Der Dirigent von Robert Richarz

Es war Freitagabend. Ein dunkel gekleideter Mann eilte durch die weit verzweigten Gänge des Gasteigs. Auf seiner Stirn sah man kleine Schweißperlen, die sich dort gebildet hatten. Die stetig steigende Nervosität stieg ihm langsam zu Kopfe. „Bin ich wirklich fähig, so etwas zu tun?“, dachte er, während er hastig ein paar Türen durchschritt und bald darauf im Personalbereich unter der Bühne stand. In seiner schweißnassen Hand hielt er ein kleines Päckchen, das er von einem Ex-CIA-Agenten erhalten hatte. Es enthielt eine kleine Menge C4, ein sehr wirksamer Plastiksprengstoff, der handlich und leicht zu platzieren war. Er nahm das kleine Bündel und legte es unter das Dirigentenpult. Den Zeitzünder stellte er auf 24 Stunden. Morgen Abend, während der Aufführung der neuen Oper, würde es explodieren. Schnell machte er sich auf und davon.
Währenddessen machte Heinz Tuchnik mal wieder Überstunden. Der Bühnentechniker musste noch die letzten Vorbereitungen für die morgige Veranstaltung treffen. Als er gerade aus dem Depot Ersatz für ein defektes Kabel der Beleuchtungsanlage holen wollte, nahm er eine schwarze Gestalt wahr, die Richtung Ausgang hastete. Als er sie erkannte, dachte er kurz: „Was macht der denn jetzt noch hier? Naja, der wird schon seine Gründe haben“, und ging das Kabel holen.
Die Kommissarin Sybille Matzel ließ sich erschöpft in ihren Sessel fallen und blickte noch einmal auf den Tag zurück: Erst heute hatte sie einen schwierigen Fall gelöst, endlich. Mit einem Seufzer betrachtete sie das unaufgeräumte Wohnzimmer. Dann griff sie zum Telefon und hoffte, noch eine der begehrten Karten für die morgige Uraufführung mit dem Stardirigenten Karl-Heinrich zu Hardenberg zu ergattern. Als ihr dies gelungen war, ließ sie sich zufrieden zurücksinken und schlief mit dem Gedanken an das Konzert ein.
Ein sorgfältig gekleideter Herr setzte sich genussvoll auf seinen Platz im großen Saal des Gasteigs. Heute war es soweit, heute würde er seinen Konkurrenten beseitigen: Karl-Heinrich zu Hardenberg, den Chefdirigenten. Er sah auf die Uhr: In genau zweieinhalb Stunden, um 21.58 Uhr, würde die Bombe hochgehen. Ein hässliches Grinsen lag in seinem Gesicht. Diese Explosion würde sein ganzes Leben verändern, dachte er.
Heinz Tuchnik eilte hinter der Bühne durch die Kulissen, reparierte hier noch schnell eine Sicherung und steckte dort noch kurz ein Kabel ein. Als endlich alles perfekt war, zeigte die Uhr 19.25 Uhr, noch fünf Minuten bis zur Aufführung.
Seit beinahe zweieinhalb Stunden folgte Sybille Matzel nun schon wie gebannt der Vorstellung. Das Orchester spielte hervorragend, es war eine wundervolle Atmosphäre. Nach dem furiosen Finale verbeugte sich Dirigent zu Hardenberg tief vor seinem Publikum, das in tosenden Beifall ausbrach. Auch Sybille Matzel riss es aus ihrer Ergriffenheit, wie die anderen sprang sie von ihrem Sitz auf und applaudierte begeistert. Nur ihr Unterbewusstsein registrierte das kleine, rot blinkende Lämpchen unter dem Dirigentenpult, zu groß war ihre Begeisterung für den Maestro, der sich mit fast triumphaler Geste im Jubel des Publikums sonnte.
Heinz Tuchnik sah zufrieden auf die blinkenden Lichtanzeigen der Schalttafeln an seinem Arbeitsplatz: alles funktionierte. Routinemäßig durchmaß er mit seinen Augen den großen Saal – der Dirigent verbeugte sich gerade -, als sein Blick an einem rot blinkenden Licht unter dem Dirigentenpult hängen blieb. Er stutzte: „Dort unten ist doch aus Sicherheitsgründen nichts installiert“. Auf ausdrücklichen Wunsch von Karl-Heinrich zu Hardenberg hatte er eigenhändig alle Leuchtanzeigen entfernt, die den Dirigenten eventuell hätten stören können. Er überlegte, nun einigermaßen beunruhigt, was das Lämpchen wohl zu bedeuten hatte. Da wurde ihm schlagartig bewusst, was dort vor sich ging: der schwarze Mann, die blinkende Lampe, plötzlich war alles ganz logisch. Dieser Mann wollte den Chefdirigenten umbringen! Fieberhaft überlegte er, was er tun könnte, als ihm auffiel, dass der rote Punkt schneller zu blinken begann. Krachend fiel sein Stuhl um, als er aufsprang und zur Treppe rannte. Zwei Geschosse waren es bis zum Orchestergraben und er wusste nicht, wie viel Zeit ihm noch blieb.
Inmitten des vor Begeisterung tobenden Publikums blickte ein dunkel gekleideter Herr ruhig auf seine Armbanduhr: 21.56 Uhr. „Noch 120 Sekunden bis zur Explosion“, lachte er verächtlich in sich hinein, „das war´s dann wohl, Herr zu Hardenberg“.
