Fast…

Fast fünf Jahre lang hatte es meine Mutter in Kalifornien ausgehalten. Und jetzt war alles vorbei. 'Good Old Germany' hatte uns wieder. Schon saß ich wieder in so einer perfekten Schule mit diesen perfekten Schülern und perfekten Lehrern. Bemalte Betonwände umschlossen mich, fast so wie im Gefängnis.
Ich holte mein Notizbuch aus dem Rucksack. Es war die einzige Rettung, wie ich die vielen Stunden überleben konnte. Wenn ich zeichnete, machte auf einmal alles einen Sinn. Ich blätterte durch die Seiten und musste lächeln, als ich das vollgekritzelte Papier noch von meinem Vater sah. Er hatte es geliebt, einfach sinnlos draufloszumalen. Dad war ein wahrer Künstler gewesen . Ich war acht Jahre alt, als er starb. Mom redete fast nie von ihm, was mich allerdings auch nicht allzu sehr störte. Dad hatte immer gesagt: „Die Vergangenheit ist egal, nur auf die Zukunft musst du achten, Tammy“
Ich schnappte mir einen Bleistift und suchte nach einer leeren Seite. Angestrengt starrte ich auf das weiße Blatt Papier vor mir. Ich sah mich im Klassenzimmer um. Die Anderen quatschten oder schrieben gegenseitig irgendwelche Hausaufgaben ab. Es war, als bemerkten sie mich nicht, als wäre ich abseits, in einer anderen Welt. Manchmal überlegte ich, ob es vielleicht wirklich so war. Ein dumpfes Türknallen riss mich aus meinen Gedanken. Herr Sertel kam in den Raum. Die Schüler verstummten und verschwanden auf ihren Plätzen. Ich steckte das Notizbuch weg und ärgerte mich, dass ich nichts auf dem leeren Blatt hatte. Ich hasste ihn einfach. Selbst sein Name. Daniel Sertel. Ich betrachtete sein faltiges Gesicht. Ich hatte ihn noch nie lachen sehen, nicht mal ein kleines Zucken um die Mundwinkel. Wahrscheinlich wusste er nicht mal wie man lacht. Herr Sertel stellte seine altmodische Tasche auf das Pult und sah uns durch seine Brillengläser streng an. Mit der rechten Hand machte er ein Zeichen, dass wir uns erheben und ihn begrüßen sollten. Mucksmäuschenstill standen alle auf und leierten dann die Begrüßung herunter. Noch ein Grund, wieso diese Schule wie eine Zelle war. In Kalifornien war alles ganz anders, viel gechillter.
Ich ließ mich wieder auf den Stuhl fallen und wartete darauf, wen Sertel diesmal bloßstellte. Es war einfach nur mies, wie dieser Lehrer seine Schüler behandelte. Jeden Tag suchte er sich ein unschuldiges Kind raus, das er dann vor der ganzen Klasse klein und dumm aussehen ließ.
„Nun, Armin“, sagte Sertel und schweifte durch die Klasse. Armin also. Ich sah mich zu dem Jungen hinter mir um, der immer mehr unter der Tischplatte verschwand. Armin hatte leichte Sommersprossen im Gesicht und fand sich normalerweise damit ab, dass ihn niemand beachtete. Man vergaß ihn schon fast. Eigentlich fast so wie mich.

Endlich. Pause. Ein Strom von Schülern lief nach draußen und verteilte sich langsam. Ich steuerte auf meine übliche Bank zu und holte wieder mein Notizbuch raus. Armin saß am anderen Ende des Schulhofs. Er hatte eine ziemlich gekrümmte Haltung eingenommen und starrte in den Himmel. Eine Stimme in meinem Hinterkopf sagte mir, dass ich zu ihm hingehen sollte. Vielleicht war er ja ganz nett. Ich gab mir einen Ruck, stand auf und ging in seine Richtung. Wir saßen eine Weile nebeneinander, er auf der einen, ich auf der anderen Seite der Bank. „Hey“, sagte ich. Wie dämlich das klang. Armin sah mich verwirrt an und murmelte irgendetwas vor sich hin. Schweigen. „Wieso redest du mit mir?“fragte er auf einmal. „Ich weiß nicht. Ich fand's nur ziemlich fies, wie der Sertel dich behandelt hat. Wieso bist du nicht bei den anderen?“ Ohne aufzuschauen antwortete er: „Ich bin nie bei den anderen. Ich hab keine Freunde.“ Ich wich zurück. Am liebsten hätte ich jetzt gesagt, dass es mir genauso ging, aber ich brachte nichts über die Lippen. Er sah auf einmal so hilflos aus. Es klingelte und alle liefen wieder ins Schulgebäude zurück. Ich sah ihn noch einmal an, doch fand es zwecklos, noch etwas zu sagen und ging . Wahrscheinlich war ich einfach nicht dafür geschaffen, Freunde zu haben.

