§ 51

Abayomi war mein bester Freund. Aber jetzt werde ich ihn wahrscheinlich nie mehr sehen. Durch ihn wurde mir einiges bewusst. Ohne ihn hätte ich eigentlich nie kapiert, was für eine Stadt München ist. Ich würde immer noch denken, dass es hier nur Reichtum und Luxus gibt.
Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, an dem er schüchtern das erste Mal in unser Klassenzimmer kam: Wir wunderten uns alle, dass er noch in der Mitte der Vierten zu uns in unsere Grundschule kam. Er stand vor uns, die Hände in den Hosentaschen seiner viel zu weiten Jeans, hell leuchteten die Augen aus seinem dunklen Gesicht und musterten uns ängstlich. Auf seinem T-Shirt stand “COOL GUYS NEVER DIE“ und er schaukelte unsicher von einem Bein auf das andere.
Unsere Lehrerin gab mir den Auftrag, mich um Abayomi zu kümmern. Er setzte sich neben mich. Ich war total dagegen. Abayomi merkte das und wollte keine Hilfe von mir. Er beachtete mich nicht und rutschte mit seinem Stuhl weit weg von mir an den Rand des Tisches. Ich hatte nicht die geringste Lust, meine Zeit mit ihm zu verbringen, aber vielleicht würde ich dadurch gute Verhaltensnoten bekommen…..vielleicht einen Zeugnistext wie z.B. „ausländischen Mitschülern gegenüber war Claudius sehr aufgeschlossen und bewies somit große soziale Kompetenz“… oder so, das kann einem ja nicht schaden.
In der Pause stand Abayomi ganz alleine an die Wand des Schulhauses gelehnt. Ich wusste nicht, was sich zu ihm sagen sollte. „Was isst du da?“, fragte ich dann. Abayomi gab mir seine Schüssel zum Probieren. „Semovita“, flüsterte er leise. Als ich etwas von dem Brei kostete, merkte ich, dass es genauso schmeckte wie der Grießbrei, den wir zum Frühstück essen. Die Schulglocke läutete und wir gingen schweigsam nebeneinander her ins Klassenzimmer.
Ich verbrachte natürlich nicht jede Pause mit Abayomi, aber als ich sah, dass ihn die Jungs aus der Parallelklasse schubsten und auf den Boden warfen ging ich hin. Aber ich traute mich nicht, dazwischen zu gehen und Abayomi zu helfen.
Nach der Schule holte mich meine Mutter mit unserem neuen SUV ab. Schlank, schön und wie immer perfekt saß sie am Steuer. Ich dachte die ganze Zeit nur daran, wie Abayomi auf dem Pausenhof gemobbt wurde. Ich erzählte meiner Mutter, dass meine Lehrerin mich gebeten hatte, mich um Abayomi zu kümmern. Als ich sagte, dass Abayomi von den anderen Jungs verprügelt worden war, interessierte sie sich gar nicht dafür und fragte: „Claudius, was hast du in der Matheprobe?“
Wegen der 4 gab es den ganzen Abend Ärger. Und aus diesem Ärger entwickelte sich der übliche Streit meiner Eltern. Der lief immer auf die gleiche Art und Weise ab:
Meine Mutter warf meinem Vater, der in einer Münchner Behörde arbeitete, immer wieder vor, dass er nicht genug Geld zu unserem Familienleben beisteuern könne. Sie tat das mit ihrem Einkommen als Anwältin gerne, wie sie zu jeder Gelegenheit betonte. Und wenn er schon so wenig Geld habe, solle er sich doch wenigstens um den schulischen Erfolg seiner Kinder kümmern. Mein Vater ist ein gewissenhafter, dünner, großer, strenger Mann. Bei diesen Streitereien wurde er immer ganz blass, seine Lippen schmal und seine Nase ganz spitz. Er sah aus wie ein großer grauer Vogel.
Am nächsten Tag auf dem Pausenhof stand eine große Gruppe von Jungs um Abayomi, der am Boden saß. Dieses Mal konnte ich nicht einfach zuschauen. Ich musste Abayomi helfen. Ich trat dazwischen und sagte: „Lasst meinen Freund in Ruhe!“ Ich nahm in an der Hand, zog ihn hoch und ging mit ihm weg. Wir setzten uns nebeneinander. Abayomi lächelte ein wenig und sagte: „Danke. Magst du mich mal besuchen?“.
Am nächsten Tag holte uns kein SUV ab. Wir fuhren mit der U-Bahn. Ich fuhr selten U-Bahn, wegen der Bakterien. Wir gingen nicht in ein großes Einfamilienhaus, sondern in ein dreckiges mehrstöckiges Haus, der Putz bröckelte von den Wänden und auf den Treppenstufen lag Müll. Eine alte Frau mit einem Kopftuch und einem fleckigen Kittel ging mit einem Eimer am Arm die Treppe hinab, als würde sie Wasser am Brunnen holen. Sie beachtete uns nicht.
Es roch nach seltsamen und unbekannten Gewürzen. Die Klingel zu Abayomis Wohnung funktionierte nicht. Er musste dreimal heftig klopfen, bis eine rundliche Frau aufmachte. Wir betraten einen kleinen Raum, in dem nur ein großer Tisch und ein altes Sofa standen.
An dem Tisch saßen mindestens fünf Menschen und lachten. Die Tischgemeinschaft schrie fröhlich durcheinander. Auf dem Sofa spielten zwei Mädchen. Abayomis Mutter rief mich mit nigerianischem Dialekt zu sich: „Hast Du Hunger?“ Sie führte mich in eine winzig kleine Küche in der nichts als die Küchenzeile Platz hatte und drückte mir einen Nutella Toast in die Hand. Er schmeckte köstlich, so etwas gab´s bei uns daheim nie, in Mamas Augen viel zu ungesund. Alles war mir fremd, es war eng und laut. Ein fröhlicher Nigerianer holte mich an den Tisch zu sich. Niemand erkundigte sich den ganzen Tag nur ein einziges Mal nach Noten. Abayomis Vater erzählte mir von seiner Heimat. Ich verstand zwar nicht alles, aber wir lachten viel.