Heinz Tuchnik nahm zwei Stufen auf einmal, er gab alles, spurtete das erste Stockwerk hinunter, konnte sich gerade noch am Geländer festhalten, um nicht zu stolpern. Nur ein Gedanke jagte durch seinen Kopf: Würde er es rechtzeitig bis nach unten schaffen? Und wenn ja, was sollte er dann tun? Er hatte noch nie eine Bombe aus der Nähe gesehen, geschweige denn entschärft. Doch jetzt musste er sich wieder auf seine Füße konzentrieren.
Noch 35 Sekunden. Das Grinsen des Mannes wurde breiter.
Tuchnik hatte nun auch das letzte Stockwerk hinter sich, rannte durch den Künstlereingang, stolperte dabei über ein Kabel, das er eigenhändig (aber wohl nicht sorgfältig genug) verlegt hatte. „Shit“ dachte er und rappelte sich wieder auf.
Noch 15 Sekunden.
Tuchnik war jetzt am Rand der Bühne angelangt, das verdutzte Publikum starrte ihn an, doch darum kümmerte er sich nicht. Er hastete weiter, noch 16 Meter, dann hatte er es geschafft.
Noch 4 Sekunden.
Er war jetzt nur noch 5 Meter entfernt, wollte sich schon nach vorne stürzen und den Dirigenten von seinem Pult stoßen, da gab es einen ohrenbetäubenden Knall. Er wurde von der Druckwelle nach hinten geworfen und fiel auf den Boden. Dann wurde ihm schwarz vor Augen. Der Dirigent wurde von seinem Pult geschleudert, das in tausend Stücke zerbarst. Das gesamte Publikum hielt einen Moment inne, dann brach Panik los, alle Menschen stürmten zu den Notausgängen.
Nur Sybille rannte in die entgegengesetzte Richtung, zückte ihr Handy und rief sofort einen Notarzt. Der Dirigent brauchte dringend Hilfe, sie fühlte seinen Puls: „Nichts, er ist tot“, stellte sie bitter fest. Sie ließ ihren Blick durch den Raum schweifen auf der Suche nach Hinweisen. Alle drängten sich zum Ausgang, nur einer fiel ihr auf: ein dunkel gekleideter Mann saß noch immer auf seinem Platz. Als er ihren Blick bemerkte, stand er schnell auf und lief Richtung Ausgang. Da entdeckte sie den Mann, der vorher auf die Bühne gerannt war. „Wahrscheinlich wollte er den Anschlag verhindern“, dachte sie. Der Mann war bewusstlos und hatte eine Platzwunde am Kopf, aus der Blut lief, aber sonst schien er unverletzt zu sein. „Hallo, können Sie mich hören? …
… sind Sie in Ordnung?“. Eine Frau hatte sich über ihn gebeugt und kniff ihn in die Wange. Er kam wieder zu sich. Ein Notarzt eilte heran und kümmerte sich um ihn. Als seine Wunden versorgt waren, wandte er sich zu der noch unbekannten Frau: „Wer sind Sie?“
„Ich bin Kommissarin Sybille Matzel. Sie wollten den Mord verhindern, oder?“
„Ja, ich habe mich über ein kleines Lämpchen unter dem Dirigentenpult gewundert. Da fiel mir der Mann wieder ein, den ich gestern Abend gesehen habe. Es war Franz Tuter, der Zweite Dirigent.“
„Dann werde ich mir den mal vorknöpfen. Wissen Sie, wo er sich um diese Zeit aufhält?“
„Nein, tut mir leid.“
Als sie die genaue Anschrift Tuters ermittelt hatte, brach sie sofort auf. Während der Fahrt dachte sie über das Tatmotiv nach. Vermutlich hat Tuter den Chefdirigenten aus Eifersucht umgebracht, um selber im Rampenlicht zu stehen. „Das Showgeschäft ist wirklich schrecklich“, entschied sie. Sie stand vor Tuters Haustür, klingelte und rief: „Polizei! Öffnen sie die Tür!“. Als sich nach dem dritten Versuch immer noch nichts regte, warf sich die gut trainierte Frau gegen die Tür, die daraufhin nachgab. Mit gezückter Pistole lief sie durchs ganze Haus, doch es war leer. Sie überlegte, was sie nun tun sollte, und beschloss noch einmal zum Gasteig zu fahren. Vielleicht konnte ihr dort jemand sagen, wo sich der Zweite Dirigent gerade aufhielt. Im Gasteig angekommen, sah sie sich den Tatort noch einmal gut an, doch auch hier fand sie keinen weiteren Hinweis. Enttäuscht und erschöpft machte sie sich auf den Heimweg. Als sie am Arbeitszimmer des Chefdirigenten vorbeikam, hörte sie Geräusche, blieb stehen und spähte vorsichtig durch den offenen Türspalt; dahinter saß Franz Tuter. „Jetzt hab ich dich, Bürschlein!“, dachte sie. Mit einer Hand am Gürtel, in dem ihre Waffe steckte, trat sie in den Raum, zog ihren Ausweis und rief: „Polizei! Sie sind vorläufig festgenommen. Sie haben das Recht zu schweigen. Alles was Sie sagen, kann vor Gericht gegen Sie verwendet werden“ klärte sie den verdutzten, mit offenem Mund dasitzenden Tuter über seine Rechte auf und verhaftete ihn.