Déjà-vu von Jacqueline Nar

„Wo sie bloß bleibt?“ Die Frage war eigentlich mehr an mich selbst gestellt, aber Kasper drehte sich trotzdem um, und zuckte mit den Schultern: „Keine Ahnung, hat wohl wieder verschlafen, kennst sie doch“ Allerdings kannte ich Jojo. Immerhin waren wir seit der ersten Klasse unzertrennlich. „Maja, auch für dich gilt das Selbe wie für alle anderen, wenn es gongt sitzt du auf deinem Platz.“ Unser Erdkundelehrer Sams sah mich vorwurfsvoll an, als sei ich allein dafür verantwortlich, dass die Meisten in meiner Klasse sich nicht die Bohne darum scherten, was er sagte. Vielleicht hatte Jojo auch einfach nur keine Lust auf Geo gehabt, nachvollziehen konnte ich das, aber hätte sie mir es dann nicht gesagt? Sie wusste doch, dass ich sie nie verpfeifen würde. Unser Lehrer, Herr Stamm, hatte seinen Spitznamen „Sams“ vor Allem wegen seiner roten Haare und seiner Nase, die sehr der eines Schweins ähnelte, bekommen. Doch auch seine kleine Statur und die Tatsache, dass er fast nur blaue Anzüge trug, machten diesen Namen perfekt für ihn. Doch anders als das echte Sams war Herr Stamm keineswegs lustig und zu Scherzen aufgelegt. Im Gegenteil, er quälte uns wo es nur ging. Nur seine laute Stimme verhinderte, dass die Klasse während seiner langweiligen Vorträge über die Klimata der Erde nicht einschlief. Nach neunzig Minuten Erdkunde rauchte mir der Kopf und ich war heilfroh, als es zur Pause klingelte. Doch auch in der dritten und vierten Stunde tauchte meine Freundin nicht auf. Obwohl Sport eigentlich ihr Lieblingsfach war. Nach der sechsten Stunde ging ich eilig nach Hause. Ich stellte meinen Rucksack ab und wählte Jojo's Handynummer. Doch nur die Mailbox meldete sich. Als nächstes versuchte ich es bei ihr zu Hause. Nach einigen malen Läuten meldete sich Frau Siebert. „Ist Jojo da?“, fragte ich sie. „Nein wieso, sie ist noch nicht aus der Schule zurück. Probier' es doch mal auf ihrem Handy.“ „In Ordnung, mach' ich.“ Erstaunt legte ich auf. Wieso hatte Jojo nicht einfach Kopfschmerzen vorgetäuscht? Das hatte doch sonst immer funktioniert. Wieso hatte sie so getan, als würde sie zur Schule gehen? Ohne groß zu überlegen schnappte ich mir meine Jacke und machte mich mit dem Fahrrad auf in die Stadt. Mein Weg führte zuerst zu Starbucks. Dort ging meine Freundin am Liebsten hin, auch wenn die Preise meiner Meinung nach überteuert waren. In dem wohlig warmen Café saßen viele Leute. Doch an keinem der Marmortische konnte ich meine Freundin entdecken. Ich klapperte noch ihre anderen Lieblingsläden ab, doch Fehlanzeige. Meine Freundin war nirgends zu finden. Mich beschlich ein ungutes Gefühl mit zitternden Fingern wählte ich Kaspers Nummer. „Kasper“, meldete sich seine brummige Stimme. „Ich bin's, Maja.“ Ein Brummen war die Antwort. „Du musst mir helfen Kasper, ich kann Jojo nicht finden!“ „Wahrscheinlich hat sie nur heute mal geschwänzt, und drückt morgen brav wieder die Schulbank“. Kasper klang genervt, ich hatte ihn vermutlich beim Computer spielen gestört. „Ich weiß nicht“, antwortete ich besorgt, „irgendwie habe ich so ein komisches Gefühl.