Kisten, zu schieben. Ich hatte einen Kloß im Hals und musste schlucken. Ehe ich auch nur Tiger sagen konnte, hatte mich einen Hand gepackt und in einen weitere Höhle geschleift. Hier standen fünf Käfige mit jeweils einem Tiger. „Wen haben wir denn da?“ Die beiden lachten hämisch. Dann öffneten sie einen sechsten Käfig der so hinter einem Felsvorsprung stand, dass ich ihn zunächst nicht bemerkt hatte. Ich zitterte vor Angst. Wenn ich erst einmal darin wäre, würde ich vielleicht nie wieder herauskommen. Der Zufall kam mir zu Hilfe, denn plötzlich brüllte einer der Tiger, so dass der Mann, der mich festhielt, einen Moment lang unachtsam war und ich riss mich los. „He! Komm sofort zurück!“ Sie nahmen die Verfolgung auf. Noch im Laufen schnappte ich mir meinen Rekorder, der durch die leichte Schräge des Ganges unter der Kiste hervorgerutscht war. Am See sprang ich in das Boot, riss es los und begann zu rudern. Glücklicherweise hatte mein Vater mir gezeigt, wie das ging. Einer der Banditen hechtete dem Boot hinterher, verfehlte es allerdings um einige Zentimeter und platschte in das dadurch aufspritzende Wasser. Schwimmend kamen beide nur langsam voran, sodass sich mein Vorsprung vergrößerte. Trotzdem rannte ich im Schein meiner Taschenlampe, die trotz den Strapazen noch funktionierte, durch den langen Gang. Leider wusste ich nicht, wie man den Felsen wieder zufallen lassen konnte, daher lief ich einfach weiter. Draußen gönnte ich mir keine Verschnaufpause, obwohl ich vollkommen erschöpft war. Im Laufen kam ich aus Versehen an den Knopf des schwarzen Gerätes, aber ich hatte keine Zeit, um darauf Rücksicht zu nehmen. Endlich kam ich zu Hause an. Dort sprachen meine Schwestern noch mit ihrer Freundin, deren Vater ungeduldig wartete. Keuchend und tropfend erzählte ich die ganze Geschichte. Sofort ließen sie mich in den Wagen einsteigen und gemeinsam mit dem Vater der Freundin fuhr ich zu der Kamerafalle, packte sie ein und weiter zur nächsten Polizeiwache. Durch die Aufnahmen der Kamera und des Rekorders glaubten sie mir. Sie gaben uns sofort einige ihrer Männer mit. Dennoch wollten sie sich erst die Höhle ansehen, bevor sie die Spur der Verbrecher aufnahmen. Unterwegs ließen wir einen der Polizisten als Wache bei den noch parkenden Autos der Gauner zurück. Als wir an der Höhle ankamen, erlebten wir eine Überraschung. Die Öffnung zu den Gängen war verschlossen und dahinter schimpften zwei gewisse Männer! Verwundert sahen alle mich an, aber auch ich konnte nur mit den Schultern zucken. Sie fluchten noch immer, als sie abgeführt wurden, und warfen mir so wütende Blicke zu, dass ich nur froh sein konnte, dass diese nicht töten konnten. Erst später, als ich eine Aussage auf dem Revier machen musste, fiel es mir wieder ein; Beim Laufen war ich an den Knopf des schwarzen Gerätes gekommen. Das musste den rettenden Mechanismus ausgelöst haben! Die Wilderer würden erst einmal für ein paar Jährchen ins Gefängnis wandern, denn sie wollten die Tiger illegal verkaufen, was sie zu guter Letzt auch noch zugaben. Alle Kinder aus meiner Klasse bewunderten mich zwar für meinen Mut und dafür, dass ich die Verbrecher gefasst hatte, aber für mich war es das Allerwichtigste, dass es den Tigern jetzt wieder gut ging.

Claudia Weidner hat den 2. Preis in der Altersgruppe der 11 + 12 Jährigen gewonnen