GNADENLOS TOT!

Wenn jemand nach meinem Beruf fragt, dann kann besten Wissens und Gewissens antworten: Mörder, um genau zu sein Auftragskiller. Na ja, eigentlich töte ich Bäume, weil ich eine Axt bin. Ich bin von der besten Marke HOLZPROFI, welche man nur im Fachhandel erhält. Meine Klinge ist aus feinstem gehärtetem Stahl DIN 7294 mit einem hochwertigem Eschenholzstiel. Bäume durchschlage ich wie Nichts, einfach so, schnell und zuverlässig. Natürlich ist mir klar, dass ich in der Hierarchie der Baumkillerwaffen nicht ganz oben stehe, da gibt es Harvester, Kettensägen und auch Gift, aber wer mich hat, der weiß was er hat: Ich bin zuverlässig, mobil und legal!
Momentan lehne ich an der Wand, frisch abgewaschen, unter mir ein Taschentuch, dass die Tropfen auffängt. Ich fühle mich rein, fast unschuldig, auch wenn ich weiß, dass eine versierte Spurensicherung ohne weiteres auf mir alle möglichen Schandtaten ermitteln könnte, aber eines nach dem anderen.

Eigentlich wohne ich in einem Schuppen, der meinem Besitzer Kirchenholz gehört. Kirchenholz ist ein normalerweise umgänglicher Mann, ein bisschen cholerisch, vor allem wenn es um seinen Nachbarn von Giebersberg, einem Richter, auch Richter Gnadenlos genannt, geht. Ja, dieser Richter: beruflich wohl ein Ass, keiner hat so viele Täter hinter Gitter gebracht wie er, keiner rast so rüpelhaft durch den Ort wie er und keiner hört soviel und so laut Joseph Haydn wie er. Ja, und seine Frau, mann, mann, mann, ist die ein Augenschmankerl, die Oxana.

Also, ich wohne so in meinem Schuppen, neben mir steht die Sense, die so vor sich hindöst, der Spaten, ein sympathischer Zeitgenosse, hat mir gerade von der Gartenarbeit erzählt. Frau Kirchenholz hat heute ein neues Apfelbäumchen bekommen. Als langsam, aber sicher die Sonne untergeht, öffnet sich fast lautlos die stets unverschlossene Schuppentüre und ein Schatten huscht herein, ich kann ihn kaum erkennen, aber ich merke, dass er sich suchend umschaut, ein schneller Griff und ich bin in seiner Hand. Er nimmt mich mit!

Wer ist das? Was hat der Schatten vor? Ich kann nicht erkennen, ob es ein Mann oder eine Frau ist, schlank ist die Person, sie riecht leicht nach Schweiß, aber nicht unangenehm.
Ich bemerke, wir gehen zum Haus von Richter Gnadenlos, er sitzt noch in seinem Auto und hört bei voller Lautstärke die Jahreszeiten von Joseph Hadyn. Ich und der Schatten ,der mich noch immer fest hält, nähern ihn uns. Der Schatten versteckt sich hinter einer Wand, sodass er nicht vom Richter zu erkennen ist. Als das Musikstück endet, steigt dieser aus und geht Richtung der Wand ,wo wir warten dann springt der Schatten los und schwingt mich hin und her, so schnell, dass ich alles nur noch verschwommen sehe. Ich schlage mit der stumpfen Seite auf dem Kopf von Gnadenlos auf. AUTSCH! Das tut weh! Diese Seite wurde doch nicht zum zuschlagen konzipiert! Ein kurzer Schrei war zu hören und die Leiche des Richters lag blutig am Boden. Der Schatten huschte schnell durch die Hecke, spült mich mit dem Wasser der Gießkanne, das Frau Kirchenholz stets bereit hält ab, öffnet den Schuppen und lehnt mich an die Wand, nachdem er mich mit einem Taschentuch leicht getrocknet hat und stellt mich auf dieses. Dann verschwindet der Schatten wieder so schnell und lautlos, wie er gekommen ist.

Ich bin gelähmt vor Schreck, lasse mir nochmal alles durch den Kopf gehen, schlafe darüber ein, schrecke nachts mehrfach hoch und mir wird klar, dass ich, ja, ich, die Axt aus dem Hause HOLZPROFI den Richter aller Richter, Richter Gnadenlos zur Strecke gebracht habe! Unter allen Äxten dieser Welt bin ich diejenige, die Auserwählte, die von Giebersberg aus dem Weg räumte. Fast bin ich ein wenig stolz auf mich.

In der Frühe erst, die Sonne ist längst aufgegangen, schrecke ich aus dem unruhigen Schlaf auf. Wie ich durch das Schuppenfenster erkennen kann, herrscht in der Auffahrt zum Hause von Giebersberg ein riesen Rummel. Polizei, Leichenwagen, Notarzt, Presse und die halbe Nachbarschaft haben sich dort versammelt, es herrscht ein einziges Durcheinander und Geschrei. Nur die Oxana steht seltsam gefasst, ja fast lächelnd und unbeteiligt dabei. In mir wächst ein Verdacht: Ist Oxana der Schatten?