“ Ich erzählte ihm von dem Anruf bei ihr zu Hause und schlagartig änderte sich seine Stimme. „Ich komme“, sagte er knapp und legte auf. Ich ließ mich langsam auf eine Bank sinken, die in der Nähe stand. Mir war plötzlich schwindelig geworden. Ich war unendlich dankbar, dass Kasper sich bereit erklärt hatte, sofort zu kommen. Seit das Unglück passiert war, wusste ich, dass ich mich hundertprozentig auf ihn verlassen konnte. Gemeinsam hatten wir uns in all den Wochen um Jojo gekümmert, sie gestützt und ihr geholfen, wo es nur ging. Mit einem Anflug des schlechten Gewissens dachte ich daran, wie oft ich Kasper angeschrien hatte, wenn wir mal wieder ergebnislos Jojo's Wohnung verlassen hatten. Ich versuchte meine inzwischen klammen Finger zu bewegen. Hoffentlich kam Kasper bald. Gerade in diesem Moment hörte ich das klapprige, alte Fahrrad um die Kurve fahren, das wahrscheinlich schon Kaspers Großvater gehört hatte. Achtlos warf er es neben der Bank, auf der ich saß, auf den Boden. „Können wir irgendwo reingehen?“, fragte ich ihn, noch bevor er sich hinsetzen konnte. „Klar“, wir steuerten das nächste Café an und setzten uns an einen Tisch genau an der Heizung. Ich bestellte heiße Schokolade für uns beide. Kasper sah mich fragend an: „Und du bist dir ganz sicher, das sie in keinem der Geschäfte war, in denen du gesucht hast?“ Ich schüttelte stumm den Kopf. „Sie ist auch ganz sicher nicht zuhause?“ Wieder Kopfschütteln. „Ok, dann haben wir ein Problem.“, stellte Kasper sachlich fest, „Als erstes müssen wir natürlich Frau Siebert alles erzählen.“ „Das geht nicht! Die kriegt doch bestimmt einen Herzinfarkt, wenn sie das erfährt!“ „Und es ist besser, wenn sie zu Hause sitzt und vor Sorge umkommt?“, Kasper zog spöttisch eine Augenbraue hoch. Ich gab mich geschlagen: „Gut, aber ich kann sie notfalls nicht auffangen.“

Als wir vor der haselnussbraunen Haustür standen, mit denen alle der gelben Reihenhäuser in dieser Straße ausgestattet waren, wäre ich am Liebsten auf der Stelle umgekehrt. Doch Kasper stieß mich unbarmherzig voran. Das einzige, was ich noch tun konnte, nachdem ich zaghaft geklingelt hatte, war, mich hinter Kasper zu verstecken. Nach ein paar Sekunden, in denen ich schon gehofft hatte, dass niemand zu Hause war, öffnete sich die Tür und Jojo's Oma sah uns mit fragendem Blick an. Nachdem Jojo's Eltern bei einem Flugzeugabsturz im Meer ums Leben gekommen waren, hatten sie und ihr Mann Jojo bei sich auf genommen, und sich liebevoll um sie gekümmert. Oma Siebert war eine strenge Frau, die ihre dunkelgrauen Haare stets zu einem Dutt gebunden trug. „Guten Tag Frau Siebert.“, begann Kasper, worüber ich heilfroh war, „Wir müssen mit ihnen reden, können wir kurz reinkommen?“ Die alte Dame runzelte irritiert die Stirn: „Gerne, aber Jojo ist nicht da, ich dachte sie wäre bei euch.“ „Genau darüber wollen wir mit ihnen sprechen“, sagte ich sanft, und war froh meine Sprache wieder gefunden zu haben. Aber ich hatte noch immer nicht den blassesten Schimmer, wie ich Jojo's Oma beibringen sollte, dass ihre einzige Enkelin scheinbar verschwunden war. Frau Siebert führte uns durch einen Flur in das behaglich eingerichtete Wohnzimmer, und bedeutete uns, auf einem der geblümten Sofas Platz zu nehmen. Sie setzte sich uns gegenüber in einen alten Ohrensessel. Kasper eröffnete dass Gespräch, wofür ich im unendlich dankbar war: „Hat Jojo sich heute schon bei ihnen gemeldet?“ Die alte Dame war sichtlich irritiert: „Nein, wieso? Sie ist heute morgen ganz normal pünktlich zur Schule gegangen.“ „Dort war sie aber nicht“, platzte ich mit der Wahrheit heraus. Und noch ehe Frau Siebert etwas erwidern konnte, fuhr ich fort: „Wir haben überall nach ihr gesucht!“, und ich schilderte ihr, was sich an diesem Tag zugetragen hatte. Nachdem ich geendet hatte, sagte Frau Siebert: „Somit ständen wir vor dem selben Problem wie vor einem halben Jahr.“ Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, aber ich sah, wie ihr Unterkiefer zu zittern begann. Ein Déjà-vu, schoss es mir durch den Kopf, und im selben Moment, bemerkte ich, wie erschreckend richtig dieser Gedanke war.

