Ich seh´ Orange
von Henriette Groeger

Sie waren hinter mir her, gleich würden sie mich bekommen. Mein Herz klopfte wie wild und ich begann zu schwitzen. Ein kühler Finger strich über mein Gesicht. “Ahhh!!!”, brüllte ich und riss die Augen auf. Dann rollte ich mich aus meinem Bett und kam mit einem dumpfen und äußerst schmerzhaften Aufprall am Boden auf. Mein kleiner Bruder Paul, der mir übers Gesicht gefahren war und mich somit von meinem unerwünschten Alptraum erlöst hatte, kicherte, und sagte dann ganz unschuldig, als wäre er ein kleiner Engel: “Sophia, Mama hat gesagt, ich soll dich wecken.“ „Stimmt doch überhaupt nicht, dir war doch nur langweilig”, grummelte ich, aber ich konnte nicht böse auf Paul sein. Der stand fast immer so früh auf, während ich an einem Sonntagmorgen wie heute manchmal bis 12.00 im Bett blieb. Paul nutzte es aus, dass ich auf dem Boden lag und hüpfte wie ein Flummi auf meinem Bett auf und ab. Ich warf mein Kissen an seinen Kopf: „Geh mit deinen Stinkefüßen bloß von meinem Bett weg!” So begann der Sonntagmorgen mit einer Kissenschlacht zwischen meinem 8-jährigen Bruder und mir. Als es so um 11.00 war und wir gerade gemütlich gefrühstückt hatten, setzte ich mich an meinen Schreibtisch und holte weißes Papier hervor. Ich machte bei einem Malwettbewerb für Kinder mit, der von einem Spielzeugladen organisiert wurde. Der Preis war ein 300€-Gutschein und den wollte ich unbedingt gewinnen, denn exakt so viel kostete die Playstation, mit der ich der Star bei all meinen Freunden sein würde. Die Aufgabe war, ein Landschaftsbild möglichst überzeugend nur in Orangetönen zu malen. Die Stifte hatte ich mir schon vor 2 Wochen gekauft: 18 verschiedene orangene Farben, auf die ich sehr stolz war und die ich alle in mein Schulfedermäppchen getan hatte. Ein Ehrenplatz, aber der war nicht ohne Grund, denn sie waren teuer gewesen. Das Problem war nur: Sie waren weg. Mein Federmäppchen mit allen Bleistiften, Radiergummis und dem Spitzer sowie allen Orangetönen waren weg. Verschwunden. Und das war eine wirkliche Tragödie. Ich hatte lange über das Motiv nachgedacht und wollte dieses Wochenende das Bild malen. Und das war echt wichtig, denn der Einsendeschluss war schon am Dienstag. Nervös kippte ich den gesamten Inhalt meines Schulranzens auf den Boden, räumte alle Schreibtischschubladen und Schränke aus, aber alles ohne Erfolg. Ich schrie: “Hat einer mein Federmäppchen gesehen?” Natürlich hatte niemand und so musste ich bis morgen warten, denn zu meinem Pech hatten alle Läden geschlossen, weil ja Sonntag war. Am nächsten Tag war ich sehr unruhig. Ich hatte all mein Erspartes zusammengekratzt und wartete ungeduldig und sehnsüchtig auf den Schulschluss. Kurz vor der 4. Stunde kam dann auch noch Timo an meinen Platz. Timo war immer fies zu allen, obwohl ihm nie jemand etwas tat. Ich wusste nicht viel über ihn, nur dass seine Eltern nicht viel Geld hatten, er im selben Fußballverein war wie Paul und er genau wie ich gern malte. „Na” sagte er und blieb vor mir stehen: „Ich habe gehört, du willst auch bei dem Malwettbewerb mitmachen?” Ich hatte keine große Lust ihm zu antworten und nickte einfach nur. „Das trifft sich ja toll, wir können nach der Schule zusammen Stifte kaufen gehen. Du hast ja noch keine, oder?“ Ehe ich antworten konnte, kam unsere Mathelehrerin herein und Timo verzog sich schnellstens auf seinen Platz. Ich kochte innerlich vor Wut. Er musste doch meine Stifte genommen haben, oder? Alles passte zusammen und so beschloss, ich ihn nach der Stunde zur Rede zu stellen. „Gib mir sofort meine Stifte wieder!“, fauchte ich ihn an. Er machte ein komisches Gesicht „Ich weiß nicht, was du meinst.“, sagte er. „Ich dachte du hättest noch keine.“
Eine weitere komische Sache passierte mir am Anfang der Kunststunde: „ Schaut mal: Ich habe ein ganzes Set oranger Stifte von meiner Tante geschenkt bekommen.”, rief Lisa durch den Raum. Lisa hatte mich nie gemocht und was lag da näher, als dass sie meine Stifte genommen hatte? Sofort ging ich zu ihrem Platz, riss ihr die Stifte, die sie in eine Box getan hatte, aus der Hand und sagte: „Nur dass du es weißt: Nicht mal in deinen Träumen würde ICH dir irgendetwas schenken.“ Lisa machte ein blödes Gesicht und ich ging hochzufrieden an meinen Platz zurück. Sie versuchte, die Lehrerin von ihrer Unschuld zu überzeugen, doch die glaubte ihr nicht, denn Lisa war schon immer eine Lügnerin gewesen. Während der Stunde schaute ich mir die Stifte an und fuhr mit den Fingern über alle Farben. Doch: Halt. Was stand auf der Innenseite der Box?