Zu Hause dachte ich über Armin nach. Er sah eigentlich ganz nett aus. Natürlich nur als Freund. Mein Handy klingelte und ich schreckte auf. Ich tastete nach ihm und nahm ab. „Hallo?“ „Hallo.“ Ich runzelte die Stirn. „Ehm…wer ist denn da?“ „Hier ist Armin.“ Armin? Was wollte der denn? Und woher hat er meine Nummer?! „Oh, hey Armin. Was gibt’s denn?“, sagte ich und versuchte mir nicht anhören zu lassen, dass ich total erstaunt war. „Ja… Ich wollte mich entschuldigen, dass ich vorhin in der Pause nicht mit dir geredet hab.“, sagte er und klang dabei etwas schuldbewusst. Wow, er wollte sich entschuldigen? Richtiger Gentleman. „Kein Problem. Kam ja auch ein bisschen komisch rüber…“, erwiderte ich und musste irgendwie lächeln. Vielleicht entschied dieses Gespräch meinen neuen besten Freund.
Und ich hatte recht. Wir lernten uns über die Wochen richtig kennen und saßen jede Pause nun gemeinsam auf der Bank. Er gab mir Tipps, was ich malen könnte. Armin selber las dann Gedichte oder so was.
Ich hatte das Gefühl, dass er sich mir öffnete. Und darauf war ich stolz. Endlich einen richtigen Freund zu haben. Ihm alles anvertrauen zu können.
Wenn ich daran dachte, wie höflich er war, als wir bei mir zu Hause waren. Er hatte mein Zimmer bestaunt und fand es toll, wie gut meine Mutter kochen konnte.
Manchmal hatte ich überlegt, ob es bei ihm anders war. Er wich oft aus, wenn ich das Thema Familie ansteuerte. Aber eigentlich ging mich das nichts an.
„Schatz, ich fahr jetzt, hab dich lieb!“ Man hörte meine Mutter in der Küche rumhantieren und wie ihre Absätze auf dem kalten Fließenboden klackerten. Ich streifte mir noch schnell einen Pulli drüber und sah auf die Uhr. Verdammt, schon 12.30 Uhr! „Ja, lieb dich auch! Ich bin dann auch weg.“, rief ich in die Küche, während ich mir eine Jacke überzog. Jeder hatte bei uns seine eigene Garderobe, da der Flur sowieso schon total vollgestopft war. „Ah okay, bist du bei Freunden eingeladen?“, bekam ich zurück. Ich verdrehte die Augen. Mom übertrieb total. Die ganze Zeit spionierte sie mir nach, ob ich nun endlich Freunde gefunden hatte. „Jaaah, so in etwa…“, antwortete ich kurz und ging ins Wohnzimmer. Meine Mutter stand immer noch in der Küche und stapelte noch schnell die Teller auf, um sie dann ins Regal zu balancieren. „Viel Spaß!“, sagte sie und grinste ihr übliches Grinsen. Ich winkte noch mal und schloss dann die Tür hinter mir. Leicht hüpfend lief ich die Treppen runter und stieß die schwere Eingangstür auf. Ich wollte echt nicht zu spät kommen, wenn ich zum ersten Mal zu Armin gehe. Er war super pünktlich gewesen. Ich joggte die Straße entlang zur Bushaltestelle. Der Bus hielt gerade und die Türen öffneten sich. Ich beschleunigte mein Tempo und quetschte mich grad noch so durch die bereits zugehenden Türen. Ich schnaufte und sah auf die Uhr. 12.40 Uhr. Wird knapp, aber vielleicht schaffe ich es ja noch. Ich fuhr fünf Stationen mit und stieg dann wieder aus. Das Stadtbild hatte sich komplett verändert. Alles sah viel heruntergekommener aus. Ich konnte mir echt nicht vorstellen, dass Armin in so einer Gegend wohnte. Ich kramte in meiner Hosentasche nach dem Zettel mit seiner Adresse. Hieberstraße 10. Ich stand vor einem etwas heruntergekommenen Reihenhaus und klingelte. Armin öffnete und grinste.