Es war ein stinknormaler Montag. Seit zwanzig Minuten schon, wartete ich auf meine beste Freundin. Die erste Stunde hatte bereits angefangen, und Sams würde platzen vor Wut. Als Jojo auch nach einer halben Stunde nicht aufgetaucht war, beschloss ich, nicht länger zu warten. Nach der Schule fuhr ich bei ihr vorbei, und fand dort eine total aufgelöst Frau Siebert vor. Jojo war verschwunden. Zusammen durchkämmten wir jeden Winkel des kleinen Ortes. Ohne Erfolg. Schließlich rief Frau Siebert die Polizei, und ich fuhr nach Hause, um dort auf einen Anruf von Jojo zu warten. Als ich gerade beschloss, nochmal bei Frau Siebert vorbei zu schauen, klingelte es an der Haustür. Jojo stand vor mir, klatschnass. „Tot, er ist tot“, murmelte sie verstört. Ich brachte sie sofort zu ihrer Oma nach Hause. Das, was sie zu mir gesagt hatte ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Als ich Frau Siebert danach fragte,erzählte die mir unter Tränen, dass heute früh ihr Mann – Jojo's Opa – gestorben war. Jojo hatte ihn geliebt. Er war der wichtigste Mensch in ihrem Leben nach dem Tod ihrer Eltern. Ihre Oma hatte sie natürlich auch gemocht, aber Herr Siebert war für Jojo mehr Vater als Großvater gewesen. Jojo saß auf dem Sofa und starrte teilnahmslos in die Ferne. Doch sie weinte keine einzige Träne. Und sie sprach keine einziges Wort. Zwei Monate lang blieb sie stumm und verschlossen. Ich und Kasper besuchten sie jeden Tag, aber nie schien sich ihre Lage zu bessern. Selbst die Psychologin wusste nicht mehr weiter. Dann eines Morgens, klingelte Jojo bei mir, um mit mir zur Schule zu gehen. Ich wunderte mich, traute mich aber nicht zu fragen, warum sie vom einen auf den anderen Tag plötzlich wieder redete. Einmal versuchte ich sie darauf anzusprechen. Das hatte zur Folge, dass sie den ganzen restlichen Tag kein Wort mehr redete. Also ließ ich es fortan.