In den ruhigen Stunden im Schuppen habe ich viel mitbekommen. Oxana , die junge Russin, eine wunderschöne Frau verheiratet mit dem alten, fetten Ekelpaket Gnadenlos. Oxana, die seinerzeit als Taschendiebin hier ihr auskommen hatte, die vor der Ausweisung aus Deutschland stand und plötzlich Frau von Giebersberg wurde. Ja, ich kann mir lebhaft vorstellen, dass es für sie Gefängnis oder Ehe hieß. Was sie wohl nicht wusste: Ehe mit von Giebersberg ist wie Gefängnis! Ich habe durchaus mitbekommen, dass vor wenigen Tagen ein Pjotr bei Oxana war, Pjotr sprach von früher und dass alles wieder werden könnte wie früher, Oxana wirkte so glücklich.

Na, sollten doch die Schlauköpfe von der Polizei dies herausfinden, ich jedenfalls weiß, dass ich gemordet habe, so wie mich die Firma HOLZPROFI anbietet: zuverlässig und stabil!

Einer von der Presse fuchtelt hektisch mit seinem Mikrofon vor dem Gesicht eines Kriminalkommissars rum: „ Stimmt es, dass die Zigeunersippe Mariescu dem Richter Rache geschworen hat?“ Der Beamte erwidert „kein Kommentar“. Der Reporter lässt nicht locker „von Giebersberg hat doch Stancu Mariescu und seinen Drogenhandel auffliegen lassen und die Geschäftsbeziehungen zerschlagen. Die Brüder Marius und Cliff haben dann gedroht, dass der Richter dafür mit seinem Leben bezahlen würde“ Der Polizist gibt noch immer keine Auskunft „zu laufenden Ermittlungen sage ich nichts, bitte warten sie auf die Pressekonferenz“

Au weia, bin ich Handlanger im Drogenhandel geworden? Das wäre ja weit unter meiner Würde, ich, die ehrliche und aufrichtige Axt aus dem Hause HOLZPROFI.

Es gibt noch eine unbekannte Seite von Richter Gnadenlos. Ich wette, alle gutbürgerlichen Spießer aus der Nachbarschaft würden vor Schreck aus den Schuhen kippen, wenn sie wüssten, was von Giebersberg noch für Hobbys hatte. Ja, vom Schuppenfenster konnte man im Sommer wunderbar durch das häufig geöffnete Fenster ins Schlafzimmer des Richters schauen. Es war ein Bild für Götter! Der Richter Gnadenlos in Frauenunterwäsche, gerne mit Federboa, lies sich von einem jungen, einem verdammt jungen Mann auspeitschen. Und der Richter winselte auf Knien den Jungen an, dass er ihm alles geben würde, wenn er denn mit ihm von hier fortginge. Wenn ich nicht eine so qualitativ harte und stabile Axt wäre, hätte ich mich vor Lachen gekringelt!

Vielleicht, ja, vielleicht war der junge Mann der Schatten, wer nimmt denn den Richter freiwillig, wenn er auch so alles haben könnte.

Plötzlich herrschte ein großer Tumult draußen, die Stimmen überschlagen sich, die Schuppentür wird aufgerissen, ein behandschuhter Polizist packt mich und steckt mich in eine durchsichtige Tüte, reicht mich zu seinem Kollegen weiter und meint „ zur Spurensicherung damit“. Wie ein Häuflein Elend sehe ich Kirchenholz, meinen Herren und Meister, vor den Polizisten stehen. „Ja, es ist meine Axt, ja, von Giebersberg hat mich seinem Klassikgedudel auf die Palme getrieben, ja, es gab Auseinandersetzungen, und sogar mal eine Schlägerei, aber ich bringe ihn doch nicht um!“

Ich versuche aus meinem Plastiksack herauszuschreien: Nein, mein Herr und Meister kann es nicht gewesen sein! Nein, er hätte mich doch nicht mit meiner flachen Seite verwendet! Aber keiner hört auf mich. Kirchenholz wird abgeführt, ich komme zur Spurensicherung, wo ich mit allen technischen Schikanen untersucht wurde, von der Computertomographie bis Röntgenphotoelektronenspektroskopie.

Nach einer gefühlten Ewigkeit ging es für mich zurück zu dem unschuldigen Kirchenhof. Der Mörder hatte ein Geständnis abgelegt. Richter Gnadenlos, der Klassikterrorist, das Ekelpaket, der seinen Nachbarn mit Anzeigen aller Art drohte, hatte am Nachmittag der so ruhigen, ja fast sanften Frau Kirchenhof mit dem Ordnungsamt gedroht, wenn sie nicht den Apfelbaum mindestens 10 Meter von seiner Grundstücksgrenze entfernt einsetzte.
Nach all den anderen Drohungen und Schikanen gegenüber seinen direkten Nachbarn war dies diejenige, die das Fass zum überlaufen brachte.

Nachdem der Fall gelöst worden war, wurde ich,wieder, in einem Plastiksack zu Herrn Kirchenholz gebracht. Ich erzählte dem Spaten was mit mir und was in der Nacht geschehen war. Lachend meinte er: ,,du bist und bleibst seltsam!''