Ein Eisenbahnunglück

Patrick war gerade dabei, sein Mountainbike aus der Garage zu schieben, als er merkte, wie warm es eigentlich an diesem Ostermontag bereits war. Dafür, dass es gerade mal 6:52 Uhr war, wie er durch eine kurzen Blick auf seine digitale Armbanduhr sehen konnte, hatte es schon erstaunliche 17° Grad.
Der 16-jährige pflegte jeden freien Tag das gleiche Ritual; sofern es nicht schneite oder gar hagelte:
Er stand um 6:45 Uhr auf, zog sich an und ging dann – den Fahrradhelm schon auf dem Kopf – Richtung Garage, um mit seinem Rad eine morgendliche, kleine Tour zu unternehmen. Auf der Einfahrt, bereits dabei seinen mp3-Player zu starten, warf er noch schnell einen Blick nach links und rechts, bevor er mit seinem Fahrrad auf die Straße einbog.
Was lag dort auf dem Nachbargrundstück auf dem Boden – war das ein Mensch? War das etwa Herr Schwegl? Patrick bremste, warf sein Bike zu Boden und trat näher an den Gartenzaun heran. Herr Schwegl war gestern noch eifrig dabei gewesen, die morschen Latten des Zaunes zwischen seinem Grundstück und der Straße auszubessern, da er sich immer tierisch aufregte, wenn die Katzen des Hauses von gegenüber auf seinen Grund schlichen.
Jetzt war es ein leichtes durch die noch offene Lücke näher heranzutreten. Patrick sprach den Liegenden vorsichtig an: „Herr Schwegl! Hören Sie mich?“ Der Angesprochene antwortete nicht, bewegte sich nicht einmal. Patrick ging näher heran. Der 68-jährige lag vom Kopf bis zur Brust in einer Blutlache. Erst nach einiger Zeit nahm der Teenager wahr: Der Rentner lag mit dem Körper in einem Bett gelber Tulpen, der Hals auf den Gleisen seiner Gartenbahn, sein Kopf ragte allerdings schon in den künstlich angelegten Weiher. Die große Gartenbahn-Dampflok der Bauart 1K stieß dabei ständig gegen seine Halsschlagader, wodurch der Kopf immer wieder leicht nickte. Herr Schwegl war wohl gestürzt und von seiner eigenen Eisenbahn „überrollt“ worden, schoss es Patrick durch den Kopf.
Der Junge griff zitternd nach seinem Handy: 110! Unbeholfen wählte er die Nummer.
Auf der Gegenseite meldete sich ein müder Mitarbeiter der Rettungsleitstelle: „Polizeirevier Nördlingen, Hauptwachtmeister Gäßle, Guten Morgen! Was gibt’s?“
„Griaß Gott, hier is da Patrick Eisenhauer. Mei Nachboa liagt auf de Gleis und is wohl doud“, antwortete der Junge in seinem bayerischen Dialekt.
„Ganz langsam: Wo bist Du denn?“
„In Wemding in der Bahnhofstroß! Numma 14.“
„Was ist denn überhaupt passiert?“
„I woaß es ned! Mei Nachboa, da Hea Schwegl, liagt auf seiner Eisenbahn!“, antwortete Patrick aufgelöst.
„Wie das?“ fragte der Polizist erstaunt.
„Jo, er flackt auf seiner Gartenbahn.“ stotterte der schwarzhaarige Junge verzweifelt.