„Sollen wir die Polizei einschalten?“, Kasper war wie immer sachlich, und sah der Realität ins Auge. „Wenn sie bis morgen Mittag nicht zurück ist bleibt uns wohl nichts anderes übrig“, Jojos Oma klang erschöpft. Nach dem Tod ihres Mannes war Jojo nicht immer folgsam gewesen. Einmal hatte sie sogar im Garten gezeltet, nachdem die beiden sich gestritten hatten. Das hatte sie allerdings nur eine Woche durchgehalten. Für einige Minuten herrschte betretenes Schweigen. Das einzige, das wir tun konnten, war warten. Frau Siebert bot uns Kekse und Tee an, aber ich konnte kaum etwas zu mir nehmen. Je weiter der Zeiger auf der Uhr rückte, desto unruhiger wurde ich. Als das Telefon klingelte, zuckten wir alle erschrocken zusammen. Ich lief zum Apparat, und mein Herz raste, als ich auf dem Display Jojos Handynummer sah. „Jojo!“, schrie ich in den Hörer. Ich wollte noch ein wütendes „wo steckst du“ hinzufügen, aber am anderen Ende der Leitung ertönte ein erschrockenes Quieken danach ein Platscher und die Verbindung war weg. „Ihr Handy ist ins Wasser gefallen“, ich zuckte resigniert mit den Schultern. „Über Handysignale orten können wir sie jetzt also nicht mehr“, Kasper hatte wie immer alles im Griff. Aber ich hielt es nicht mehr aus. Frau Siebert saß nur in dem Sessel und starrte vor sich hin. „Bitte, können wir in Jojo's Zimmer gehen?“ Zuerst schien es, als hätte die alte Dame meine Frage überhaupt nicht gehört, doch dann nickte sie unmerklich mit dem Kopf. Ich flüchtete nach oben. Jojo's Zimmer war gemütlich eingerichtet. Als Bett lag nur eine Matratze auf dem Boden, die ganz von Kissen in allen verschiedenen Farben und Formen verdeckt wurde. Jojo nannte es „ihre Oase“. Ich ließ mich in den großen, roten Sitzsack sinken, der gleich hinter der Tür stand während Kasper sich auf Jojo's Schreibtischstuhl setzte. Gedankenverloren spielte er mit der Computermaus. Als die Stille kaum noch auszuhalten war, und das Warten mich verrückte machte, fragte er plötzlich: „Was meinst du, dürfen wir?“, und deutete mit einem Kopfnicken auf Jojo's Computer. Nein, wir durften das bestimmt nicht. Aber wenn es half, herauszufinden, wo Jojo war? Ich nickte. Kasper startete den Computer, doch kurz danach erwartete uns schon das erste Problem: Wir mussten Jojo's Passwort knacken. Wir probierten es mit ihrem Geburtsdatum, ihren Hobbys, aber nichts davon stimmte. Wie ein Geistesblitz schoss mir plötzlich die Lösung durch den Kopf: „Opa!“ „Was, so alt bin ich nun auch wieder nicht“, sagte Kasper scherzhaft. „Nein“, antwortete ich ungeduldig, „das Passwort!“ Ich hatte den richtigen Riecher, denn es funktionierte. „Wonach sollen wir suchen?“, fragte ich Kasper, „Jojo hat bestimmt nicht einfach irgendwo aufgeschrieben, wohin sie verschwunden ist.“ „Vielleicht doch“, sagte er und klickte auf einen Ordner mit dem Titel Tagebuch. Natürlich wusste ich, dass Jojo regelmäßig Tagebuch schrieb, aber am Computer? Sie sagte doch immer, mit der Hand zu schreiben sei viel nostalgischer und schöner? In dem Ordner waren dreiundzwanzig Dokumente enthalten, fein säuberlich mit Datum beschriftet und in chronologischer Reihenfolge geordnet. Mein Herz fing an zu rasen. Der letzte Eintrag war vom 17.03. Gestern! Doch als ich die Datei öffnen wollte, forderte mich ein Programm dazu auf, ein weiteres Passwort einzugeben. Ich probierte es mit dem selben wie vorhin, doch es ließ sich nicht öffnen. „Wir müssen wo anders weiter suchen“, ich seufzte und probierte es mit dem Ordner „Bilder“. Auf dem Display startete eine Diashow. Zuerst war ein Falke zu sehen, der sich im Sturzflug auf seinen Beute stürzte. Dann ein Unterwasserbild. Ein idyllischer Fluss. Gewitterwolken. Ein Albatros. Ein Bild von einem Bungeejumper. Eine Brücke über einen Fluss. Vögel. „Stopp!“, rief ich erschrocken. Kasper sah mich verwirrt an. „Die Brücke!