Flug ins Ungewisse

Prolog: „Die USA können uns nicht den Krieg erklären. Auf meinem Schreibtisch befindet sich ein Atomknopf. Ich werde aber nur Atomwaffen einsetzen, wenn die Sicherheit des Landes efährdet ist.” (Kim Jong Un, Neujahrsansprache 1.1.2018)

Jonas: „Aufruf zum Flug LH 628 nach Berlin Tegel, bitte begeben sie sich zum Gate 23.“ Aufgeregt stand ich zusammen mit meinen Eltern und meiner Schwester in einer langen Schlange am Gate 23 des John F. Kennedy Flughafens. Eine Woche New York lag hinter mir, viel zu schnell waren die letzten Tage verflogen. Jetzt war es 12.00 Uhr Ortszeit, in neun Stunden würden wir in Berlin landen. Beim Einsteigen in den Airbus A340 bemerkte ich in der First Class drei Männer in schwarzen Anzügen. Der eine von ihnen war deutlich älter und hatte die Statur sowie die feinen Gesichtszüge eines Asiaten. Die beiden jüngeren wirkten sehr athletisch und sahen aus wie Bodyguards. „Wer dieser Mann wohl war? Ein berühmter Politiker oder Industrieller oder vielleicht ein …“ Beiläufig blickte ich auf die Titelseite eines Programms, das der Mann in seinen Händen hielt. Dort stand in großen Buchstaben „Nuclear Research Congress Berlin, January 5, 2018“. In diesem Moment stieß mir meine Schwester ihren Koffer von hinten in die Kniekehle und zischte „Geh endlich weiter, wir sitzen in der Reihe 31 auf den Plätzen A-D“.
Kapitän: Sebastian Hansen kam gerade vom Outside-Check zurück. Der Airbus war zwar schon einige Jahre im Einsatz, aber immer noch eines der zuverlässigsten Langstreckenflugzeuge. Nach seiner Rückkehr morgen nach Berlin würden ihn vier freie Tage mit seiner Familie erwarten. Die Strecke Deutschland USA war für ihn mittlerweile zur Routine geworden. Seine beiden Co-Piloten, Julius Klein und Niklas Meier, hatten deutlich weniger Langstreckenerfahrung. Sie konnten von einem alten Hasen wie ihm noch einiges lernen. Wenn er gewusst hätte, was ihn auf diesem Flug erwarten würde, wäre er bestimmt genauso aufgeregt gewesen wie sein Co-Pilot Niklas Meier.
Max: Gerade hatte ich eine SMS von meinem besten Freund Jonas erhalten. „Gleich starten wir. NYC war mega.“ Ich beneidete meinen Freund um diese Reise. Ich war in den Ferien zu Hause in Köln geblieben, weil mein Vater Bereitschaftsdienst hatte. Er arbeitete als IT-Security Manager für die Europäische Flugsicherheitsagentur und war ein weltweiter Experte für Flight-Management-Systeme. Ich antwortete Jonas: „Guten Flug und falls was schief läuft, du kannst ja schwimmen!“
Jonas: „So ein Witzbold“, dachte ich, nachdem ich Max`s Nachricht gelesen hatte. Doch jetzt musste ich schleunigst den Flugmodus auf meinem Handy aktivieren. Ich schnallte mich an und verfolgte aufmerksam die Sicherheitseinführung der Stewardess. Mittlerweile war das Flugzeug schon auf die Startbahn gerollt und jeden Moment sollten wir abheben. Doch aus irgendeinem Grund verzögerte sich der Start.
Kapitän: Sebastian Hansen hatte soeben die Starterlaubnis vom Tower erhalten. Die Route war programmiert, doch das System erkannte den Steuerkurs nicht. Er beriet sich kurz mit seinen Copiloten und beschloss, das System neu zu laden. Kurz darauf gab er die Zielkoordinaten ein und der Autopilot berechnete die Route nach Berlin-Tegel. Er verständigte sich mit dem Tower und zwei Minuten später rollte der Airbus über die Startbahn. Der Start verlief zunächst reibungslos. Doch drei Minuten nach dem Start auf einer Flughöhe von 5.500 Metern änderte der Autopilot seine Route. Die Koordinaten zeigten plötzlich nach Osten und die Flughöhe nahm schneller zu als es bei diesem Flug üblich war.