Das Haus war gemütlich eingerichtet und hatte einen winzigen Garten. Von den anderen Familienmitgliedern war nichts zu sehen. Ich ging Armin stumm hinterher und sah mich um. Kein einziges Foto. Er machte seine Zimmertür auf und tat, als würde er Türsteher sein. Ich lachte, schob ihn locker zur Seite und betrat sein Zimmer. Es passte überhaupt nicht zu Armin. Alles war düster und es hingen überall Poster von Waffen oder Panzern an den grau angemalten Wänden. „Wow…“, sagte ich und versuchte mir nicht anmerken zu lassen, dass ich total geschockt war. Armin ließ sich auf einen alten Schreibtischstuhl fallen und schaute konzentriert und suchend herum. „Ich hab so ein altes Buch gefunden, wo super Bilder zum Malen drin sind. Hast du dein Notizbuch dabei?“, fragte er. „Du stehst auf Panzer und Maschinengewehre?“, sagte ich, ohne auf seine Frage einzugehen. Armin wich meinem Blick aus. „Ach das… Nein, ich…egal…“, murmelte er und sah auf den Boden. Ich hatte wohl gerade einen ziemlich scharfen Ton gehabt. Was ging es mich überhaupt an, was er an seiner Wand kleben hatte. Wenn es ihm nun mal gefällt. Ich schüttelte mich, um die ganzen Gedanken loszuwerden, und lächelte Armin an. „Ja klar hab ich mein Lieblingsbüchlein dabei!“ Er sah auf und grinste. „Ich glaub das Buch ist im Wohnzimmer, warte ich hol es schnell.“ Schon war er durch die Tür verschwunden und ich war allein. Krass, wie anders sein Zimmer war. Armin hatte mir nie erzählt, dass er auf so was wie Maschinengewehre steht. Ich ging durch's Zimmer und sah mich weiter um. Ich hatte das Gefühl, dass ich Armin nicht mehr kannte. Dass er mir gar nichts anvertraute. Ein wenig geschafft betrachtete ich seinen Schreibtisch. Pläne und vollgeschriebene Zettel waren auf der Platte verbreitet. Ich warf einen Blick durch die Tür, von Armin keine Spur. Ich griff nach einem Papier und sah mir die komplizierte Zeichnung an. Es waren die Grundrisse von der Schule. Stirnrunzelnd betrachtete ich die daneben gekritzelten Notizen. Was hatte das zu bedeuten?! Ich nahm mir ein anderes Blatt, auf dem eine Pistole gezechnet war, daneben ein Datum. 12.August. Das war morgen.

Die ganze Nacht lag ich grübelnd im Bett. Ich konnte mich einfach nicht davon abhalten, an Armins komisches Verhalten und die ganzen Pläne auf seinem Schreibtisch zu denken. Da war was faul. Tja, die Frage war nur was?! Ich dachte nochmal an die wirklich gelungenen Zeichnungen, die Grundrisse und vor allem an das Datum. Morgen passierte irgendetwas. Und ich war mir sicher, dass alle Papiere, die auf seinem Tisch gelegen hatten, was damit zu tun hatten und dass Armin keine schöne Überraschung geplant hatte. Seufzend setzte ich mich auf und überlegte nochmal. Pistolen, Grundrisse, Datum. Ich wurde blass. Amoklauf?! Nein! Nein, nein, nein! So was würde Armin auf gar keinen Fall tun. Niemals. Aber es ergab trotzdem irgendwie einen Sinn… Ich schüttelte den Kopf. Mir wurde schlecht, wenn ich mir Armin mit einem Gewehr in den Händen vorstellte. Ich ging auf den Balkon, um ein bisschen Luft zu schnappen. Das war alles zu viel für mich. Ich dachte ich wäre seine Freundin. Seine beste Freundin. Einer besten Freundin erzählt man doch, wenn man Probleme hat, oder? Ich rieb mir die Stirn und suchte nach einem anderen Grund, der die ganzen Vorkommnisse aufklärte. Das wirkte alles so unreal. Die Amokläufer waren doch eigentlich fast immer geistig gestört. Und das war Armin doch gar nicht, er war doch ganz normal. Würde er mir dann auch wehtun? Mir lief eine Träne über die Wange. Ich war sauer. Sauer auf mich, sauer auf Armin, sauer auf alle! Ich fasste es nicht, dass ich Armin zutraute, dass er plante, Leute umzubringen. Ich trat gegen einen leeren Blumentopf, der klirrend zerbrach. Wieso konnte ich nicht einmal einfach nur die Wahrheit erfahren?! Immer diese Geheimnistuerei! Ich ließ mich an der Steinwand runter gleiten und brach verzweifelt in Tränen aus. Ich weiß nicht, wie lange ich schluchzend am Boden hockte, aber ich erschrak, als die Wohnungstür aufgeschlossen wurde und ich sah, wie Mom sich völlig erschöpft auf das Sofa fallen ließ. Sie hatte seit kurzem Spätschicht. Die Uhr an der Wand zeigte schon kurz nach elf Uhr an. Es dauerte nicht lange, bis Mom eingenickt war und ich schlich mich in mein Zimmer. Ich hatte Angst. Angst davor, dass Armin Blödsinn machte. Ich musste ihn morgen in der Schule abfangen. Ihn zur Rede stellen. Wahrscheinlich war sowieso alles ganz anders. Ich hatte dann nur alles falsch verstanden. Hoffte ich.

