Der Holmes des 21. Jahrhunderts ?
von Leonore Oestreich

Das Einzige, dass Lewis spürte, war der bittere Geschmack der Niederlage, der schmerzhaft in seiner Kehle brannte. Er wusste nicht wie, aber irgendwie hatte es sein Gehirn geschafft alles andere auszublenden, die Tatsache, dass er total zerschunden am Boden lag, genauso wie den pochenden Schmerz in seiner rechten Hand. All das nahm er gar nicht mehr war, es war eher so, als würde ihm ein Fremder von seinen Verletzungen erzählen. Der Detektiv schloss die Augen und atmete langsam aus, der Schmerz, der mit dem Atmen hätte kommen müssen blieb aus. Lewis wusste wirklich nicht was mit ihm los war. Hatte er sich schon jemals von einem Gegner so leicht besiegen lassen? Er dachte zurück, an all die Fälle, die er mit seinen 29 Jahren schon gelöst hatte und kam zu einem eindeutigen Ergebnis: Nein, es war ihm vor diesem Auftrag noch nie passiert, dass ein Gegner stärker, listiger oder gerissener gewesen war als er. Lewis versuchte sich aufzurichten, aber sein Körper gehorchte ihm nicht mehr, so hilflos hatte er sich noch nie gefühlt. Und dabei hatte der Fall doch so wie jeder andere angefangen, na ja, fast …

1.Kapitel
Millionendiebe gefasst – Erneuter Erfolg für den „ Holmes des 21. Jahrhunderts“

Als Lewis Dunwill die Schlagzeile der örtlichen Tageszeitung las, musste er grinsen. Die Zeiten, in denen er sich eine kleine Detektei mit Mr. Jackells, seinem unfähigen Kollegen, hatte teilen müssen, waren endgültig vorbei. Endlich hatte die Welt erkannt welches Talent in ihm steckte und es kam nicht selten vor, dass Menschen ihn auf der Straße erkannten und nach einem Autogramm fragten. Alles in allem war Dunwill mit seinem Titel als „Holmes des 21. Jahrhunderts“ äußerst zufrieden. Bester Laune rückte er sich seine Krawatte zurecht, für ihn war es oberstes Gesetz, ordentlich bei seinen Klienten zu erscheinen: schließlich wollte er ja einen positiven Eindruck hinterlassen, damit ihn seine Kunden weiter empfahlen. Er begutachtete im Schaufensterglas seine Krawatte und ging schließlich in das benachbarte Café. Eine weitere Regel, die sich Dunwill aufgestellt hatte, war: „Zwinge deinen Auftraggeber nicht, dass er zu dir in Detektei kommt. Versuche, dass erste Treffen mit ihm an einem, dem Mandanten, bekannten, vertrauten Ort zu vereinbaren.“ Dunwill hatte sich diese Regel aus Erfahrung aufgestellt, denn nicht selten war es vorgekommen, dass etwas schwächer besaitete Menschen einem Nervenzusammenbruch nahe waren als sie zu ihm in die Detektei gekommen waren. Da war es ihm sicherer, wenn er sich mit seinen Kunden bei ihnen zu Hause, oder in einem Café traf – am Liebsten war es Dunwill wenn sein Klient noch jemanden zur Unterstützung mitnahm. Er erinnerte sich noch gut daran, als eine etwas ältere Dame ohnmächtig auf seiner Türschwelle zusammengebrochen war und er den Krankenwagen rufen musste. Wäre ihr Mann dabei gewesen, so hätte dieser gewusst, dass die Frau immer ein kleines Riechfläschchen bei sich hatte und die Situation hätte binnen weniger Minuten entschärft werden können. Und wieso war die Frau gleich noch mal zu ihm gekommen? Ach ja, genau, die Katze von ihr war weggelaufen gewesen. Wie konnte man nur so einen Aufstand wegen einer Katze machen? Der Detektiv schob seine Gedanken beiseite. Ein neuer Fall wartete auf ihn und er musste sich konzentrieren. Er steuerte den Tisch an, an dem eine hübsche Blondine mit einem, für Dunwills Geschmack, zu geschniegelt aussehenden, Mann saß. „Sie müssen Miranda Simons sein, wir haben telefoniert. Und sie sind?“, fragte Dunwill und streckte dem Mann die Hand entgegen, dieser musterte ihn misstrauisch, schüttelte seine Hand und meinte leise. „Wie ich heiße tut nichts zur Sache, ich bin ein Freund von David, der vermissten Person und unterstütze Miranda.