Anonym 4237
Verzweifelt schlug sie gegen die Tür. Sie hatte Stimmen gehört. Fremde Stimmen. „Helfen Sie mir! Bitte…“, krächzte sie mit letzter Kraft. Schritte ertönten, kamen immer näher… knarzend öffnete sich die Tür…
‚Schon wieder werden 3 weitere Frauen vermisst. Die Polizei versucht alles, um den mysteriösen Täter zu schnappen und die sehr wahrscheinliche Mordserie zu beenden. Wir bitten darum, dass Sie sich bei jedem winzigen Indiz an die Polizei wenden. ~Josef Andrigo, oberster Polizeipräsident Essen‘
Gelangweilt legte Tobias Kjargen die Zeitung zur Seite. Seit 3 Monaten gab es nichts Anderes, über das sie schrieben. Frauen hier entführt, Frauen da entführt… Er fuhr seinen PC hoch und das Erste, was ihm ins Auge fiel, war eine Nachricht. Neugierig klickte er darauf, woraufhin sich Darknet öffnete. Ein finsteres Grinsen erschien auf seinem Gesicht. Es gab einen Interessenten an seiner Colt M1911.
Anonym 4237: Wie viel Kohle willste für die Knarre?
Mr.Drugs: 3.350 $
Anonym 4237: Gut. Komm um 14 Uhr in die Elgenstraße 5. in der Nähe des Ludwig Zentrum. Ich erwarte dich im Keller.
Mr.Drugs: Pünktlich und bring die Kohle mit.
Es war mittlerweile 13:47 Uhr und Kjargen war auf dem Weg zum Treffpunkt. Quietschend kam der Wagen vor dem alten Haus zum Stehen. „Was ist das denn für ‘ne Bruchbude?“, murrte er vor sich hin während er den Kofferraum öffnete und die dunkle Tasche herauszog. Nachdem er das Auto abgesperrt hatte, lief er der verrosteten Tür entgegen und drückte diese mühelos auf. Von der Decke rieselte Putz, was bei dem jungen Mann einen Hustenanfall verursachte. Misstrauisch betätigte er den Lichtschalter vor der Kellertreppe, wodurch das Licht nach kurzem Knacken und Zischen flackernd die Treppe und ihre Umgebung erleuchtete. Auf Zehenspitzen nahm Tobias die Stufen, jede einzeln, und bemühte sich, möglichst keinen Lärm zu verursachen. Vorsichtig schielte er um die Ecke. Erst rechts dann links. Niemand. Irgendwas stimmte hier nicht, dass war ihm klar. Das hier war schließlich nicht das erste krumme Ding, das er in seinem Leben drehte. „Hallo? Ist da wer?“ Seine Stimme hallte durch den Gang. Keine Antwort. Dachte er zumindest, bis er ein leises Wimmern vernahm. „Helfen Sie mir… bitte!“ Langsam näherte er sich der eisernen Tür, auf der in dunklen Großbuchstaben `ABSTELLRAUM UNBEFUGTER ZUTRITT VERBOTEN´ stand. Der Mann sah sich noch einmal um, bevor er zitternd die Eisentür aufzog. Doch er konnte nicht mal einen Blick auf das Innere erhaschen, denn ruckartig drückte ihn jemand gegen die Tür, die mit einem lauten Knall wieder zufiel. Eine raue Stimme knurrte ihm ins Ohr: „Was wollen Sie hier? Ich dulde keine neugierigen Fremden…“ Für einen Moment zitterten Kjargen die Knie, doch dann riss er sich zusammen. Du bist doch kein Kleinkind, Tobias! „Sind Sie Anonym ehhhh… 4237?“ fragte er neutral und drehte sich in den Armen des großen Mannes um. Blonde Haare…Dreitagebart…verheiratet…ca. 40 Jahre alt. Tobias Blick hing förmlich an dem goldenen Ehering, welcher nicht gerade wertlos aussah. „Mr.Drugs also… ich hatte Sie mir irgendwie anders vorgestellt…“ „Es geht hier nicht um mein Aussehen. Haben Sie das Geld dabei?“ Der Blonde zog eine Brieftasche mit einer großen Menge Scheinen hervor. Als Tobias nach einem greifen wollte, zog Anonym die Hand weg. „Ahahaha, erst will ich die Knarre sehen!“ Der Andere murrte und hob die dunkle Ledertasche vom Boden auf. Langsam zog er an dem Reißverschluss, der ein surrendes Geräusch von sich gab. Zum Vorschein kam eine glänzende Pistole. Misstrauisch betrachtete der Käufer diese. „Ist die wirklich echt? N´ 45 Kaliber?“ Tobias nickte augenrollend. „Keine Munition, keine Extras. Mein Job war das Teil herzubringen und jetzt will ich mein Geld. Echtes Geld…“ „Mach kein Drama draus, Bruder. Dann bekommt halt ein anderer das Falschgeld.“ Er drückte ihm ein Batzen Geld in die Hand. Als Kjargen diesen nachgezählt hatte, hob er die Augenbrauen, aber schwieg. „Keine Sorge, so dumm bin ich nun auch wieder nicht. Die 50 Mücken kannste behalten, wenn du sofort verschwindest und nicht weiter rumschnüffelst.