Eine Frage der Schuld

Der Duft nach frischem Kaffee und ein geschäftiges Treiben untermalt von einem stetigen Gemurmel umfingen ihn, sobald er die Tür geöffnet hatte. Ernst König atmete auf. Er liebte die Atmosphäre eines normalen Arbeitstages, die alltägliche Routine, ganz anders als die quälende Stille in seiner Einzimmerwohnung, die er nach seiner Scheidung bezogen hatte. „Moin Chef!“, Sascha kam mit einem noch dampfenden Kaffeebecher auf ihn zu, den Ernst dankend annahm. „Etwas Neues?“ In letzter Zeit war nichts passiert und er nahm nicht an, dass dieser Tag etwas daran ändern würde. Deswegen war er überrascht, als seine junge Kollegin antwortete: „Da wäre allerdings etwas.“ Erstaunt stellte Ernst seine Tasse auf seinem Schreibtisch ab und fixierte Sascha: „Na los, sag schon!“ Erst als er das sich ausbreitende Grinsen in Saschas Gesicht bemerkte, wurde ihm klar, dass sie ihn soeben reingelegt hatte. Lachend und schimpfend zugleich widmete er sich wieder seinem Kaffee, der mittlerweile einen Ring auf der Akte eines längst geschlossenen Falles hinterlassen hatte. „Naja, dann auf in einen neuen Tag voller Büroarbeit, Frau Degen!“ „Jawohl, Herr Kriminalhauptkommissar König!“, neckte Sascha ihn und nahm hinter dem anderen Schreibtisch in ihrem Büro Platz. Ernst liebte seine Arbeit, auch wenn Büroarbeit der unangenehmere Teil davon war. Sein Telefon klingelte. Das war sicher seine Exfrau, die noch weitere Sachen von ihm in ihrer ehemaligen gemeinsamen Wohnung gefunden hatte, die sie nun unbedingt loswerden wollte. Bevor er seufzend zum Telefon greifen konnte, hatte Sascha den Anruf schon entgegengenommen. Mit Sascha Degen hatte er ein richtiges Goldstück als Kollegin zugeteilt bekommen. Gleich an ihrem ersten Tag im Revier hatte sie ihn mit ihrer Offenheit und Begeisterungsfähigkeit sofort in ihren Bann gezogen, wie die Tochter, die er nie gehabt hatte. Mittlerweile war er 64, zu spät für eine Familie. Das Telefon wurde zurück in die Station gestellt. „Für heute können wir die Büroarbeit sein lassen, es gibt einen Autounfall mit einem Toten auf der E54 kurz vor Taufkirchen-West. Die Kollegen vom Verkehr sind schon vor Ort.“ Sascha nahm ihre Lederjacke vom Stuhl. „Und was hat die Kriminalpolizei mit einem Autounfall zu tun?“, fragte Ernst leicht irritiert. „Naja“, seine Kollegin zog den Autoschlüssel aus der Jackentasche. „Vermutlich war es nicht der Autounfall, der tödlich endete.“

Vier Stunden später hielten die Kommissare König und Degen an einer Imbissbude, um den Stand der Dinge zu besprechen. „Also, was haben wir bis jetzt?“, begann Ernst, während er in seinen Döner biss. „Der Tote heißt Manuel Neubauer, 35, wohnte in Giesing und arbeitete als Investment-Bänker bei der Unicredit Bank in München. Nicht verheiratet, keine Freundin oder Geschwister, nur seine Eltern“, zählte Sascha auf, während sie an ihrem Mineralwasser nippte. „Und zum Unfall?“ „Die Todesursache war laut der Kollegen von der KTU ein Schuss aus nächster Nähe in die Brust mit einer kleinen Pistole, bestimmt die, die wir im Auto gefunden haben. Danach verlor er wahrscheinlich die Kontrolle über den Wagen, kam von der Spur ab und raste gegen einen Baum. Seine Fingerabdrücke waren auf der Waffe, sieht aus wie Selbstmord.“ „Aber dann erkläre mir eines, Sascha“, nuschelte Ernst mit vollem Mund, „wir waren bei seinen Eltern. Der Herr Neubauer hatte einen gut bezahlten Job, eine schöne Wohnung, einen teuren Mercedes, viele Freunde und Hobbys und Chancen auf einen höheren Posten. Keine Drogen- oder Alkoholprobleme oder sonstige Laster. Warum zum Teufel bringt sich so ein erfolgreicher Karrieremann um? Und wieso setzt er sich dafür vorher ins Auto? Noch dazu ist auf ihn keine Waffe registriert.“ „Was weiß ich?“, entgegnete Sascha. „Vielleicht ein Burnout-Syndrom, so was merkt man nicht sofort. Und die Waffe kann er von ich-weiß-nicht-woher haben.“ „Na gut.“ Ernst leckte sich seine fettigen Finger ab, was Sascha mit einem leicht pikierten Gesichtsausdruck beobachtete, da sie Vollblutvegetarierin war. „Dann auf in die zweite Runde, Befragung der werten Kollegen unseres toten Vollzeitvorbilds.“