Mir lief das warme Wasser über den Rücken. Ich hatte die Augen geschlossen und hielt mein Gesicht unter den Duschkopf. An dem bereits beschlagenem Spiegel klebte noch Moms Zettel. Sie musste heute schon früher in die Arbeit. Ich drehte den Hahn zu, trocknete mich ab und stieg fröstelnd aus der Dusche. Während ich mich föhnte, stopfte ich mir ein Brot in den Mund und überdachte nochmal alles. Ich hatte mir fest vorgenommen Armin zur Rede zu stellen. Es konnte doch nicht so schwer sein, einfach mal die Wahrheit zu erfahren. Ich fand es im nachhinein ziemlich albern, wie ich mich gestern aufgeführt hatte. Das konnte gar nicht sein, das Armin einen Amoklauf geplant hatte. Er war ein ganz normaler Junge, der auf Gedichte stand und eben auch auf so Kriegskrams.
Ich kam gerade noch so beim ersten Gong zum Schultor geradelt, doch der Schulhof wimmelte trotzdem noch von Schülern, die in Grüppchen verteilt auf dem großen Platz standen. Ich ging zu der schon bekannten Bank, von Armin keine Spur. Ich runzelte die Stirn. Normalerweise war er immer früher da als ich. Na ja, heute dann eben nicht…
Der Hof leerte sich immer mehr. Ich ging ins Schulgebäude, in der Hoffnung, dass Armin einfach vergessen hatte, an unseren üblichen Treffpunkt zu kommen. Die Schüler schlurften bereits in die Klassenzimmer, nur Armin war nirgends zu sehen. Ich rannte durch die Gänge, einige Kinder und Lehrer blickten mir verwirrt hinterher. Aber auf ihre Zurufe reagierte ich nicht. Ich musste Armin finden, bevor er irgendeinen Blödsinn machte. Inzwischen waren die Gänge leer. Vielleicht war Armin ja einfach nur krank… Ich hörte ein seltsames Geräusch. So etwas hatte ich schon einmal gehört, im Fernsehen. Es klang wie eine Waffe, die durchgeladen wurde. Und da stand er. Ganz in Schwarz. Er hatte sich seine Haare nach hinten gegelt und eine dunkle Sonnenbrille an. Ich konnte seine Augen nicht sehen, aber seine ganze Haltung machte mir Angst. „Armin!“, schrie ich verzweifelt. „Was machst du da?!“ Er wandte sich zu mir, ein großes schweres Gewehr im Anschlag. „Geh weg“, sagte er nur, in einem Tonfall, bei dem es mir eiskalt den Rücken hinunterlief. „Ich will dir nicht wehtun, aber ich werde das jetzt durchziehen.“ Ich stand da und weinte. Vor Wut. Vor Angst. Vor Verzweiflung. Wir standen uns gegenüber. „Nein.“, flüsterte ich. „NEIN!“ Armin senkte den Kopf und drehte sich um. Er wollte jetzt einfach so gehen. Leute erschießen. Das konnte doch nicht wahr sein! Es durften doch nicht einfach unschuldige Leute sterben und ich konnte nichts dagegen tun! Wie rettet man das Leben hunderter Menschen? Ich merkte, dass ich immer noch an Ort und Stelle stand, während Armin langsam weiterging. Er wollte so etwas nicht tun. Ich sah es. Ich musste auch ihn retten.