“ Lewis sah sich den Mann, der seinen Namen nicht verraten wollte, zweifelnd an, zuckte mit den Schultern und setzte sich zu den beiden an den Tisch. Nachdem er sich einen Kaffee bestellt hatte wandte er sich mit ernstem Gesicht den beiden zu. „ Also Ms.Simons, sie riefen mich gestern an und sagten mir ihr Lebensgefährte wäre seit zwei Tagen verschwunden, ist das korrekt?“ Die Frau sah den Detektiv eingeschüchtert an. „Ja, mein Freund, sein Name ist David Jackells, ist seit über zwei Tagen verschwunden. Er sagte mir…“ „Moment mal!“, unterbrach der Detektiv Miranda. „Habe ich richtig gehört? David Jackells? Sie meinen doch nicht etwa den Privatdetektiv?“ Der Mann ohne Name, lehnte sich sichtlich entspannt zurück und meinte: „Genau den meinen wir, Miranda war sich nicht sicher, ob Sie der Detektiv waren, der sich damals mit ihm eine Detektei geteilt hat, aber anscheinend hatte sie recht. Wissen Sie, David redete stets nur Gutes über Sie und Sie schienen ja ein freundschaftliches Verhältnis zu haben. Da dachten wir uns, dass es das Beste wäre, wenn Sie unseren Freund suchen würden.“, Lewis setzte zum Sprechen an, aber der Namenlose hob die Hand und sagte: „Bevor sie uns mit Fragen löchern, sage ich ihnen einfach, was ich weiß. Also: David rief mich vor vier Tagen an und meinte, dass er kurz davor wäre etwas richtig Großes aufzudecken. Diesbezüglich brauchte er meine Hilfe, ich arbeite bei der Stadtverwaltung müssen sie wissen, das heißt, dass ich unbeschränkten Zugriff auf sämtliche Daten habe. Na ja, jedenfalls bat er mich, ob ich herausfinden könnte wo in letzter Zeit eine Pizzeria aufgemacht hatte. Ich sagte ihm, dass das ziemlich klischeehaft wäre, aber er beharrte darauf. Bei meinen Nachforschungen stieß ich schließlich auf die Adresse einer Pizzeria, die erst vor einem Monat Eröffnung feierte. Außerdem fand ich noch heraus, dass sich das Restaurant in einem riesigen stillgelegtem Einkaufszentrum befindet. Ich gab David diese Informationen weiter, das war vor drei Tagen. Als ich ihn anrief meinte er, dass er sich die Sache möglichst bald anschauen würde und seitdem ist er wie vom Erdboden verschluckt.“ Der Detektiv musterte den Mann lange und nachdenklich, die Geschichte kam ihm reichlich an den Haaren herbeigezogen vor. „Mister und da sind Sie sich ganz sicher? Denn wenn Sie mich fragen, dann will Sie Jackells gehörig an der Nase herumführen, haben sie noch eine Rechnung bei ihm offen?“ Der Mann, der seinen Namen nicht preisgeben wollte, lockerte seine Krawatte etwas, beugte sich schließlich vor und meinte: „Ja, die Rechnung, die ich bei ihm noch offen hatte, habe ich aber beglichen, als ich ihm die Informationen heraussuchte. Außerdem würde er wegen einem verlorenen Pokerspiel nicht so einen Aufstand machen. Ich habe ihm lediglich ein Bier geschuldet. Glauben sie mir, Mr. Dunwill, dass hier ist ernst. Außerdem ist Miranda sehr wohlhabend und bietet ihnen eine beachtliche Summe, wenn sie der Sache nachgehen.“ Lewis zuckte mit den Schulter, Job war Job, auch wenn er es reichlich albern fand, dass er als Detektiv einem anderen Detektiv aus der Patsche helfen sollte. „Okay, wenn Sie mir die Adresse und alle anderen Daten, die ich benötige, geben, werde ich dem Fall sofort nach gehen.“ Der Mann im Jackett reichte Dunwill ein paar Blätter Papier. Ganz oben auf dem ersten stand eine Adresse. „Ist das die Adresse die sie für Mr. Jackells heraus gesucht haben?“ Der Namenslose nickte, dann schob er Dunwill ein Kuvert zu. „5000 für den Anfang, der Rest folgt wenn sie David gefunden haben.“ Lewis nickte und nahm den Umschlag. „Nun, dann werde ich mich mal auf die Suche nach unserem verschollenen Freund machen“. Er lupfte seinen Hut und verließ das Café.