“ „Ich dachte wir wären beim Siezen, Herr Anonymus 437 irgendwas.“, stellte der Kleinere genervt fest. „Zisch einfach ab, bevor ich dir deine Förmlichkeiten sonst wohin stecke.“ Achselzuckend drückte Tobias ihm die Tasche entgegen und steckte unordentlich die Scheine in die Jackentasche. Langsam trottete er in Richtung Treppe, ohne sich nochmals umzudrehen. Er hörte die Schritte des Großen hinter sich, was Unruhe in ihm auslöste. Kurz bevor er das Haus verließ, murmelte er ein: Ich bin nicht ihr Bruder… Sein gegenüber grinste und als Kjargen langsam auf sein Auto zusteuerte, vernahm er noch einmal die Stimme des Halbfremden. „Kein Problem, Brudi!“
Mittlerweile war es dunkel geworden und Tobias saß gemütlich mit einer Tasse Kaffee auf dem Sofa und schaltete durch die Fernsehprogramme. Halt machte er bei einer Eilmeldung. Aufgelöst erzählte der Reporter davon, dass ein Tatverdächtiger festgenommen wurde, in dessen Keller einige Entführungsopfer gefunden wurden. “Interessant…”, murmelte Kjargen und griff nach der Fernbedienung, um den Ton lauter zu machen. Diese behielt er genauso wenig, wie seine Kaffeetasse, in der Hand, als ein Bild des Verdächtigen auf dem Bildschirm erschien. Der Käufer seiner Pistole! “In seiner Wohnung wurden ebenfalls einige Mengen an Waffen gefunden, mit der er einen Teil seiner Opfer umgebracht haben könnte. Psychische Erkrankungen sind noch nicht bekannt”, waren die letzen Worte des Mannes im tFernseher, bevor der entsetze Zuschauer mit dem Fuß den roten Knopf der Fernbedienung bediente. Irgendwas in ihm wollte nochmal zu dem alten Haus zurück kehren. Den Grund wusste er selber nicht. Und trotz der Tatsache, dass er kein unbeschriebenes Blatt war, bei dem Gedanken, einem wahrscheinlichen Massenmörder gegenüber gestanden zu haben, bekam sogar der junge Mann weiche Knie. So beschloss er, sich mit Hilfe einiger Schlaftabletten hinzulegen und eine Nacht über das Geschehene zu schlafen.
Früh morgens ließ ihn das laute Gehämmere der neuen Nachbarn wach werden und verschlafen machte er sich fertig. Gegen Mittag würde die Spurensicherung sich sicher den Tatort nochmals vorknöpfen, deshalb musste er vor ihrem Auftauchen schon wiede verschwunden sein. Mit dunklen Augenringen und zerzausten Haaren trottete der Frühaufsteher in den Aufzug und beobachtete, wie die Zahlen sich pro Etage änderten. Im fünften Stock gesellte sich eine junge Frau zu ihm in den Fahrstuhl. Er hatte sie hier schon öfters gesehen, eine flüchtige Bekanntschaft unter Nachbarn eben, hatte persönlich aber noch nie mit ihr gesprochen. Während er die Straße überquerte, um zu seinem Wagen zu gelangen, lief sie weiter den Weg entlang. Im Rückspiegel konnte Tobias beim Starten seines Wagens erkennen, dass die Dame mit einem Mann sprach, der in einem ihm bekannten Fahrzug saß. Es hatte in der Einfahrt des alten Mehrfamilienhaus gestanden, zu dem er sich gerade auf den Weg machen wollte. Er hatte vermutet, es würde dem Blonden gehören, aber dieser saß im Moment doch in Untersuchungshaft. Bevor er weiter nachdenken konnte, wurde die Frau ins Auto gezerrt und der schwarze Wagen brauste los. Der junge Mann zögerte nicht und trat ebenfalls aufs Gas. Wie erwartet kam das Fluchtfahrzeug in der Elgenstraße zum Stehen. Ein großer Mann in Hausmeister Klamotten stieg aus, über der Schulter trug er einen Sack. Angespannt sah Kjargen ihm nach, wie er das Haus betrat. Sein Verstand schwankte zwischen den Möglichkeiten, ihm hinterher zu laufen, die Polizei zu rufen oder einfach wieder nach Hause zu fahren. Hinterher laufen wäre zu riskant… wenn ich die Polizei rufe, könnte ich ebenfalls auffliegen. Aber die letzte Möglichkeit.. irgendwann werden sie ihn schon schnappen.. irgendwann… So fuhr der rote Kleinwagen los, und sein Fahrer blickte nicht ein einziges Mal zurück.

Jana Nesper hat den 1. Preis in der Altersgruppe der 13. + 14. Jährigen gewonnen