„Das verstehe ich zwar nicht ganz, aber ich schick' mal meinen Kollegen Brächle los. Der kann sich dann alles in Ruhe anschauen. Wo bist du gleich nochmal? Bahnhofstraße 14 in Wemding?“
„Jo, do bin i. Pfiadeana!“ „Tschüss!“ Patrick legte auf und schob sein Handy wieder in seine Hosentasche. Schon wenige Minuten später kam mit Blaulicht und Martinshorn ein grünes Polizeiauto, gefolgt von einem Krankenwagen des „Roten Kreuzes“. Die Wartezeit seit dem Telefongespräch war dem Teenager wie Stunden vorgekommen, weshalb er jetzt sichtlich erleichtert war. Das Polizeiauto kam als Erstes zum Stehen. Aus diesem stieg ein sehr dicker Polizist aus. Dieser war sicher bereits Mitte 50 und glatzköpfig. Hinter ihm stand, kaum sichtbar, sein schlaksiger Assistent. Er war ungefähr 30, strohblond und schmalgesichtig. Somit war dieser aufgrund seiner Statur ziemlich das Gegenteil seines Chefs. Der Dicke stellte sich in starkem Dialekt als Hauptkommissar Brächle vor. „Wo liegt 'n der Doude?“ fragte der Glatzkopf Patrick. „Do, schaungs her!“ Der Polizist stieg über die Querlatte, welche normalerweise die Zaunlatten zusammenhielt, und trat näher an den Toten heran. Er betrachtete ihn kurze Zeit, dann rief er seinen Assistenten: „Sebbl, hol' doch mol an Arzt her! Er ka den Doudn wegschaffe! I woiß, wie er gschtorbe is!“ Sein Assistent verschwand Richtung Krankenwagen. Wenig später kamen zwei Notärzte mit einer Trage. Doch bevor die beiden den Rentner darauf schaffen konnten, zückte Sebbl noch einen Fotoapparat und fotografierte alles bis ins kleinste Detail ab. Zur selben Zeit fragte Herr Brächle, ob es Angehörige zu informieren gäbe und wie der Alte denn mit komplettem Namen heiße. Patrick antwortete wahrheitsgemäß: „Frau hod der Oide koane, ob er aber sunst no Verwandte hod, woaß i ned. Mei Nachboa hoaßt Woifgang Eberhard Schwegl.“ Der Polizist nickte und bedankte sich geistesabwesend. Danach holte er einen kleinen Notizblock und einen Kugelschreiber aus seinem uniformgrünen Sakko. Fast ganze fünf Minuten lang machte er sich darauf Notizen.
Das Martinshorn des Polizeiwagens musste wohl die ganze Nachbarschaft geweckt haben, denn nach und nach trafen immer mehr neugierige Bewohner der Straße ein. Viele diskutierten leise untereinander; einige gingen sogar sehr nahe an den Toten heran, bis schließlich der Hauptkommissar seinen Assistenten bat, den Unfallort abzusperren.
Den restlichen Vormittag stand Patrick sehr zerstreut vor der Absperrung des Tatorts, bis er gegen Mittag in sein Haus ging, da er nicht mehr länger hungrig bleiben wollte und ihm ein Essensduft aus der Richtung des Hauses entgegenschlug.
Den Rest des Tages blieb er etwas verstört in seinem Zimmer, obwohl das Wetter draußen herrlich war.
Am nächsten Tag wurden die Absperrung und die Blutlache entfernt; außerdem schaute Sebbl vorbei und erzählte die vermutliche Todesursache. „Mein Chef vermutet, dass Herr Wolfgang Eberhard Schwegl über die Querlatte der vorhandenen Lücke des Zaunes der Hausnummer 14 gestolpert, mit seinem Hals auf den Gleisen gelandet und durch den Druck seines Gewichts darauf bewusstlos geworden ist. Da die Gartenbahnlokomotive gegen seine Halsschlagader fuhr, platzte diese und sorgte für einen Hirntod, sodass er den Kopf nicht mehr aus dem Wasser nehmen konnte und Herr Schwegl erstickte. Die Theorie ist bestätigt durch das ärztliche Attest von Herrn Doktor Causa; Facharzt für Chirurgie am Krankenhaus Nördlingen. Mehr Informationen habe ich nicht erhalten.“ Er verabschiedete sich und ging. Da an diesem Tag – wie auch am Tag zuvor – das Wetter herrlich aber Patrick noch außerstande war, Rad zu fahren , unternahm er einen kleinen Spaziergang. Er blieb einige Zeit an der Unfallstelle stehen, um das gestrige Geschehen zu verdauen. Aber was leuchtete da so rot aus dem Kiesbett neben der Straße heraus? Patrick ging hin und legte es frei. Es war eine Art Kreditkarte. Auf ihr stand: LGB®*-Club, Inhaber: Franz Klein, Gültig bis: 14.02.2014
Außerdem war ein großes Bild einer dunkelroten Großdiesellok auf orangenem Grund zu sehen. Warum
hat der Nachbar seines Nachbarn hier eine Eisenbahnkarte verloren? Patrick wusste, dass dieser ebenfalls im Besitz einer Gartenbahn war, doch weshalb hatte er die Karte ausgerechnet hier verloren? Vielleicht hat er Herrn Schwegl geschubst? Das wäre ja Mord! Patrick war entsetzt. Er würde auf jeden Fall weiter der Sache nachgehen müssen. Er schob die Clubkarte in seine Hosentasche und kehrte nach Hause zurück.