„Guten Tag, Frau – äh – Richter, König und Degen von der Kripo München, wir hätten gerne die Kollegen von Manuel Neubauer gesprochen.“ Die junge und zugegebenermaßen recht hübsche Sekretärin riss erschreckt ihre himmelblauen Puppenaugen auf und deutete den Gang hinunter: „Bitte hier entlang.“ Das Büro, in das sie geführt wurden, war nobel eingerichtet mit zwei Schreibtischen, einer davon der des Toten. Auf dem anderen stand ein Namensschild mit der Aufschrift „Johannes Burkhardt“. Nachdem sie sich vorgestellt hatten, begannen sie Herrn Burkhardt nach seinem Kollegen zu fragen: „Herr Burkhardt, welche Aufgabe hatte Herr Neubauer in Bezug auf seine Arbeit als Investment-Banker?“ Der Mann, der ihnen gegenüber saß, hatte kurzes Haar, trug einen anthrazitfarbenen Anzug und war sichtlich nervös. „Manuel ist Associate, wie ich, das heißt, wir betreuen zusätzlich zu unserer Arbeit auch noch neue Kollegen. Was ist denn passiert, wenn ich fragen darf?“ Sascha tauschte einen Blick mit Ernst, bevor sie antwortete: „Ihr Kollege hatte heute gegen 12:30 Uhr einen Unfall, es tut mir leid Ihnen sagen zu müssen, dass er tot ist.“ Herr Burkhardt rang die Hände, sein Gesicht war aschfahl geworden. „Dabei ist er doch immer so vorsichtig gefahren! Nie auf der linken Spur, Sie wissen schon.“ „Dafür war er aber beruflich auf der Überholspur. Seine Eltern haben etwas von einer anstehenden Beförderung erwähnt, wissen Sie, was sie damit gemeint haben könnten?“ Ernst musterte sein Gegenüber, er schätzte ihn auf Ende Dreißig. „Damit kann nur der Posten des Vice President gemeint sein. Manuel bewirbt – ich meine, hat sich dafür beworben.“ „Und jetzt noch mal auf Deutsch bitte!“ Ernst hörte den genervten Unterton. Er wusste, dass Sascha Anzugtypen, die zu viele Fachausdrücke gebrauchten, verabscheute. „Der Vice President“, Ernst merkte, dass dem Mann die Situation höchst unangenehm war, „ist so etwas wie ein übergeordneter Projektleiter.“ „Aha, dann wäre das also geklärt. Haben Sie Herrn Neubauer gestern in der Arbeit gesehen?“ „Ja, aber nur kurz, er hatte sich den Tag frei genommen und hat nur ein paar Unterlagen geholt.“ „Weiter?“ „Dann ist er in sein Auto gestiegen und gefahren. Tut mir leid, mehr kann ich Ihnen nicht sagen.“ „Herr Burkhardt, es könnte sein, dass sich Herr Neubauer umgebracht hat, deswegen kann jedes Detail wichtig sein. Hat er sich in letzter Zeit anders verhalten als sonst?“ „Selbstmord? Manuel? Das kann ich mir nicht vorstellen! Wir haben nur ab und zu ein paar Bier miteinander getrunken. Charlotte, ich meine Frau Richter, kann Ihnen da sicher mehr sagen, die beiden waren fast jeden Tag zusammen, und sie ist die letzte, die ihn heute gesprochen hat.“ Wortlos standen Sascha und Ernst auf. Sie fanden die Sekretärin zitternd gleich neben der Tür, weiß wie die Wand in ihrem Rücken. „Sie haben das Gespräch mitgehört, nicht wahr?“, Ernst hatte Mitleid mit der jungen Frau, die so verzweifelt wirkte. „Manuel und ich“, sie stockte und schluckte ein paar Tränen hinunter, „wir waren oft zusammen weg. … Er war sehr nett und zuvorkommend, ich kann einfach nicht glauben, dass -“, sie brachte ihren Satz nicht zu Ende. „Worüber haben Sie beide heute Morgen geredet, bevor er gefahren ist?“ „Nur etwas formelles wegen seines Urlaubsantrags. Er wollte für eine Woche in die Berge zum Skifahren.“ Berts Handy klingelte. Es war eine Kollege von der Kriminaltechnischen Untersuchung und er hatte bahnbrechende Neuigkeiten. Ernst nahm Sascha beiseite: „Es war kein Selbstmord, wie ich gesagt hatte. Die Fingerabdrücke auf dem Abzug der Waffe stimmen nicht mit denen des Toten überein, das heißt, es muss noch jemand in dem Wagen gesessen haben.“ „Mord?“, Frau Richters große Augen wurden noch größer, die Frau hatte Ohren, wie ein Luchs. „Möglich. Hätte denn jemand ein Motiv Herrn Neubauer etwas anzutun?“ Charlotte Richter sah betreten zu Boden: „Wissen Sie, ich will niemanden verdächtigen, aber Manuel war nicht der einzige, der sich für den Posten des Vice President beworben hat. Herr Burkhardt wollte ihn auch. Es ging so weit, dass er Manuel fast angegriffen hat.“ Sascha hatte schon auf dem Absatz kehrt gemacht und eilte Johannes Burkhardt hinterher, der gerade auf dem Parkplatz seinen Wagen aufschloss. „Wieso haben Sie uns nicht gesagt, dass sie sich auch für eine Beförderung beworben haben?“ fragte Kommissar König, als er atemlos unten ankam. „Es erschien mir nicht wichtig“, Johannes Burkhardt war anzusehen, dass er am liebsten auf der Stelle losgefahren wäre. „Auch nicht, dass Sie deswegen handgreiflich geworden sind? Damit haben Sie ein Motiv. Ihr Kollege hat nämlich keinen Suizid begangen, er wurde höchst wahrscheinlich umgebracht.“ „Damit habe ich nichts zu tun! Ja, ich war wütend, weil er vom Chef bevorzugt wurde, aber ich würde ihn deswegen doch nicht umbringen!“ „Wenn Sie es nicht waren, werden wir das herausfinden. Sie müssen sich allerdings heute noch auf der Wache melden, damit wir ihre Fingerabdrücke nehmen können.“ Dass sie es genauso schnell herausfinden würden, wenn er schuldig war, ließ Ernst König unerwähnt. Als die beiden Kommissare wieder im Auto saßen, brummte Ernst: „Diese Hahnenkämpfe! Wie gut, dass ich bald in Rente gehe. Feierabend, Sascha, ich fahr dich schnell zuhause vorbei.“

