Heilende Hände?!
von Pia Hofmann

Es war dunkel. Nichts war zu hören. Ein schwarz gekleideter Mann durchschritt die Dunkelheit. Man konnte ihn fast nicht sehen; das einzige, was man erkennen konnte, war die grüne Wollmütze, die er auf dem Kopf trug und ein silberner Ring an seinem Ohrläppchen, der im Schein des Mondes glänzte. Endlich stand er vor der steinernen Höhle des zwölfjährigen Tigers Federkiehl. Nach kurzem Suchen entdeckten seine Augen den Tiger in einem hinteren Winkel der Höhle, wo er zufrieden schlief. Vorschichtig setzte er seinen schwarzen Rucksack ab und holte ein kleines Glasröhrchen hervor. Dann drang er tiefer in die dunkle Höhle zu dem Tier ein. Leise zog er an dem kleinen Stöpsel, der das Röhrchen verschloss. Aber dieser klemmte. Seine leisen Flüche drangen bis an das Ohr des schlafenden Tigers, worauf dieser ein unbeschreibliches Grunzen von sich gab. Erschrocken wich die dunkle Gestalt des Mannes zurück, doch der Tiger schlief weiter. Da gab der Plastikstöpsel nach, und mit einem leisen „Plopp“, sprang er heraus auf den Boden. Der Mann hob ihn auf und ging langsam auf den Tiger zu. Vorsichtig schob er seine Hand unter das weiche Kinn des Tigers und zog seinen Oberkiefer mit der anderen sachte nach oben. Dann kippte er ihm, nachdem er seine kräftige Hand zärtlich unter Federkiels Kinn hervorgezogen hatte, die Flüssigkeit aus dem Röhrchen die Kehle hinunter. Sofort schlug der Tiger die Augen auf und zeigte sich in voller Größe. Angsterfüllt ergriff der Mann seinen Rucksack und rannte zum Ausgang der Höhle. Kurz davor drehte er sich um und blieb stehen. Der Tiger hatte sich nicht gerührt. Doch dann raste dieser los. Der Mann blieb wie angewurzelt stehen, denn er konnte sich vor Angst nicht bewegen. Plötzlich stoppte auch der Tiger. Seine Augen kreisten gruselig hin und her; dann gaben seine Beine nach und er fiel in sich zusammen. „Es wirkt!“, flüsterte der Mann mit seiner tiefen Stimme und wandte sich zum Gehen. Ein letztes Mal blickte er sich um, und sah wie Federkiel schlief. Als er im Schutz der Dunkelheit zurückschlich überkam ihn ein sehr schlechtes Gewissen. Armer Federkiel! War es wirklich richtig gewesen, was er getan hatte?

„Eduard Glöckner“, war die Aufschrift des Schildes, welches sich neben Zimmer Nummer 34 befand. In dem Inneren des Zimmers stand dieser und studierte ein Buch. Da klopfte es an der Tür. Dr. Glöckner öffnete und vor ihm stand sein Chef Dr. Praibo: „Herr Glöckner, Sie sind schon seit sechs Jahren hier bei uns ein erfolgreicher Tierarzt. Doch ich muss Sie leider enttäuschen, denn wir können uns nun die TPF –Roboter (Tier-Pflege-Fütterungs-Roboter) leisten, die soeben eingetroffen sind. Wir haben sie deshalb bestellt, weil es zu gefährlich ist, das Raubtiergehege zu betreten. Deshalb kann ich sie jetzt entlassen!“ Wut stieg in Eduard auf: Pah, diese blöden Roboter! Die können mich nicht vertreten. Ich werde mich rächen! Ich weiß nur noch nicht, wie. Aber ich werde wieder kommen!

Als Eduard an dies zurück dachte, war er sich sicher, dass er seinen Racheakt richtig ausgewählt hatte. Plötzlich klingelte das Telefon. Eduard nahm den Hörer ab, und meldete sich: „Herr Glöckner, Hallo?“ Die Stimme seines ehemaligen Chefs Dr. Praibo erklang aus dem Hörer: „Hallo Eduard! Weißt du noch wie sehr ich an dem Tiger Federkiel hänge?“ Eduard wusste es. Deshalb hatte er auch ihn ausgewählt. „Natürlich weiß ich das noch. Aber wieso fragst du das?“ – „Seit gestern leidet er nämlich unter einer Vergiftung und unsere Roboter sind nicht im Stande, ihn zu heilen. Deshalb möchte ich dich bitten zu kommen, um ihm zu helfen. Wenn du es schaffst, will ich dich anstelle der Roboter wieder einstellen, denn ich habe gemerkt, dass die Maschinen nicht alle Krankheiten heilen können, und, dass die Tiere auch menschliche Zuneigung brauchen.“ Ein Lächeln huschte über Eduards Gesicht. Sein Plan hatte funktioniert. Kurzdarauf machte er sich auf den Weg. Dort angekommen suchte er sich verschiedene Chemikalien heraus und mischte daraus das Gegengift. Dieses flößte er dem Tiger ein, worauf dieser sich vorsichtig aufrichtete. Als er sich wieder kräftig fühlte rannte er einmal durch das ganze Gehege. Bei Eduard wider angekommen – Er war in die Hocke gegangen – schmiegte er sich an dessen Brust und schnurrte. Dr. Praibo erklärte ihm, dass er die TPF-Tierarzt-Roboter außer Betrieb nehmen würde und ihn wie versprochen wieder einstellen würde. Nur die Fütterungsroboter sollten ihre Arbeit weiterhin verrichten, aber das konnte Eduard ja egal sein.
Dr. Eduard Glöckner war glücklich, dass er wieder mit seinen geliebten Tieren arbeiten konnte, doch plagte ihn bei seiner täglich Arbeit immer noch das schlechte Gewissen, dass er für sein eigenes Glück seinen Chef Dr. Praibo betrogen hatte, und sein Lieblingstiger für ihn leiden musste.