A hat B umgebracht

A hat B umgebracht. Warum? Weil A eine Wohnung gebraucht hat. Deshalb hat er B umgebracht? Das kann nicht sein! Ist aber so. Lassen das die Richter gelten? Nein. A bekommt also seine Strafe? Ja. Warum hat A B umgebracht? Weil C D umgebracht hat. Wie bitte? Ich denke, er wollte an die Wohnung von B. Das auch. Aber die Geschichte beginnt früher. Die Geschichte beginnt spannend zu werden. Welche Geschichte, die sich um einen Mord dreht, ist nicht spannend? Also, ich rekapituliere: A hat B umgebracht, weil A an die Wohnung von B wollte und weil C D umgebracht hat. Genau so ist es. Aber die Geschichte beginnt noch früher. Kann ich mir vorstellen. Jeder Mord hat eine Vorgeschichte. Stimmt. Willst du sie hören? Klar. Ich will ja wissen, warum A B umgebracht hat. Und warum C D umgebracht hat. Stimmt. Das auch. Lass uns damit beginnen. Womit? Warum C D umgebracht hat. In Ordnung. Ich würde das aber lieber an einem anderen Ort mit dir besprechen. Warum? Man weiß ja nie. Hast du Kontakt zu A, B, C und D? Zu A und C ja, zu B und D nicht mehr. Ich verstehe. Die beiden sind ja tot. Gehen wir also auf den Spielplatz, der so hässlich voller Hundekot und Glasscherben ist, dass sich dort keiner mehr aufhält und setzen wir uns dort auf die Bank. In Ordnung.
Schön ist es hier wirklich nicht. Wo es nicht schön ist, ist man unter sich. Wer bist du eigentlich? Tut nichts zur Sache. Also, warum hat C D umgebracht? C war ein junger Mann und D ein alter. Als wäre das ein Grund. Wenn das ein Grund wäre, müsstest du dich vor mir fürchten. Hm. Vor einigen Jahren war C ein Kind und D ein junger Mann. Klingt logisch. Wo wohnst du eigentlich? Warum willst du das jetzt wissen? Nur so. Hast du etwa Angst vor mir? Nein, aber die Gegend hier gefällt mir nicht. C hatte einen Hund, einen Terrier. Einen Terrier, der so süße Sprünge macht und jedem gefällt. Als C ein Junge von so acht Jahren war, hatte er also diesen Terrier. Habe ich kapiert. C hatte als Junge einen Terrier. Du magst wohl Tiere? Ich mag Hunde, ich mag Terrier. Es wird kalt. Und dunkel wird es auch. D mochte Bier und war verliebt in E. Oh! Eine neue Bekanntschaft. E. Eine dumme Ente, wenn du mich fragst. Hab‘ dich aber nicht gefragt. Hat da was im Gebüsch geraschelt? D saß also mal wieder besoffen hinterm Steuer und wollte E mit seinen Fahrkünsten imponieren. Er hat den Terrier von C übersehen und ihn angefahren. C schrie auf, beugte sich über seinen Hund. D kam aus seiner Schrottkiste, E trippelte hinter ihm her. D lachte, als er den weinenden C und den blutenden Terrier sah. E zeigte sich ein bisschen verlegen. D zerdepperte seine Bierflasche, schnitt mit einer großen Scherbe vor den Augen von C dem Terrier die Kehle durch, setzte sich ins Auto und fuhr davon. Mein Gott! Wie konnte er das tun? Das arme Kind! Das arme Tier. Ja, das war auch arm. Aber diese Bilder werden das Kind nie verlassen. Werden sie nicht. Was hast du da in der Hand? Eine Bierflasche. Ach so. Ich rede die ganze Zeit. Das macht durstig. Woher kennst du diesen Spielplatz hier mit den vielen Scherben? Hier zerdeppere ich immer meine Flaschen, wenn sie leer getrunken sind. Das ist nicht lustig. Was am Leben ist lustig? Bist du depressiv? Ja. Depressiv und aggressiv. Eine schöne Mischung, nicht wahr. Zynisch bist du auch. Hm.