Am nächsten Tag saß Ernst König gegen Mittag völlig übermüdet und mürrisch in seinem Bürosessel und starrte Löcher in die Luft. Der Fingerabdruck-Vergleich war kein Erfolg gewesen. Der Anzugtyp, Johannes Burkhardt, ist nicht im Auto des Ermordeten mitgefahren. Die ganze Nacht und den folgenden Morgen hatte er sich den Kopf über mögliche andere Motive zermartert, war aber zu keinem Ergebnis gekommen. Seiner Kollegin ging es nicht besser, Sascha kaute auf dem Strohhalm ihres Bubble Teas und machte einen sehr schlecht gelaunten Eindruck. Beide hatten an dem Tag nur das Nötigste miteinander geredet, sie waren zu deprimiert von ihrer „Ermittlungs-Flaute“. Das einzige, was ihnen noch übrig blieb, war eine erneute ermüdende Befragung aller Kollegen und Freunde, der die beiden mit Schrecken entgegensahen. In diesem Moment trat ein kleiner Mann mit schütterem grauen Haar und einer Brille à la Harry Potter in ihr Büro: „Sind Sie Kommissar König?“ „Weiß nicht“, brummte dieser unwillig. „Will ich der heute überhaupt sein?“ Der kleine Mann wandte verwirrt den Kopf zu Sascha. „Wenn Sie der Mörder sind, sind sie herzlich willkommen“, sagte sie und verfehlte den Mülleimer mit ihrem Plastikbecher knapp. Vor Schreck weiteten sich die Augen des kleinen Mannes und er sah panisch in Richtung Tür. Schnell sagte Ernst: „Meine werte Frau Kollegin beliebt zu scherzen.“ Und zu Sascha gewandt seufzte er: „Was immer es auch sein mag, es ist besser als hier herum zu sitzen und Trübsal zu blasen.“

„Erzählen Sie, weswegen sind Sie hier? Und keine Angst, meine Kollegin bellt nur, die beißt nicht.“ Noch verwirrter begann der kleine Mann stotternd zu erzählen: „Ich woaß, dass i des eigentli ned darf, i hob es ja ned bös' g'meint, war nur so a bissal Spannung zwischendurch, passiert ja sonst nix.“ „Langsam“, Sascha hob beschwichtigend die Hände. „Wer sind Sie, und was dürfen Sie eigentlich nicht?“ „Werner Scholz mein Name, bin Friedhofsgärtner. Und des war auf aonem der Gräber.“ Herr Scholz legte ein zerknittertes Blatt Papier auf den Schreibtisch, das er die ganze Zeit umklammert hatte. „Ein Brief?“ Sascha war skeptisch. „Manchmoi les' i die Briefe da Leut an da Verstoabane. I woaß, die san privat, aber des is scho spannend, verspätete Liabesgeständnisse, Entschuldigunga und so weida.“ „Und wegen eines Liebesgeständnisses an einen Toten suchen Sie die Kriminalpolizei auf?“ Beleidigt lehnte sich der Mann zurück und deutete auf den Brief: „Les Sie den Brief, danach könna sie mi imma noch rauswerffa.“ Mit spöttisch hochgezogen Brauen beugte Sascha sich über den Brief und begann zu lesen. Nach und nach weiteten sich ihre Augen und sie schien über etwas Bestimmtes ganz aus dem Häuschen zu sein. „Sagen Sie, werter Herr, auf wessen Grab hat dieser Brief gelegen?“