Um Punkt 22:00 Uhr schlich er sich aus seinem Elternhaus und wanderte heimlich und leise in den Garten seines Nachbarn, wo er die „Mordlokomotive“ genauer betrachtete. Die Sanitäter mussten sie zum Stehen gebracht haben, sonst hätten sie Herrn Schwegl wohl nie von da entfernen können. An der Frontseite besaß sie eine sogenannte Klauenkupplung; das ist eine Kupplung, welche wie eine Sichel gebogen und vorne messerscharf ist, um den daran anhängenden Wagen auch mit einem Entkupplungsgleis von der Lok trennen zu können . Außerdem war sie in einem hübschen Moosgrün mit roten Zierlinien gefasst. Der Schornstein wie auch der Tender waren schwarz, die lupenreine Schriftbedruckung war weiß. Nun wollte Patrick wissen, ob der Tote denn zu Lebzeiten auch Klauenkupplungen verwendet hatte. Dazu musste er in die kleine Hütte, in der der ältere Herr seinen gesamten Lok- und Wagenpark aufbewahrt hatte. Da der Schuppen verschlossen war, trat der Junge mit einem heftigen Kick gegen das Schloss, das daraufhin tatsächlich aufsprang. Atemlos lauschte er eine Weile in die Dunkelheit und hoffte, dass das laute Geräusch niemanden zu Herrn Schwegls Grundstück lockte. „Glück gehabt“, dachte er, als sich nichts rührte. Vorsichtig schlich er in die Hütte und schloss die Tür hinter sich. Da er kein Licht anschalten wollte, holte er die kleine Taschenlampe, die immer an seinem Schlüsselbund hing, hervor und leuchtete damit den staubigen Raum ab. Direkt ihm gegenüber stand eine Vitrine, die so ordentlich und sauber war, dass sie gar nicht hierher zu gehören schien. Darin standen blankgeputzt, auf mit Stoff bezogenen Regalböden zwölf Lokomotiven und etliche Wagen verschiedener Farben und Epochen. „Die waren ihm wohl wirklich wichtig“, schoss es Patrick durch den Kopf. Aber er konnte die Schätze seines Nachbarn nicht länger bewundern, er wollte doch nachprüfen, welche Kupplungen Herr Schwegl verwendet hatte. Er kontrollierte eine Lokomotive nach der anderen – keine einzige hatte eine Klauenkupplung! In Patricks Kopf schwirrte es: Herr Klein verwendete Klauenkupplungen – Herr Klein hatte seine Clubkarte verloren – Herr Klein mochte Herrn Schwegl nicht… Da er keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte, entschloss er sich, nach Hause zu gehen. Er kam unbemerkt wieder in seinem Zimmer an und legte sich ins Bett. An Schlaf war allerdings nicht zu denken. Aber für ihn nahm der rätselhafte Tod seines Nachbarn wie ein Puzzle Stück für Stück Gestalt an: Hatte ihm doch Herr Schwegl erzählt, dass er schon einige Male – mit nicht ganz fairen Mitteln – seinen Eisenbahnfuhrpark zum Nachteil von Herrn Klein vergrößert hatte, weshalb es zwischen den beiden Sammlern schon öfter Streit gegeben hatte. Konnte es etwa sein, dass der Betrogene aus Neid und Rache seinem Nachbarn etwas angetan hatte? ‒ Diese Idee musste er unbedingt der Polizei mitteilen. Aber wie? Wie sollte er jetzt nach Nördlingen kommen? Da er schon völlig übermüdet war, wollte ihm partout keine Antwort auf diese Frage einfallen und er fiel in einen unruhigen Schlaf. In seinen Träumen fuhren Eisenbahnen in allen Größen und Formen durch riesige Urwälder und er fuhr auf seinem Moutainbike immer schneller auf den gewundenen Schienen – bis er plötzlich hochschrak, da er das Schlagen von Autotüren hörte. Er lief zum Fenster und sah, dass die beiden Polizeibeamten, die er vorgestern getroffen hatte, gerade auf Herrn Schwegls Haus zuliefen. „Na super“, dachte er, „jetzt muss ich nicht mal nach Nördlingen, um mit denen zu reden!