Gut oder Böse?

Ich bin ein Mörder, wurde aber zeitlebens gefeiert als Held. Jetzt bin ich alt und meine Frau ist tot. Ich spüre, dass mir auch nicht mehr viel Zeit bleibt, aber mein Gewissen quält mich schon so lange, dass ich meine Geschichte unbedingt noch loswerden muss. Seit langer Zeit frage ich mich, ob alles so kommen musste, oder ob ich es doch hätte ändern können….
Ich war jung, sah gut aus und kam aus gutem Hause. Bevor ich in die Geschäfte meines Vaters einsteigen, heiraten und Erben zeugen sollte, wollte ich nichts als Spaß haben. In diesem Sommer war der Drang in mir groß, noch etwas Besonderes zu erleben, bevor ich mich ernsthafteren Dingen zuwenden musste. Zusammen mit meinem besten Freund zog ich los, auf der Suche nach Abenteuern.
Wir waren schon viele Tage unterwegs in den langweiligsten Gegenden und das Aufregendste, das wir erlebt hatten, war ein Gewitter, das die Pferde scheu und uns patschnass gemacht hatte.
„Wonach suchst du eigentlich?“, fragte mein Freund. „Ich weiß es selbst nicht“, antwortete ich, „Ich habe nur keine Lust auf ein Leben in Langeweile. Ich möchte mich einmal so richtig gegruselt haben, bevor wir zurückkehren!“
„Wovor willst du dich hier gruseln?“, lachte mein Freund, „Vor den hinterhältigen Blaubeeren?“
Auf dem Tiefpunkt meiner Laune, als ich schon fast die Hoffnung auf ein Abenteuer verloren hatte, sah ich in der Dämmerung eine Turmspitze aufleuchten, tief im Wald.
„Los komm, das sehen wir uns näher an!“, rief ich begeistert und gab meinem Pferd die Sporen. Bald war allerdings der Weg zu Ende und wir standen etwas ratlos vor einer verwilderten Hecke.
Schnell wurde uns klar, dass hinter der Hecke ein pompöses Gebäude liegen musste, denn allein der Turm, der sichtbar war, war gewaltig und der Park rundherum sehr weitläufig. „Lass uns umkehren, das ist hier echt unheimlich!“, sagte mein Freund schaudernd und aus heutiger Sicht wäre das wohl auch gut gewesen. Ich aber freute mich über das unerwartete Abenteuer und dachte daran, welch dummes Gesicht mein Vater, der mich insgeheim für einen Versager hielt, wohl machen würde, wenn es mir gelänge, in diesem verwahrlosten Anwesen irgendetwas Wertvolles zu finden. Keinesfalls wollte ich mir die Gelegenheit entgehen lassen, in das scheinbar verlassenen Gebäude einzudringen.
„Weißt du was?“, stammelte mein Freund, „Ich erinnere mich da an eine Geschichte, die mir mein Großvater erzählt hat.“ Die Geschichte, die er mir dann erzählte, wirkte so merkwürdig, dass ich immer neugieriger auf das Innere des Anwesens wurde:
Angeblich sollte es sich um ein verfluchtes Gelände handeln, seit Jahren mitsamt den Bewohnern eingeschlossen.
Wie auch immer – ich wollte unbedingt hinein und so begann ich, mir mit roher Gewalt einen Weg durch die gewucherte Hecke zu schlagen, was nicht so schwer war, wie es später immer erzählt wurde.
Bald gelang es uns, durchzudringen und wir durchquerten unbemerkt einen einstmals sehr schönen Park, bis wir vor den geöffneten Türen des Gebäudes standen, das aus der Nähe aussah, wie ein Schloss.
Nicht ahnend, dass das Schlimmste noch bevorstand, beschlossen wir, hineinzugehen, alle Wertgegenstände, die wir finden würden, mitzunehmen und uns dann auf den Heimweg zu machen.
Hinein kamen wir ohne jegliche Probleme. Drinnen wirkte alles tatsächlich merkwürdig: Auf den Kommoden und Tischen standen wertvolle Dinge aus Gold und Edelsteinen, von Spinnweben, Staub und Dreck überzogen, aber keine Menschenseele war zu sehen. Mein Herz hämmerte jetzt vor Aufregung so heftig, dass ich Angst bekam, der Lärm könnte irgendjemanden herbeirufen, wer auch immer in so einer gruseligen Umgebung leben mochte. Dennoch wurde meine Gier immer größer. Fast weh tat das Verlangen, nicht mehr als dämlicher, verwöhnter, nichtsnutziger Sohn zu gelten, sondern als Held heimzukehren mit wertvoller Beute.
Und so beschlossen wir, das gesamte Gebäude zu durchsuchen, um noch wertvollere Stücke zu finden.
Geblendet vom Reichtum, trunken vor Gier, stiegen wir die Wendeltreppe hinauf. Je höher wir kamen, desto schlechter wurde die Luft und dämmriger das Licht.
Ich schwöre beim letzten bisschen meines armseligen Lebens, dass ich fast zu Tode erschrak, als plötzlich auf dem Treppenabsatz vor mir eine grässliche Gestalt auftauchte. Die Stimme war nur ein Hauchen und doch dröhnte und hallte es von allen Wänden: „Wer wagt es, sich hier hereinzuschleichen wie ein gemeiner Dieb? Das werdet ihr büßen! Mit eurem Leben werdet ihr bezahlen für den Versuch, meine Pläne zu durchkreuzen!“
Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, dass mein Freund weiß wie die Wand wurde und versuchte, Rückwärts die Treppe hinunter zu flüchten. Ich aber war starr vor Schreck und starrte auf die Gestalt im Dämmerlicht, die jetzt langsam die Hand nach mir ausstreckte.
Was ich sah, ließ mich fast zu Boden gehen: es war eine Mischung aus Skelett, Menschenhand und Klaue und kam näher und näher. In meiner Angst machte ich einen Satz zur Seite, woraufhin das Monster vor mir einen Schrei ausstieß, der einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Vor Panik griff ich nach dem Umhang, den das Wesen trug, riss einmal kräftig daran und schmiss das Ding, das erstaunlich leicht war, übers Treppengeländer. In einer Sekunde schrie es noch, in der nächsten lag es unten und blieb reglos liegen.
Im gleichen Moment schien das Gebäude zu erwachen. Ich hörte Stimmen, Musik, Tellerklappern und direkt vor mir öffnete sich eine Türe und gab den Blick auf ein wunderschönes Mädchen frei, das dort schlief.
Den Rest der Geschichte kennt Ihr:
Ich küsste sie, Dornröschen erwachte und man feierte mich als Helden.
Wir hatten ein langes, schönes Leben und es gelang mir viele Jahre lang, mein schlechtes Gewissen zu unterdrücken.
Sicherlich: Die Tote war die böse Fee und hatte in ihrer Kränkung, nicht eingeladen worden zu sein, viel Leid über Dornröschens Familie gebracht, aber ich war auch ein Mörder. Darf man Unrecht mit Unrecht vergelten?
Mein Freund hat zeitlebens dazu geschwiegen. Niemand hatte damals gefragt, wie es uns gelungen war, Dornröschen und das gesamte Schloss zu wecken. Die Geschichte wurde immer romantisch erzählt.
Aber ich weiß bis heute nicht: War es gut oder böse?