Die Ganovenprüfung

Als John Hunter an einem wunderschönen Frühlingstag in seinem kleinen Garten saß, die ersten warmen Sonnenstrahlen auf seiner Haut spürte, die blühenden Blumen und Bäume um sich herum betrachtete, genoss er die atemberaubende Ruhe. Er schloss die Augen und träumte von seinem nächsten Urlaub in Italien. In diesem Moment ahnte er noch nicht, welche neue Aufgabe am darauffolgenden Tag auf ihn wartete und dass diese Aufgabe sogar etwas mit Italien zu tun hatte.
Kommissar John Hunter ist schon seit 30 Jahren Polizist und sehr erfahren in der Aufklärung von Einbrüchen. Aber so einen komplizierten Fall hatte er selten:
In der Stadt München herrscht große Aufregung. Im Dom am Marienplatz wurde in der Nacht von Freitag auf Samstag ein wertvoller Silberleuchter aus dem 17. Jahrhundert gestohlen. Die Polizei sucht mit einem Sondereinsatzkommando den ganzen Dom ab, um Hinweise zu finden. Doch der Täter war anscheinend sehr vorsichtig und hinterließ keine Spuren – zumindest auf den ersten Blick.
Gleich am Montagmorgen begibt sich der gut erholte und noch verträumte Kommissar John Hunter mit seinem Assistenten Josef Berger selbst zum Tatort. Sie wollen sich einen ersten Überblick verschaffen. Die beiden sind ein eingespieltes Team, obwohl Berger etwas tollpatschig ist und ein Großteil der Arbeit an Hunter hängen bleibt. Eine riesige Menschenmenge hat sich vor der Polizeiabsperrung am Dom versammelt, und die beiden Männer müssen sich erst einmal einen Weg durch die Massen bahnen. Sie steigen über die Absperrung und werden vom Chef des Sondereinsatzkommandos begrüßt. Kommissar Hunter sagt zu seinem Assistenten: „Berger, schau du dir die Kirche von außen an, ich gehe rein.“
Hunter betritt den Dom mit schnellen Schritten, doch plötzlich bleibt er wie angewurzelt stehen. Entsetzt ruft er: „Wie sieht es denn hier aus?“ Sofort fällt ihm auf, dass in einer Seitenkapelle an der Südseite ein Fenster eingeschlagen ist. Auf dem Boden darunter liegen viele bunte Glasscherben. Er geht noch ein paar Schritte weiter, sein Blick schweift über den Boden und bleibt an einem Stein hängen. „Mit dem hat der Täter die Fensterscheibe eingeschlagen“, sagt eine tiefe Stimme hinter seiner Schulter. Die Stimme gehört zu einem Polizisten des Sondereinsatzkommandos. Hunter greift in seine Jackentasche, holt eine Plastiktüte heraus und stülpt sie über den Stein. „Bitte lass den Stein untersuchen. Vielleicht ist das unser erster Hinweis.“ Er blickt sich noch einmal in der Kirche um. Da sieht er, dass in der Seitenkapelle rechts neben dem Altar viele Glassplitter am Boden liegen. Neugierig eilt er dorthin und ist verblüfft. Zum Polizisten neben sich sagt er: „Hatte der Täter die Alarmanlage nicht ausgeschaltet?“ „Eigentlich schon“, antwortet der Polizist. „Wieso hat der Dieb dann die Glasglocke zerstört?“, fragt Hunter weiter. Ein anderer Polizist, der zugehört hat, ruft laut herüber: „Vielleicht ist ihm die Glasglocke einfach aus der Hand gerutscht.“ Hunter schlendert langsam zur Alarmanlage, um sie sich genauer anzusehen. „Wie konnte der Täter die Alarmanlage so einfach außer Gefecht setzen?“, denkt er. „Dazu brauchte er einen Zahlencode. Aber woher kannte er den richtigen Code?“ Nachdenklich geht der Kommissar in die Mitte des Doms und lässt seinen Blick noch einmal schweifen. Schließlich wendet er sich dem Ausgang zu und verlässt die Kirche.
In der Zwischenzeit schlendert Josef Berger um den Dom herum. Bis auf das eingeschlagene Fenster an der Südseite fällt ihm nichts Besonderes auf. Gerade als er sich auf den Weg zum Eingang machen will, stolpert er über etwas und fällt hin. „Hoppla, was ist denn das?“, fragt er laut. „Hast du etwas entdeckt, Josef?“, ruft John Hunter und eilt auf seinen Kollegen zu.