“ Schnell zog er seine Jeans und einen Pulli an und wollte schon aus dem Zimmer spurten, als ihm einfiel, dass er ein Beweisstück brauchte, um die Polizisten zu überzeugen. Er griff nach der gefundenen Clubkarte, die auf seinem Schreibtisch zwischen seinen Schulsachen lag. Mit der Karte in der Hand lief er auf die Straße Richtung Nachbargrundstück, ohne auf den Weg zu achten. Deshalb sah er auch Herrn Klein nicht, der ebenfalls die Polizisten beobachtete, und stieß ungebremst mit ihm zusammen. „Was soll denn das? Bist du blind? Was rennst du denn wie ein Verrückter durch die Gegend? Pass doch auf, du…..“ Herrn Klein blieb mit einem Mal das Wort im Hals stecken. Entsetzt schaute er auf die Clubkarte, die Patrick aus der Hand gerutscht war. Dann bückte er sich schnell und hob die Plastikkarte auf, bevor der Junge überhaupt regieren konnte. „Wie kommst du an meine Karte? Hast du sie gestohlen? Was machst du überhaupt hier?“ Der Hobbyeisenbahner klang sehr erbost. „I? Gstoin? Eahna Kortn? Naa, die hob i gfundn! Ober i muass ietzt weggad. Aah, kenntns mia numoi de Kortn gem? Di brachat i no schnei!“ Patrick versuchte, ihm die Clubkarte aus der Hand zu winden, aber Herr Klein ließ sie nicht los. Er packte den Jungen am Handgelenk und fing an, ihn zu beschimpfen und zu bedrohen: „Wo willst du hin? Vielleicht zur Polizei? Was willst du denen sagen? Was bildest du dir ein? Steck deine neugierige Nase nicht in meine Angelegenheiten! Sonst…sonst wirst du schon sehen, was mit so naseweisen Jungs wie dir passiert! Vielleicht das Gleiche wie Herrn Schwegl?“ Patrick wurde es heiß und kalt. „Was isch denn mim Herrn Schwegl bassiert? Wisset Sie do was?“ Erst jetzt bemerkten die beiden Streitenden Herrn Brächle auf der anderen Seite des Zaunes stehend. „Und ietzt lasset Sie amol des Bürschle los, der hat uns sichr ebbes zum erzeehle, odr, Patrick?“ Dem fiel ein dicker Stein vom Herzen. Herr Klein sackte in sich zusammen. Er sagte erschöpft: „Ich habe einen großen Fehler gemacht!“ „ Jo, des glaab i a.“ Nun kam auch der zweite Polizeibeamte dazu und sie fuhren alle vier aufs Revier. Dort gestand Herr Klein alles. Das Verbrechen war genau so geschehen, wie Patrick es vermutet hatte. „Ohne dich hätten wir die Lösung wohl nicht so schnell gefunden“, sagte Herr Brächles Vorgesetzter anerkennend zu dem Jungen. „Da können andere noch was von lernen!“

—Nachwort—
Letzter Wille von Herrn Wolfgang Eberhard Schwegl:
(…)Meinen gesamten Fuhrpark meiner Gartenbahn vermache ich Herrn Patrick Eisenhauer, da er sich immer sehr für meine Gartenbahn interessiert hat.(…) *LGB ist eine Marke der Firma Gebr. Märklin & Cie. GmbH, Stuttgarter Straße 55 – 57, Göppingen

von Konstantin Mayer