2. Kapitel
Als der Detektiv am Einkaufszentrum ankam war es bereits dunkel geworden. Es hatte seine Zeit gebraucht, bis er das ziemlich versteckt liegende Kaufhaus gefunden hatte. In keinem der Schaufenster brannte Licht und sie waren alle, bis auf eines, in dem leblose Schaufensterpuppen standen, vollkommen leer geräumt. Als er auf den Eingang zu schritt, fühlte sich Lewis beobachtet, aber als er über seine Schulter schaute, waren da nur die leblosen Mannequins, die ihm mit ihren Blicken zu folgen schienen. Er zog fragend die Augenbrauen hoch und lachte leise. Wieso war er nur so schreckhaft? Er atmete einmal tief durch und betrat dann den Eingangsbereich. In der Zentimeter hohen Staubschicht auf dem Boden waren Fußspuren zu sehen, er war also auf der richtigen Spur. Leise schlich sich Dunwill, den Fußspuren folgend, den Gang entlang. Dann verharrte er plötzlich, er glaubte ein Geräusch gehört zu haben. Ein leises Trippeln war zu hören, dann verschwand es um die Ecke. Die Fußspuren wurden alle paar Meter deutlicher, es war vor sehr kurzer Zeit jemand im Kaufhaus gewesen, dessen war Dunwill sich jetzt sicher. Die Spuren führten ihn ins Kellergeschoss und als der Detektiv den langen dunklen Korridor betrat, verspürte er einen Luftzug, der ihn plötzlich streifte. Er drehte sich erschrocken um und blickte in rabenschwarze Leere. Im Stillen verfluchte er sich, dass er seine Taschenlampe zu Hause liegen gelassen hatte und sich jetzt mit der spärlichen Beleuchtung seines Handy-Displays zufrieden geben musste. Nachdem er dem Gang ein paar Meter gefolgt war, hörten die Fußabdrücke plötzlich auf, die Staubschicht schien unangetastet, als ob sich die Person in Luft aufgelöst hätte. Oder gab es eine versteckte Bodenluke?, aber das hätte er doch bemerkt. Oder aber, Dunwill kam ein unangenehmer Gedanke, der ihn frösteln ließ. Was, wenn die Person einfach stehen geblieben war, sich irgendwo im Schatten versteckt hatte und nur darauf gewartet hatte… Wie aufs Stichwort fühlte Dunwill wie etwas hinter ihm in Bewegung kam, ausholte und ihn mit voller Wucht traf.