Als er ihm aufhelfen will, entdeckt er einen Fußabdruck, in dem winzige bunte Glasscherben glitzern. „Diese Scherbe glitzert nicht, Josef“, sagt Hunter. „Da ist Blut dran!“ Er steckt die Glasscherbe mit dem Blut in eine kleine Plastiktüte und diese in die rechte Hosentasche. „Vielleicht finden sie im Labor damit was raus.“

Zeitgleich bremst in der Sommerstraße 19, in einem noblen Stadtviertel von München, ein hellgrauer BMW vor einer großen Villa mit den verschnörkelten Initialen S. B. Es ist Theodor Schwarz, der jüngste Lehrling des großen Ganoven Salvatore Bandito.
Der Kriminalpolizei München ist Bandito schon seit langer Zeit als Ganove vieler Verbrechen bekannt. Vermutlich gehen Dutzende von Einbrüchen auf sein Konto.
Beweise gibt es allerdings keine. Bandito selbst bezeichnet sich als Ganovenkönig, denn er hat bereits Sachen im Wert von einer Million Euro gestohlen und bisher hat ihm keiner etwas nachweisen können. Er ist mittlerweile ein alter Mann von 71 Jahren mit grauen Haaren und einem grauen Schnurrbart. Sein Hobby ist es, Einbrüche zu planen und damit seinen Reichtum zu vergrößern. Da er selbst zu alt geworden ist, bildet er Lehrlinge aus, die er für die Ausführung seiner Einbrüche einsetzt.
Theodor Schwarz möchte Mitglied seiner Bande werden. Erwartungsvoll beobachtet Bandito aus seiner Villa, wie sein Lehrling Schwarz zügig aus dem Auto steigt und aus dem Kofferraum den säuberlich in ein weißes Tuch gehüllten Silberleuchter nimmt. Nervös geht Schwarz zu dem Tor der Villa, schaut sich um, dass ihn auch keiner auf der Straße beobachtet, klingelt, nennt sein Codewort und geht hinein. Bandito sitzt in einem alten, bequemen Ohrensessel, raucht eine dicke Zigarre und fragt: „Ist der Plan aufgegangen?“ Schwarz hält mit zitternden Händen das Silberstück hoch und sagt: „Ja, Meister, hier ist das edle Stück. Es war mir ein Vergnügen.“ „Hast du auch keine Spuren hinterlassen? Ich habe Hunter und das SEK heute schon am Dom gesehen“, fragt Bandito ein wenig skeptisch. „Ich glaube nicht“, sagt Schwarz immer noch mit zittriger Stimme. „Sehr gut gemacht. Damit hast du die Ganovenprüfung bestanden und ich nehme dich in meine Bande auf. Als Belohnung darfst du dir etwas aus meinem Tresorschrank im Keller aussuchen.“ Schwarz glaubt seinen Ohren nicht. Immer noch den Silberleuchter in der Hand haltend, hilft er dem alten Ganoven aus dem Sessel und sie gehen die Treppen hinab in den Keller. In einem der vier Kellerräume befindet sich Banditos Arbeitszimmer mit einem alten Schreibtisch, einem alten Ledersofa und einem großen alten Holzschrank. Zielgerichtet geht Bandito zu seinem Holzschrank und öffnet die Türen. Die Rückwand des Schrankes fehlt. Stattdessen verbirgt sich dahinter ein großer Tresorschrank, der so groß ist, dass man hineingehen kann. Dort angekommen gibt Bandito seine Zahlenkombination ein, ohne dass Schwarz die Ziffern sehen kann, und jetzt öffnet sich die große Tresortür. Es ist unglaublich, was sich vor Schwarz' Augen auftut. Der Tresorschrank ist so groß wie ein eigener kleiner Raum. Er sieht alte Gemälde, goldene Uhren, wertvolles Geschirr und viele andere wertvolle Gegenstände. Dem Ganovenlehrling bleibt der Mund vor Staunen offen stehen. Bandito sagt: „Geh ruhig hinein, schau dich um und stelle den Silberleuchter zu den anderen Wertsachen.“ Bandito ist mittlerweile so reich, dass er den Wert nicht mehr zu schätzen weiß. Während Schwarz sich umschaut, gönnt sich Bandito eine weitere Zigarre und freut sich darüber, dass er einen neuen jungen, sportlichen und klugen Ganoven als Mitglied für seine Bande gewinnen konnte, mit dem er viel vorhat.