“, versuchte ich zu erklären, „Die habe ich schon mal gesehen!“ „Wo?“, fragte Kasper. Ich dachte nach. „Das ist die Brücke beim Industriegebiet! Wo Jojo manchmal mit ihrem Opa angeln war!“ „Bist du dir sicher?“ „Hundert pro! Zoom mal ein bisschen näher ran!“ Er tat wie geheißen. „Da, schau das ist das Möbelhaus, da das Bowling-Center und -“, ich stockte. Auf dem Geländer der Brücke stand jemand. So winzig, dass man ihn mit bloßem Auge gar nicht erkennen konnte. Und es war nicht nur Irgendjemand. Es war Jojo! Inzwischen war Kasper meinem starr auf den Bildschirm gerichteten Blick gefolgt: „Sie hat sich in das Bild hineinkopiert und sich dann verkleinert.“ „Aber warum?“, mir schwirrte der Kopf, „Was macht sie denn da?“ Ich beugte mich vor, aber das Bild war immer noch zu klein um irgendwas zu erkennen. „Warte mal“, Kasper klickte ein paar Mal, dann öffnete sich eine Kopie des Bildes. „So,“, er wirkte höchst konzentriert, „jetzt müssten wir das Bild eigentlich vergrößern können.“ Es funktionierte. Doch das, was das vergrößerte Bild zeigte, schockte mich mehr als alles andere. Jojo stand da, die Arme weit ausgebreitet, als wolle sie gleich losfliegen. Doch sie lächelte nicht, sondern blickte sehr ernst und entschlossen hinunter. Ich erstarrte. Ich nahm niemanden und nichts mehr wahr, war wie in Trance und konnte mich nicht mehr bewegen. Das einzige, was ich tat war denken. Immer und immer wieder diesen einen Satz. „Sie will springen“, sagte ich tonlos. Es kam keine Antwort. War Kasper schon rausgegangen? Auch egal. Plötzlich rüttelte mich jemand mit aller Macht an der Schulter: „Steh sofort auf! Wir müssen sie finden! Reiß dich zusammen!“ Langsam kam wieder Bewegung in mich. So schnell wir konnten, liefen wir die Treppe hinunter, schnappten uns unsere Jacken und verließen – ohne eine Erklärung für die überraschte Frau Siebert – fluchtartig das Haus. Der kurze Weg von der Reihenhaussiedlung bis zum Industriegebiet kam mir unendlich lange vor, obwohl wir wie die Wahnsinnigen in die Pedale traten. Auf Höhe der Bowling-Bahn ließen wir die Räder einfach fallen, und rannten das letzte Stück. Schon von weitem sah ich Jojo auf dem Geländer der Brücke, gefährlich vornüber gebeugt. Gerade wollte ich schreiend einen letzten Sprint hinlegen, da hielt mich Kasper am Arm fest. „Was?!“, zischte ich ungehalten. „Wenn du jetzt los schreist erschreckst du sie, dann fällt sie unter Garantie hinunter.“ Er hatte Recht. „Und was schlägst du vor, du Superhirn?“ Kasper überhörte die Beleidigung geflissentlich: „Wir reden jetzt ganz normal und gehen währenddessen näher heran. Dann hört sie uns zwar kommen und kann weglaufen, aber wenigsten besteht nicht die Gefahr, dass sie runter fällt.“ Wo er Recht hatte, hatte er Recht. Ich wäre jedoch am liebsten so schnell es ging zu Jojo gelaufen und hätte sie zur Rede gestellt. Ich war furchtbar wütend.Während wir uns unserer Freundin näherten, redeten wir über belanglose Dinge wie das Wetter oder die Schule. Jojo musste uns inzwischen gehört haben, doch sie drehte sich nicht um. Als wir dann hinter ihr standen, war all meine Wut verschwunden. Wie sie dasaß. So verloren, mit einem schon sehr zerknitterten Foto ihres Großvaters in der Hand. Eigentlich hatte ich sie anschreien wollen, ihr sagen wollen, wie verzweifelt ihre Großmutter gewesen war, wie viel Sorgen ich mir gemacht hatte. Doch stattdessen sagte ich nur: „Du bist nicht an dein Handy gegangen.“ Zum ersten Mal drehte sie sich um und ich konnte ihr Gesicht sehen. Unter ihren Augen lagen tiefe Schatten und sie blickte mich ausdruckslos an: „Mein Handy ist ins Wasser gefallen.“ Vorsichtig legte ich ihr eine Hand auf die Schulter. Jojo schwang ihre Beine auf die andere Seite des Geländers, ließ sich auf den sicheren Boden gleiten und sah mich an. Und dann fing sie an zu weinen.