Das Labyrinth in der Waldhöhle

Jens hatte total schlechte Laune. In der Schule war er von seinen Mitschülern
gehänselt worden: “Du hast ja noch nicht einmal ein Handy!”, hatte Joachim zu
ihm gesagt. Jens Eltern hatten nicht viel Geld, sein Vater war als
Lastwagenfahrer oft tagelang unterwegs und seine Mutter hatte als
Verkäuferin kaum Zeit für ihn. Wenn sie abends spät von der Arbeit kam, war
sie todmüde und konnte ihm nicht mehr bei den Hausaufgaben helfen.
Entsprechend schlecht waren Jens Noten. Er beschloss mit dem Rad in den
Wald zu fahren, dort hatte; er eine Höhle entdeckt, deren Gänge ein richtiges
Labyrinth waren. Da Jens keine Freunde hatte, verbrachte er dort viel Zeit.
Inzwischen kannte der Junge die Höhle in und auswendig. Im Ort wurde vor
der Höhle gewarnt, da man sich ganz leicht verirren konnte. Plötzlich klingelte
das Telefon! Es war Susanne, die gegenüber wohnte. Sie fragte: “Es ist
schönes Wetter, wollen wir zusammen zur Eisdiele gehen und dort Mathe
üben?” Sie war die Tochter seiner Mathelehrerin Frau Schauf und zwei
Klassen über ihm. Susanne und ihre Mutter waren total nett und Frau Schauf
hatte die Idee, dass Susanne Jens ein bisschen helfen konnte. Jens war
glücklich, Susanne war fröhlich und unbeschwert und brachte ihn zum Lachen.
So genoss er den Nachmittag und seine Freude konnte noch nicht einmal die
alte Frau Pfeifer dämpfen, die am Nachbartisch in der Eisdiele saß. Frau
Pfeifer wohnte über ihnen und achtete immer darauf, dass er im Treppenhaus
und draußen keinen Lärm und Dreck machte.
Am nächsten Morgen ging Jens während der Pause noch einmal inS
Klassenzimmer zurück, da er dort seine Jacke vergessen hatte. In der
Garderobe lag ein Handy. Jens zögerte nicht lange, er nahm das Handy und
wollte er gerade in seiner Hosentasche verschwinden lassen, als plötzlich
Frau Schauf hinter ihm auftauchte und entsetzt aufschrie: “Jens! Du? Du
stielst? Wie kannst du derart mein Vertrauen enttäuschen? Ab sofort wird
Susanne dir nicht mehr bei den Hausaufgaben helfen!”
Jens war bitter enttäuscht. Wenn Susanne ihm nicht mehr zum Lachen
bringen würde … Er hatte niemanden mehL ..
Am Nachmittag schlich er durch die Höhle im Wald. Die Dunkelheit oasste zu
seiner Stimmung. Wie konnte er nur das Vertrauen von Frau Schaut
zurückgewinnen? Plötzlich hatte er eine Idee: Er würde die Lehrerin zur Höhle
locken. Er könnte sie mit verstellter Stimme anrufen und behaupte“l, ihr Mann,
der oft im Wald joggte, würde in der Höhle festgehalten. Das warsl Frau
Schauf würde sofort in die Höhle gehen, sich dort verirren und er könnte sie
finden und befreien. Dann wäre sie ihm auf immer dankbar.
Ein paar Tage später machte Frau Pfeifer in der Nähe der HÖ'lle einen
Spaziergang. Plötzlich hörte sie eine Frau um Hilfe schreien. Die Stimme kam
aus der Höhle! Dort war jemand gefangen! Die resolute alte Frau zögerte niellI
lange und rief die Polizei. Es dauerte nicht lange, da war Frau Schauf von den
netten Polizisten befreit. Gerade als sie berichten wollte, wie sie zur Höhle
gelockt worden war, schrie Frau Pfeifer auf: “Da, da, da ist der Bengel aus
unserem Haus! Wenn der mal nichts damit zu tun hat!” Jens hatte nicht daran
gedacht, dass ihn jemand bei der Befreiung von Frau Schauf zuvor kommen
könnte. Wie angewurzelt blieb er stehen. Frau Pfeifer kreischte: “Erst macht er
sich an Susanne heran, ich habe euch doch erst vor kurzem zusammen In der
Eisdiele gesehen. Und jetzt wurde Frau Schauf in die Höhle gelockt und er
taucht hier kurz darauf auf. Das kann doch kein Zufall seini” Vor Entsetzen
und Verzweiflung brach Jens in Tränen aus und gestand, dass er der Anrufer
gewesen war. Er wollte Frau Schauf helfen und so ihr Vertrauen
zurückgewinnen. Frau Schauf merkte, wie sehr er sein Verhalten bedauerte
und wie hilflos er war. Sie sagte: “Lass dir das eine Lehre sein! Se ehrlicll,
dann wird Susanne auch in Zukunft mit dir üben wollen.”