Jahre später hat C die Gelegenheit genutzt und D umgebracht. Wie? Mit einer Glasscherbe die Kehle durchgeschnitten. Und die dumme Ente E? Die war schon tot. Umgebracht von D? Richtig. Mit einer Glasscherbe die Kehle durchgeschnitten? Richtig. Mein Gott! Hilfe! Hilfe! Herrje! Was schreist du denn so? Reiß dich gefälligst zusammen. Mir ist meine Flasche aus der Hand geglitten und jetzt ist sie halt zersprungen. So etwas passiert. Entschuldige, aber meine Nerven flattern gerade etwas aus irgendeinem Grund. Ich rekapituliere: B, D und E sind tot. A und C leben. A und C leben. Oder etwa nicht? So antworten Sie doch! A und C leben doch noch, oder etwa nicht? Wenn man so etwas leben nennen kann. Wie meinen Sie das? Oh, oh, lassen Sie das! Ich bekomme keine Luft mehr! Nehmen Sie die Glasscherbe von meinem Hals. Sie tun mir weh! Hilfe! So etwa fühlt man sich, wenn man keine Luft mehr zum Atmen bekommt. Wenn man hinter Gittern sitzt, weil man sich seinen Vater nicht aussuchen konnte. Wenn man auf die falsche Bahn geraten ist. Wenn im Kopf eine Sicherung durchgebrannt ist. Sie meinen A? Wen denn sonst, Mann? Na ja, da wäre ja noch C. C? Der führt munter seinen x-ten Terrier spazieren. Das heißt, er kam für seinen Mord an D nicht ins Gefängnis? Kam er nicht. Wieso nicht? Wegen G und F. Oh, nein. Langsam wächst mir die Sache über den Kopf. Wer sind denn nun G und F? G ist ein Richter und F ist ein Zeuge. In welchem Fall? Im Fall C ermordete D? Tat er doch, oder nicht? Tat er. Warum kam er dafür nicht in die Zelle? Das verstehe ich nicht. Weil F ihm ein Alibi verschafft hat. Was für ein Alibi? Er hat vor dem Richter G geschworen, dass C sich zur Tatzeit hier auf diesem wunderschönen Spielplatz befunden habe. Jetzt hat es wieder hinter mir im Gebüsch geraschelt. Können wir nicht woanders hin gehen? Können wir nicht. Ich habe hier noch etwas zu erledigen. G hat C also frei gesprochen. Hat er. G hat also F geglaubt. Hat er. Warum hat F für C gelogen? Weil er C dankbar war. Dankbar für was? Dass er D umgelegt hat. Aber warum? Warum war er dem Mörder von D dankbar? Weil der ihm E zuerst weggeschnappt und dann, als E zu F zurückkehren wollte, E auch noch umgebracht hat. Mist, jetzt habe ich mich an den Scherben, die hier überall herum liegen, geschnitten. Mann, das blutet ganz schön. Haben Sie ein Taschentuch für mich oder so etwas? Ich habe gar nichts dabei. Hm. Hier. Danke. Ihnen ist da noch etwas aus der Hosentasche gefallen. Ja, was ist das denn? Eine Hundeleine. Haben Sie auch einen Hund? Ja, äh, nein. Ach, ist jetzt egal. Verbinden Sie ihre Wunde. Ich kann kein Blut sehen, das weckt in mir unschöne Erinnerungen. Es ist nicht in Ordnung, dass C frei ist, wie widerwärtig D auch war. Es ist absolut nicht in Ordnung. D hat bekommen, was er verdient hat. Kannten Sie D? Wer kannte ihn schon? Den Säufer! Den Quäler! Ich könnte ihn umbringen! Aber das haben Sie doch bereits. Mein Gott, was rede ich eigentlich? Sie machen mich noch ganz verrückt. C hat ihn doch bereits umgebracht. Stimmt. Und dafür gehört er hinter Gitter. Stimmt. Er gehört hinter Gitter. Aber was soll er tun? Der Richter hat ihn freigesprochen. Jemand sollte G sagen, dass F gelogen hat. Richtig. Um sich an D zu rächen. Stimmt. Dann käme C hinter Gitter und F wahrscheinlich auch. So wäre es richtig. Wer könnte das sein, der dem Richter sagt, wie es wirklich war? Nun, viele kennen die Wahrheit nicht. Sie und ich kennen die Wahrheit. Also müsste es einer von uns beiden tun, nicht wahr? Und ich falle aus. Wieso? Wieso fallen Sie aus? Was machen Sie da? Hören Sie sofort auf. Wollen Sie sich umbringen. Jetzt bluten Sie am Hals. Werfen Sie endlich diese verdammte Scherbe weg. A muss sitzen und C ist frei. Das halte ich nicht aus. Aber A hat B umgebracht. Weil er dessen Wohnung wollte. Geben Sie mir mein Taschentuch zurück. Mein Gott, wie Sie jetzt aussehen. Das ganze Gesicht voller Blut. Meinem Blut. Sie können sich doch nicht mit einem blutverschmierten Taschentuch die Nase putzen. Haben Sie A gekannt? A war der Sohn von D. Das gibt es nicht. A war der Sohn von D. D hatte zwei Söhne und einer davon war A. A war der Sohn eines gewalttätigen Säufers. Und A hat B umgebracht wegen dessen Wohnung. D hat A immer gequält. Als A ein kleines Kind war, hat er ihn immer gequält, weil er nicht so kräftig und stark wie sein Vater werden wollte. Wie hat er ihn gequält? Er hat ihn in eine kleine dunkle Kammer gesperrt. Tage lang, Wochen lang, Jahre lang. Mein Gott. A hat er gequält, während er den anderen Sohn, der schon früh von ihm das Biersaufen gelernt hatte, verwöhnte und verhätschelt hat. A wurde erwachsen und wanderte von Heim zu Heim, lebte mit 20 anderen in einem Männerschlafsaal oder in kleinen Zellen zur psychiatrischen Beobachtung. Bis er B kennen lernte. Wer war B? B war einfach B, hatte seinen kleinen Verdienst und war recht freundlich zu der Menschheit. Und warum hat A B umgebracht? B besaß eine Wohnung. Fast jeder besitzt eine Wohnung. B’s Wohnung hatte ein Fenster mit Blick in den freien Himmel. Und das war zu viel für A. A wollte diesen Blick? Haben Sie wirklich kein zweites Taschentuch? Jetzt sieht es aus als würden Sie aus den Augen bluten. Es ist nicht richtig, dass A im Gefängnis sitzt. Aber noch weniger richtig ist es, dass C frei ist. Irgendjemand müsste diese Sache regeln. Ich halte das nicht aus, dass A im Gefängnis sitzt und C frei ist. Ich halte das nicht aus. Ist C A’s Bruder? Irgendjemand müsste die Sache regeln. Ist C A’s Bruder? So antworten Sie mir doch! Wo sind Sie? Wo sind Sie hin? C, so antworten Sie mir doch!

von Mathis Rimmel, 12 Jahre