Plötzlich klingelt es Sturm. Bandito und Schwarz hören eine laute Stimme sagen: „Aufmachen, hier ist die Polizei!“ Bandito ist die Ruhe selbst. Nur Schwarz wird panisch und schreit: „Ich hau ab!“ Doch bevor es soweit kommt, schließt Bandito seinen Lehrling in den Tresor ein. Noch immer ist Bandito ruhig, er geht die Treppe hinauf zur Eingangstür und öffnet den Beamten. Kommissar Hunter und sein Assistent Berger stehen vor der Tür. Die Leute vom Sondereinsatzkommando haben das Haus umstellt, damit niemand sich unbemerkt aus dem Haus stehlen kann. Hunter sagt zu Bandito: „Ciao Salvatore. Jetzt kriegen wir dich. Wir haben einen Durchsuchungsbefehl.“
„Berger, schnapp dir Leute vom SEK und durchsuche das Haus gründlich. Ich nehme mir Salvatore vor.“
Daraufhin gehen die Beamten in die Villa und fangen mit der Spurensuche an. „So, jetzt zu dir, Salvatore. Wo warst du letzte Nacht?“ Bandito antwortet: „Schau mich an. Ich bin ein alter Mann. Ich habe geschlafen. Ich brauche meinen Schlaf.“ „Und gibt es dafür Zeugen?“, hakt Hunter nach. „Ach, wissen Sie, ich lebe schon lange alleine. Meine liebe Frau ist vor zehn Jahren gestorben. Aber warum fragen Sie? Ist irgendetwas passiert?“ „Salvatore, du machst mir nichts vor. Du weißt genau, was passiert ist. Ich bin mir sicher, dass du in den Einbruch im Dom verwickelt bist.“ Bandito stellt sich weiter unwissend: „Sehe ich aus wie ein Einbrecher, Hunter?!“
Das Verhör wird durch eine aufgeregte Stimme unterbrochen. Die Rufe kommen eindeutig aus dem Keller. Zunächst ruft Hunter zwei weitere Polizeibeamte, die Salvatore Handschellen anlegen und in einen Polizeiwagen bringen. Danach geht er zügig in den Keller. „Hunter, schau dir das an!“ Der Kommissar sieht die Tresortür und versucht sie zu öffnen. Aber es gelingt ihm nicht. Auf einmal spitzt Hunter die Ohren. Er hört dumpfe Rufe. „Hast du das auch gehört, Berger?“ „Ja. Da ist jemand eingesperrt. Den Zahlencode weiß wohl nur Bandito. Ich gehe gleich mal nach oben und knöpfe mir Bandito vor.“ Berger stürmt die Treppen hinauf und kommt ein paar Minuten später mit dem Code für den Tresor zurück. Hunter tippt den Zahlencode ein und die schwere Tür öffnet sich. „Na, wen haben wir denn da? Unseren alten Kollegen Theodor Schwarz! Wenn das kein freudiges Wiedersehen ist!“, ruft Berger, packt den Ganoven im Polizeigriff und legt ihm blitzschnell Handschellen an. Schwarz schreit: „Ich war’s nicht! Lasst mich los!“ „Wir wissen, dass du es warst. Wir haben Beweise“, sagt der Kommissar. „Was denn für Beweise? Ich bin unschuldig!“, antwortet Theodor Schwarz nervös. „Wir haben an einer Glasscherbe dein Blut gefunden. Und im Blumenbeet war dein Fußabdruck.“ „Welche Glasscherbe überhaupt und der Fußabdruck kann ja von jedem sein!“, stellt sich Schwarz dumm. Berger, der sich seiner Sache sicher ist, sagt: „Die Scherbe aus dem Domfenster natürlich. Die Alarmanlage auszuschalten, war ja kein Problem für dich als ehemaligen Polizeibeamten. Das Labor hat nachgewiesen, dass das Blut von dir stammt. Deine DNA hatten wir ja noch aus deiner alten Polizeiakte. Oder woher stammt die Verletzung an deiner Hand? Wehr dich nicht mehr, Theodor, du bist überführt!“ „Nur das Motiv ist uns noch nicht ganz klar, Theodor!“, meint Hunter. „Ich wollte Rache, weil ihr mich aus dem Polizeidienst entlassen habt!“, brüllt Theodor außer sich vor Wut. Sie führen Schwarz hinauf zu den Polizeiautos. Als sie die Autotür öffnen, merkt Hunter verärgert, dass Salvatore Bandito nicht mehr im Wagen sitzt. Er ist wieder mal spurlos verschwunden…

Lukas Heindl