Jonas: Beim Starten drückte ich mich tief in die Lehne meines Sessels und genoss die Sicht aus dem Fenster. Als die Anschnallzeichen erloschen waren, bemerkte ich, dass einer der beiden Bodyguards des Asiaten mit misstrauischen Blicken durch das Flugzeug ging und die Passagiere musterte. „Was er wohl sucht?“, grübelte ich. Doch dann wurde ich durch eine Lautsprechdurchsage des Piloten abgelenkt: „Meine Damen und Herren, bitte schnallen sie sich wieder an. Wir erwarten starke Windböen. Es besteht aber kein Grund zur Besorgnis.“ Ich schaute besorgt zu meinem Vater herüber. Der lächelt mich an und meinte: „Sicherlich eine reine Vorsichtsmaßnahme.“ Aber ich war trotzdem beunruhigt und starrte nervös auf den Monitor, der vor mir flimmerte. „War dies die reguläre Route?“, fragte ich mich, „denn das Flugzeug flog nicht wie sonst üblich Richtung Grönland, sondern gen Westen. War das eine Richtungsänderung aufgrund der Böen?“ Von den Böen war im Flugzeug nichts zu spüren. Ich wusste nicht genau, was hier los war, aber ich musste unbedingt Max informieren.
Max: Ich hatte mich gerade in ein Buch vertieft, da klingelte mein Handy. Es war eine SMS von Jonas: „Hi, hier stimmt irgendetwas nicht. Wir mussten uns nach dem Start wieder anschnallen und unsere Flugroute wurde geändert. Kannst du mal Deinen Vater fragen?“ Na, das war ja mal wieder typisch Jonas! Zu Jonas Beruhigung schrieb ich: „Mach Dir keine Sorgen, sicherlich nur ein paar Turbulenzen. Aber ich frage gleich mal meinen Dad ….“ Mein Vater war gerade von der Arbeit nach Hause gekommen. Erst nahm er die Sache nicht ernst, doch als er sah, dass die Koordinaten von New York keine Böen aufwiesen, begann er die Sache ernst zu nehmen. Er fuhr seinen Rechner hoch. Ich gab ihm Flugnummer und Abflugzeit durch, damit er sich in seinen Dienstrechner der europäischen Flugsicherheitsbehörde einloggen konnte. Und tatsächlich kam für die Flugnummer die Meldung: „Route has changed“. Er musste schleunigst seine Kollegen in NYC informieren.
Kapitän: Sebastian Hansen und seine Co-Piloten waren ratlos. Die einzige Möglichkeit, die sie jetzt hatten, war, den Autopiloten auszuschalten und den Airbus manuell zu steuern. Auf dem Monitor erschien jetzt als Zielflughafen: FNJ. Das war das Akronym von Pjöngjang International Airport – der Hauptstadt Nordkoreas. Ihm schossen tausend Gedanken durch den Kopf und im Cockpit herrschte Totenstille. Wenn hier ein technischer Fehler ausgeschlossen war, dann konnte es sich nur um …. Sebastian Hansen wagte es nicht, seine Vermutung auszusprechen. Ein Blick auf die Passagierliste erhärtete seinen Verdacht. Dort stand: Prof. Hong Son Chen, Korea (North).
Jonas: Keiner der anderen Fluggäste wirkte in irgendeiner Weise beunruhigt. Meine Mutter las ein Nachrichtenmagazin und meine Schwester schaute einen Film. Ich war mir unsicher, ob ich meinen Vater einweihen sollte. Meine Nervosität war zwischenzeitlich in pure Angst umgeschlagen. „Papa, wir müssten doch eigentlich Richtung Nordosten fliegen. Jetzt fliegen wir gerade Richtung Westen?“. „Der Pilot fliegt sicherlich nur eine Schleife, um das Unwetter zu umfliegen. Hatte er nicht gerade auf Turbulenzen hingewiesen?“, beschwichtigte mein Vater. „Machst du dir Sorgen?“ „Nein, war nur so ne Frage“, entgegnete ich und klammerte mich ganz fest an das Handy in meiner Hand. Vielleicht hatte Max etwas herausgefunden.