„Kommt Ihnen dieser Brief irgendwie bekannt vor?“ Schweigen. War ja klar. Aber Ernst brachte jeden früher oder später zum Reden. Das Neonlicht des Vernehmungsraumes flackerte. Er stützte sich mit den Händen auf die Tischkante: „Lässt ihr Gedächtnis Sie im Stich? Dann will ich ihnen mal auf die Sprünge helfen!“ Und Ernst las den Brief vor:

Geliebte Schwester,

es ist soweit, heute wird M. dafür bezahlen, was er dir angetan hat. Er hat dich mir genommen und nun werde ich ihm alles nehmen. Keine Angst, Belle, er wird niemandem mehr etwas antun können, dafür Sorge ich. Und irgendwann sehen wir uns wieder, das verspreche ich dir.

In Liebe,
deine Schwester Charlotte

„Dieser Brief lag auf dem Grab von Annabell Richter, Ihrer Schwester. Oder wollen Sie etwa abstreiten, überhaupt eine Schwester gehabt zu haben, Frau Richter?“ Immer noch keine Antwort. „Wissen Sie, was ich glaube? Ich glaube, wir werden auf dem Abzug der Jagdpistole Ihren Fingerabdruck finden. Sie können also jetzt reden, oder erst wenn wir es schwarz auf weiß haben, dass Sie Manuel Neubauer erschossen haben.“ Ein kaltes, selbstzufriedenes Lächeln war die Reaktion. Die Puppenaugen, die Ernst gestern noch so voller Angst angestarrt hatten, waren nun gefährlich zusammengekniffen und strahlten eine Eiseskälte aus, bei der er fröstelte. „Er hat es verdient“, sagte Charlotte Richter und ihre Stimme zitterte vor Hass und Wut. „Niemand hat es verdient zu sterben und nichts kann eine solche Tat rechtfertigen. Ihre Schwester hat sich umgebracht, Tabletten geschluckt, sie war psychisch krank. Wieso behaupten Sie, er habe sie Ihnen genommen?“ „Er hat es geschafft“. Sascha lächelte innerlich. Doch auch sie konnte sich beim besten Willen das Motiv für die Tat nicht erklären. Frau Richters Augen wurden dunkel vor Schmerz: „Meine Annabell war nicht krank, ER hat sie krank gemacht! Sie hat ihn geliebt, und er hat sie abgelegt, wie einen zu klein gewordenen Mantel. Die haben sie in die Klapse gesteckt, wegen ihm!“ „Frau Richter, ihre Schwester hat Herrn Neubauer nachgestellt, ihn verfolgt und belästigt. Sie hat die Trennung nicht verkraftet, deswegen wurde von Seiten des Gerichts ein kurzer Aufenthalt in der Psychiatrie angeordnet“, versuchte Sascha die Sache klar zu stellen. Das Kinn der jungen Sekretärin bebte. „Er hat sie in den Tod getrieben! Deswegen hat er ihn auch verdient, nicht sie! Wieso soll er Leben, wenn sie es nicht tut? Er ist ein Mörder!“ Es war sinnlos zu versuchen, sie von der Unschuld des Toten zu überzeugen. Ernst gab dem Beamten an der Tür einen Wink, woraufhin dieser Charlotte Richter in Handschellen abführte. „Das Schlimmste“, sagte seine Kollegin leise, „ist, dass sie erreicht hat, was sie wollte.“ „So viel Hass. Das muss einen doch innerlich auffressen“, dachte Ernst und schüttelte ungläubig den Kopf. „Fall gelöst würde ich sagen.“ Ernst sah Sascha fragend an. „Wollen wir noch einen Döner essen gehen?“ „Ich weiß etwas viel besseres“, sagte sie und schlüpfte in ihre Jacke. „Wir fahren zu mir nach Hause und ich mache uns leckeres Tofu.“ Als sie Ernsts entsetztes Gesicht sah, fügte sie lachend hinzu: „Mit einer Bratwurst für dich, natürlich!“ „Oder zwei?“, fragte ihr Kollege mit bettelndem Gesichtsausdruck. „Oder zwei“, stimmte sie schmunzelnd zu.

von Jacqueline Nar