Langsam drückte ich mich an der Wand voran. Ich hatte keine Ahnung was ich machen sollte. Armin war bereits verschwunden. Überlegen brachte jetzt nichts. Es musste alles ganz schnell gehen. Ich schielte zu dem nächsten Feuerarlamknopf, schätzte meine Chancen ein und lief los. Ich rannte so schnell ich konnte, schlug das Glas ein, das den roten Knopf schütze und sackte in mich zusammen. Ein schrilles Klingeln ertönte, ich hörte einen Schuss. Aber ich konnte mich nicht mehr bewegen. Ich war zu schwach dazu. Zu schwach, das alles zu verkraften. Ich sah verschwommen, wie Schüler und Lehrer an mir vorbei sprinteten, sie schienen mich jedoch nicht zu bemerken. Mein Hals brannte und ich tat mir schwer, zu schlucken. Ich machte mir Sorgen um Armin. Ich hatte das Gefühl, ihn verpfiffen zu haben. Ich richtete mich langsam auf und suchte mit meinen Augen die Gänge nach ihm ab. Ich hatte Angst, dass der Schuss vorhin irgendjemanden verletzt haben könnte. Als die Schule leer sein zu schien, sah ich ihn zusammen gekrochen an einer Wand sitzen, über ihn klaffte ein großes Loch in der Wand. „Armin.“, flüsterte ich. Er sah auf. „Komm mir nicht zu nahe. Ich bin ein Mörder. Ich wollte Menschen umbringen.“ Mir liefen die Tränen über die Wange. „Du bist kein Mörder, Armin. Du bist mein bester Freund.“, sagte ich immer noch mit leiser Stimme. Er wandte sich von mir ab, um mir nicht in die Augen zu sehen. „Wieso?“, fragte ich und kam einen Schritt näher. Ich brauchte nicht zu sagen, was ich meinte.„Ich weiß es nicht.“ Armin klang verzweifelt. „Du musst das nicht machen. Komm mit mir raus. Dann ist alles gut. Ich versprech's dir.“, sagte ich und versuchte zu lächeln. Armin blickte mich an, stand auf und kam einen Schritt auf ich zu. „Meinst du?“ „Ja klar. Du bist kein schlechter Mensch.“ Wir sahen uns bede ernst an. Ich musste oft auf sein Gewehr schielen, das immer noch in seiner Hand lag. „Woher hast du die Waffe eigentlich?“, fragte ich. „Vater.“, sagte er nur. Ich biss auf meine Unterlippe. Ich hätte doch erkennen müssen, dass etwas mit seiner Familie nicht stimmte. Wir gingen schweigend nebeneinander her. Als wir vor der geschlossenen Tür standen, hielt Armin inne.„Ich kann vorgehen.“, sagte ich. Er nickte nur. Ich stieß die schwere Tür auf. Überall waren die verwirrten Lehrer, die aufgeregten Schüler und man hörte von der Ferne schon leise Sirenen. Ich ließ die Tür hinter mir zufallen und blieb stehen. Alle blickten zu mir rüber. „Es ist alles okay!“, rief ich. Die Tür hinter mir öffnete sich und Armin kam mit der Waffe in seinen erhobenen Händen heraus. Alle fingen an zu kreischen. Armin kniete sich hin, legte die Waffe auf den Boden und hob die Hände wieder an den Kopf.
Und ich atmete tief durch. Niemandem war etwas passiert. Alles war gut.

ENDE

von Gioia Marischka

Nachwort

Die Feuerwehr und die Polizei waren kurze Zeit später angerückt und hatten Armin mitgenommen.
Ein Richter schickte ihn für ein halbes Jahr lang in psychiatrische Behandlung. Erst bei dem Prozess wurde vielen klar, dass sie sich nicht richtig für Armin interessiert hatten. Sein Vater wurde auch verurteilt, weil er die Waffe nicht sicher aufbewahrt hatte. Ich besuchte Armin jeden Tag in der Psychatrie und musste immer alle Gedichte lesen, in denen er das Geschehene verarbeitete. Ich sah, dass die Behandlung ihm half. Und ich versprach ihm, ihn nie im Stich zu lassen.