Max: Die Kollegen meines Vaters bestätigten die ungeplante Kursänderung des Airbus 340. Sie wollten umgehend Kontakt mit dem Piloten aufnehmen. Doch jeder Funkspruch lief ins Leere, denn die Verbindung wurde durch Störsignale blockiert. Mein Vater hatte zwischenzeitlich die Passagierliste aufgerufen. Gemeinsam gingen wir die Namen durch. Bis auf Jonas Berger und seine Familie schienen die anderen Namen alle nichtssagend. „Doch halt, schau mal hier auf die Nationalitätenschlüssel“, stieß mein Vater hervor. „Ein Passagier stammt aus Nord-Korea.“ „Was ist daran problematisch?“, fragte ich nach. „Das wissen wir im Moment nicht. Schau doch bitte mal im Internet nach, ob du etwas über ihn herausfinden kannst“, bat mich mein Vater. Wenige Minuten später wusste ich alle wesentlichen Daten von Prof. Hong Son Chen aus Nordkorea. Er ist ein bekannter Atomphysiker, der maßgeblich am nordkoreanischen Atomprogramm beteiligt war und vor fünf Jahren in die USA geflohen ist. „War er der Grund für die Kursänderung?“
Kapitän: Er war jetzt wichtig, nicht die Nerven zu verlieren. „Ich trage die Verantwortung für 398 Menschen“, sagte sich Sebastian Hansen. Noch war nicht mit dem Schlimmsten zu rechnen. Ein Ausschalten des Autopiloten war Routine und wurde standardmäßig bei Landungen praktiziert. Als er versuchte, sich in das System einzuloggen, wurde sein Passwort nicht akzeptiert. Vor lauter Nervosität hatte er sich wohl vertippt. Doch bei einer erneuten Eingabe des achtstelligen Passwortes kam wieder die Meldung „access denied“. Schweißperlen standen auf seiner Stirn, bewusst sprach er langsamer als sonst, um seine Nervosität zu verstecken. „Mein Passwort funktioniert nicht, bitte loggt Euch ein.“ Währenddessen flog der Airbus gleichmäßig durch die Wolkendecke. Nachdem die Passwörter der beiden Copiloten ebenfalls fehlschlugen, hatten sie die traurige Gewissheit: Das System war manipuliert und ihre Passwörter waren zurückgesetzt worden. „Unser Treibstoff reicht doch unmöglich für eine Entfernung von 8.000 km“, stellte Julius Meier fest. „Wir müssen das Flugziel unbedingt ändern“, insistierte er. „Leichter gesagt als getan“, dachte Sebastian Hansen.
Jonas: „Max, melde dich“. Es waren schon acht Minuten seit seiner letzten Nachricht verstrichen. Gerade piepste sein Handy wieder: „Mein Vater hat Kontakt zur amerikanischen Flugsicherheitsbehörde aufgenommen. Sie wollen die Kursänderung korrigieren“ erschien auf dem Display seines Handys. „Aber wohin und warum?“, antwortete ihm Jonas. „Das kann ich dir im Moment nicht sagen. Bestimmt wird alles gut“, schrieb Max. Die Anschnallzeichen waren noch immer nicht erloschen und etliche der Passagiere hatten bereits die Stewardessen darauf angesprochen. Was würde jetzt als nächstes passieren? Würde er Max und sein Zuhause niemals wiedersehen? Mit Tränen in den Augen beobachtete er seine Eltern und seine Schwester. War dies ihre letzte gemeinsame Reise gewesen?
Kapitän: Eine Funkverbindung zu den Fluglotsen war durch die Störsignale nicht möglich. Einen Notruf konnte Kapitän Hansen daher nicht absetzen. Die einzige Möglichkeit war jetzt das Ausschalten des Flight-Management-Systems mit den ganzen unvorhersehbaren Folgen einer Notlandung auf dem nächsten Flughafen. Bevor er zu diesem Schritt bereit war, wollte er seiner Familie noch ein paar letzte Worte zusenden. Dabei entdeckte er eine SMS der amerikanischen Flugsicherheitsbehörde: Please enter new key for FMS SE2508-US and immediate landing in Chicago. Er gab das neue Passwort in das System ein. Wie groß war die Erleichterung, als dieses akzeptiert wurde! Danach schaltete er den Autopiloten aus und bereitete mit seinen Co-Piloten die Landung vor.
Jonas: Als ich die Durchsage „Unvorhergesehene Zwischenlandung in Chicago“ hörte, wusste ich, dass Max und sein Vater uns nicht im Stich gelassen haben. Der Airbus verlor rasant an Höhe und landete kurze Zeit später auf dem Rollfeld des Flughafens von Chicago.
Epilog: Als Jonas uns eine Familie am nächsten Tag in Berlin gelandet waren, erfuhren sie aus der Berliner Tageszeitung, dass sie nur knapp einer Flugzeugentführung entkommen waren. Der nordkoreanische Atomphysiker konnte nicht am Berliner Kongress teilnehmen, sondern wurde am Flughafen von Chicago vom FBI in Sicherheit gebracht. Die nord-koreanische Regierung stritt jegliche Beteiligung ab.

Jakob Haas hat den 2. Preis der Altersgruppe der 13. + 14. Jährigen gewonnen

Sein Krimi wird vom BR als Hörspiel vertont