Als Lewis wieder zu sich kam, beugte sich jemand zu ihm hinunter und zischte mit hämischer Stimme: „Das hast du von deiner ewigen Angeberei, dass du der “Beste“ bist! Denn kein halbwegs gut ausgebildeter Detektiv wäre auf so etwas hereingefallen. Kam sie Dir nicht komisch vor, die Geschichte, die Dir deine Auftraggeber da auftischten? Über mein mysteriöses Verschwinden? Und war es nicht komisch, dass sie ausgerechnet dich damit beauftragte? Obwohl wir uns doch noch nie leiden konnten und Du nie einen Hehl daraus gemacht hast, was Du von mir hältst! Natürlich war das seltsam, aber Dir ist es nicht aufgefallen!“ Dunwill schaute auf und blickte in das vor Freude verzogene Gesicht seines alten Kollegen Jackells. „Du!“, stieß Lewis aus. „Ja, ich. Du bist total überrascht mich so unversehrt zu sehen, oder? Du hast wirklich geglaubt, dass ich so dumm sein könnte und mich im Alleingang auf so eine riskante Sache einlassen würde. Aber weißt du was? Der einzig Dumme hier bist Du. Um ehrlich zu sein, bin ich sogar ein bisschen enttäuscht, wie einfach es war dich in die Falle zu locken. Schon seltsam, dass sie dich als neuen Sherlock Holmes gepriesen haben. Aber na ja, so sind sie nun mal die Menschen, aber weißt du was: bald werden sie mein Talent anerkennen und die Schlagzeilen ihrer Zeitungen werden meinen Namen beinhalten!“ Lewis starrte geschockt seinen ehemaligen Kollegen an, in den Augen des Mannes funkelte der Wahnsinn. „Und was, bitteschön hast du jetzt mit mir vor?“, fragte Lewis und zwang sich ruhig und herausfordernd zu klingen. Als Antwort bekam er einen Tritt in die Rippen, der ihm für ein paar Sekunden die Luft nahm. „Weißt du, ich habe mir diese Szene schon etliche Male vorgestellt, du wehrlos am Boden liegend und ich, der dich zuerst ein bisschen quält und dann umbringt. Und jetzt ist es Realität, alles, was ich mir gewünscht habe wird wahr.“ Ein irrer Glanz trat in Jackells Augen und er fing an zu kichern. Lewis richtete sich ein wenig auf, sein Kollege hatte sich anscheinend so darüber gefreut, dass sein Plan aufgegangen war, dass er vergessen hatte Lewis zu fesseln. „Nun, David, es tut mir aufrichtig leid, aber ich bin nicht wehrlos!“ Mit diesen Worten versetzte Dunwill dem Detektiv einen Tritt. Dieser stolperte ein paar Schritte, fing sich dann aber wieder und schlug Lewis hart ins Gesicht. Lewis taumelte und fiel schmerzhaft gegen einen modrigen Schrank, der schließlich unter seinem Gewicht zusammenbrach und ihn unter morschem Holz begrub. Das Einzige, dass Lewis spürte, war der bittere Geschmack der Niederlage, der schmerzhaft in seiner Kehle brannte. Er wusste nicht wie, aber irgendwie hatte es sein Gehirn geschafft alles andere auszublenden, die Tatsache, dass er total zerschunden am Boden lag, der pochende Schmerz in seiner rechten Hand. All das nahm er gar nicht mehr war, es war eher so, als würde ihm ein Fremder von seinen Verletzungen erzählen. Der Detektiv schloss die Augen und atmete langsam aus, der Schmerz, der mit dem Atmen hätte kommen müssen blieb aus. Lewis wusste wirklich nicht was mit ihm los war. Hatte er sich schon jemals von einem Gegner so leicht besiegen lassen? Er dachte zurück, an all die Fälle, die er mit seinen 29 Jahren schon gelöst hatte und kam zu einem eindeutigen Ergebnis: Nein, es war ihm vor diesem Auftrag noch nie passiert, dass ein Gegner stärker, listiger oder gerissener gewesen war als er. Lewis versuchte sich aufzurichten, aber sein Körper gehorchte ihm nicht mehr, so hilflos hatte er sich noch nie gefühlt.
Er hörte wie Jackells die Holzbalken, die ihn bedeckten zur Seite schob und langsam auf ihn zuging. Dann hörte er wie eine Waffe entsichert wurde und der Abzug mit einem leisen Knacken betätigt wurde und dies war das Letzte was er hörte.

Lewis wachte schweißgebadet auf. Nachdem er sich wieder einigermaßen unter Kontrolle hatte, sagte er sich: Es war nur ein Traum, kein Grund zur Sorge, nur ein Traum. Er ging in die Küche und holte sich ein Glas Wasser. Als sein Blick auf eine Zeitung auf dem Esstisch fiel runzelte er die Stirn, er war sich sicher, sie dort nicht hingelegt zu haben. Er ging zum Esstisch und las sich die erste Seite durch, beim Datum stockte er, es war die Zeitung für morgen früh und die Schlagzeile lautete „Meisterdetektiv Dunwill ermordet in Wohnung aufgefunden. Newcomer Jackells ermittelt“ Und da hörte Lewis ein Klicken hinter sich…