Als ich meiner Mutter mal beim Abendessen einmal von meinen neuen Freunden erzählte, blickte sie besorgt. Sie wollte nicht, dass ich mich mit Abayomi treffe und versuchte mir zu erklären, dass die Menschen in Nigeria ihre Probleme dort lösen sollten. Papa hätte tagtäglich in der Arbeit mit solchen Leuten zu tun. Ich solle mich doch um meine Noten kümmern und nicht um irgendwelche Nigerianer. Sie redete an der Freundschaft von mir und Abayomi vorbei. Meiner Mutter zweifelte keinen Moment an der Richtigkeit ihrer Worte, als sie sorgsam mit dem Fischbesteck ihren rosafarbenen Lachs filetierte und aus der dunklen Haut hob. Der Lachs erinnerte mich an Abayomis helle Handflächen. Während sie langsam den Lachs zerkaute, sprach sie über ihren Beruf.

Sie verbot mir die Freundschaft mit Abayomi.
Ich beschloss, nicht zu gehorchen.
Von nun an ging ich einmal pro Woche heimlich zu Abayomi und seiner Familie. Wir hatten sehr viel Spaß miteinander. An manchen Tagen erzählte er mir auch, dass er mit seiner Familie den Norden Nigerias aufgrund von Terroranschlägen an Christen verlassen musste. Während dieser Gespräche fiel Schwere über die sonst so fröhliche Tischgesellschaft.

Doch ich musste mir immer eine Ausrede einfallen lassen: Einmal war ich bei Theodor oder bei unserer Lehrerin, um mir den Unterrichtsstoff noch mal erklären zu lassen und dann war ich wieder bei Theodor.
Wahrscheinlich war ich doch zu oft bei Theodor. Und dann war Abayomi weg. Sein Platz in der Schule blieb für immer leer. An dem Tisch in dem Haus mit dem bröckelnden Putz saß eine andere Familie. Beim Abendessen erzählte ich wie sehr ich Abayomi vermisste. Dann sah ich meiner Mutter zu, wie sie den letzten Bissen Fisch lächelnd auf die Gabel schob. Langsam öffnete und verschloss sich ihr Mund.

Abayomi erzählte mir mal, dass sein Name auf Deutsch „Der geboren ist, um Freude zu geben“ bedeutet.
Mir hat er Freude gebracht.

Fanny Haimerl