Liebe Lisa,
die Stifte hatte ich eigentlich für mich gekauft, weil ich bei einem Malwettbewerb mitmachen wollte, aber dann habe ich gemerkt, dass der nur für Kinder ist.
Viel Spaß damit, deine Tante Ulrike

Das war peinlich für mich, aber ich gab ihr die Stifte mit einem kleinlaut gemurmelten „Entschuldigung“ zurück. Den ganzen restlichen Tag über wimmelte es nur so von solchen Begegnungen: Mindestens 4 weitere Mitschüler verdächtigte ich, mein Federmäppchen geklaut zu haben, doch das erwies sich immer als ein Irrtum. Nach der Schule wollte ich mich nachdenklich auf zum Schreibwarenladen machen, doch auf einmal merkte ich, dass Mama wartend vor der Schule stand. „Was will die denn hier?”, dachte ich mir „Überraschung!”, rief sie laut, “Paul hat doch heute sein Fußballspiel und wir beide gehen hin. Dann musst du nicht den ganzen Nachmittag zuhause rumsitzen und dich langweilen. Toll, oder?” Ich fand das überhaupt nicht toll, aber konnte auch nichts dagegen tun. Und so saß ich beim Anpfiff von Pauls Spiel schließlich eingequetscht zwischen jubelnden Müttern, die die Regeln nicht mal kannten. Mal fiel ein Tor für das eine, mal für das andere Team. Die Mütter jubelten immer. Ich döste, so gut das eben ging, vor mich hin, holte meine Hausaufgaben hervor, packte sie wieder ein. Dann fing es auch noch an zu regnen…. Endlich war Pause. Mama rannte hinunter, so dass sie mit Paul sprechen konnte. „Super mein Schatz!“ meinte sie liebevoll zu meinem schlammverschmierten, kleinen Bruder. Der strahlte erschöpft „Hast du mal Wasser?“ „Nee“, meinte Mama „Aber hast du keins in deinem Rucksack? Du bist doch direkt nach der Schule hergekommen.“ Paul nickte und gab Mama seinen Rucksack. Die wühlte darin herum. „Ach, ich glaube, ich habe etwas gefunden.“ Zu meinem Unglauben zog sie mein Federmäppchen heraus. „Was ist denn das?“, fragte Paul. Ich riss es Mama aus der Hand. „Paul, du kleiner Scheißer, wie kommst du dazu mein Federmäppchen zu klauen und es dann in die Schule mitzunehmen?“ Mama reichte ihm seine Trinkflasche. Er nuckelte seelenruhig daran und zuckte nur mit den Achseln. „Das hab´ ich da nicht reingetan. Das war heute schon den ganzen Tag drin.“ Ehe ich etwas sagen konnte, gab es einen kurzen Pfiff und das Spiel ging weiter. Wir liefen die Tribüne zu unserem Platz hinauf „Oh, tut mir leid“, sagte Mama „Das lag auf dem Küchentisch und ich dachte es gehört Paul. Blau ist doch seine Lieblingsfarbe, da habe ich es in seinen Rucksack gepackt.“ Ich schüttelte den Kopf. So etwas konnte doch echt nur Mama machen. Wir waren schon fast an unserem Platz, da stand auf einmal Timo vor mir. Mama ging schon weiter. „Hey, Sophia“, sagte er. Er klang auf einmal gar nicht mehr so gemein und böse. „ich dachte, wir wollten zusammen Stifte kaufen gehen. Ich habe nach der Schule extra auf dich gewartet, aber du warst nicht mehr da.“ Ich schaute ihn zweifelnd an. „Das soll ich dir jetzt glauben, nachdem du immer so gemein zu mir bist?“ „Naja“, er wurde rot. „Ich habe mich nie getraut dich anzusprechen. Das wäre doch peinlich gewesen.“ „Aha. Aber warum bist du überhaupt hier?“ „Naja, mein kleiner Bruder Fabian spielt gerade beim Fußballturnier mit und meine Mutter hat mich mitgeschleppt. Ähh, hast du Lust auf was zu Trinken?“ Ehe ich Mama Bescheid geben konnte, zog er mich beiseite und kaufte mir eine Cola. „Jetzt, wo du schon Stifte hast. Wir könnten das Bild ja zusammen malen, oder?“ Und dieser Satz von ihm rettete mir den gesamten Tag. Denn ich wusste, dass ich mit ihm zusammen nicht nur den Wettbewerb, sondern auch einen neuen Freund gewinnen könnte.