EINE UNGLAUBLICHE ENTDECKUNG ODER WAS AM 13.6.1886 WIRKLICH GESCHAH

„Endlich Ferien!“, dachte Paul, als er aus dem Auto seiner Eltern ausstieg. Zum ersten Mal durfte er alleine bei seinem Großvater Urlaub machen, der in Berg, einem kleinen Ort nahe des Starnberger Sees, wohnte. „Zwei lange Wochen in einem langweiligen Dörfchen“, grübelte Paul. Doch recht bald schon sollte er merken, dass diese Ferien sich als spannendes Abenteuer entpuppen würden. Nach dem ittagessen hatte sein Opi die Idee, einen Spaziergang entlang des Starnberger Sees zu unternehmen. „Spazierengehen ist zwar nicht meine Lieblingsbeschäftigung, aber meinetwegen“, dachte sich Paul. Als sie rund 200 Meter zurückgelegt hatten, entdeckte Paul hinter dem Schilf ein Holzkreuz, etwa drei Meter vom Ufer entfernt. „Opa, welche Bedeutung hat dieses Kreuz im Wasser?“, fragte er. „Ach, das ist eine lange Geschichte“, antwortete der Großvater. „Wir haben doch Zeit“, warf Paul ein. „Kannst du sie mir bitte erzählen?“ „Also gut“, seufzte dieser. „Vor einiger Zeit regierte ein König namens Ludwig der Zweite in Bayern. Wegen ihm war die bayerische Kabinettskasse damals hoch verschuldet, da er sehr viel Geld für die schönen Künste
und seine prunkvollen Schlösser ausgab. Aus diesem Grund wollte das Kabinett, mit einem gewissen Herrn Lutz als Vorsitzenden, den König schnellstens loswerden. Kurzerhand wurde der König für geisteskrank erklärt, von einem Arzt namens Bernhard von Gudden. Dieser durfte sich allerdings vom Zustand Ludwigs kein eigenes Bild machen, sondern musste anhand der Briefe und Zeugenaussagen des Kabinetts herausfinden, ob man den König wirklich für geisteskrank erklären und ihn somit vom Thron stoßen könnte. Der ausgebildete Facharzt erklärte den noch mächtigen Ludwig innerhalb von 24 Stunden offiziell für geistig umnachtet und unterschrieb jegliche Formulare zur Durchführung des Komplotts. In der Nacht des 10. Junis 1886 erklärte man Ludwig, wieso er nun seine Macht verlor, und verschleppte ihn auf Schloss Berg, wo dieser jederzeit überwacht und behandelt wurde.“

„Das ist ja ein richtiger Krimi, Opi!“, unterbrach ihn Paul. „Aber das Beste kommt noch, denn die Umstände von Ludwigs Tod wurden nie richtig geklärt“, erzählte der Großvater. „WAS?! Wurde nie bekannt, wie der damalige König gestorben ist?“, fragte Paul. „Nein, man glaubt, er und sein Leibarzt sind damals ertrunken. Aber jetzt
sollten wir langsam heimgehen!“, antwortete Großvater.
Zu Hause angekommen, wollte Paul endlich mal Opas Haus
erkunden. Während sein Opa in der Küche beschäftigt war und das Abendessen vorbereitete, schlich sich Paul durch das große, geheimnisvolle Haus seiner Großeltern. Seine Oma war vor vielen Jahren schon gestorben, als Paul noch ein kleiner Junge war. Besonders reizte Paul der Dachboden, den er noch nie bestiegen hatte. Die alte und morsche Holztreppe knarrte unter Pauls Füßen, als er möglichst leise zum Dachboden emporstieg. Paul versuchte mühselig, die zum Dachboden führende Luke zu öffnen, ohne dass er die Leiter herunterfiel. Schlussendlich schaffte er es und schob sich durch den schmalen Durchgang. Im fahlen Licht der Deckenlampe konnte Paul die Umrisse großer, schwerer Möbelstücke erkennen, die mit Bettlaken verhangen waren. In einer Ecke stapelten sich alte, verrostete Angeln, über denen sich riesige Spinnennetze ausgebreitet hatten. Daneben stand ein ausgefranster Weidenkorb, in dem sich Fischernetze befanden. „Ganz schön gruselig hier“, dachte Paul und spielte kurzeitig mit dem Gedanken, wieder nach unten zu gehen. Doch plötzlich fiel sein Blick auf eine alte Holztruhe, an der sich ein messingfarbenes Schloss befand. Nun konnte er der Versuchung nicht wiederstehen: Er musste die Truhe aus der Nähe betrachten. Er wollte gerade eben versuchen, das schwere Schloss von der Kiste zu entfernen, als er von weit weg die Stimme seines Opas vernahm: „Paul, komm bitte zum Abendessen!“ „Schade“, dachte Paul bei sich und schlurfte enttäuscht die Treppe hinunter. Ein letztes Mal blickte er zum Dachboden hinauf, bevor er sich in die Küche zu seinem Großvater begab. Während des Abendbrotes durchlöcherte Paul seinen Opa mit etlichen Fragen: „Du, Opi“, fragte Paul, „haben wir einen Verwandten, der Fischer war?“ „Tatsächlich, mein Junge, gab es einen Fischer, der Jakob Lidl hieß. Und stell dir vor, er war der Leibfischer von König Ludwig!“ Paul antwortete nicht, denn ihm hatte es die Sprache verschlagen. Schließlich fragte er verdattert: „War das auch derjenige, der dieses Haus erbauen ließ?“ „Ja! Über der Haustür findest du noch das Baujahr des Hauses eingraviert. Nämlich 1896“, entgegnete der Großvater.

Beim Einschlafen wälzte sich Paul hin und her. Ihm schossen tausend Fragen durch den Kopf: „Was ist damals am 13. Juni wirklich geschehen und welche Rolle spielte mein Ururgroßvater Jakob Lidl?“ Am nächsten Morgen wäre er am liebsten gleich wieder auf den Dachboden gestiegen, aber sein Opa hatte andere Pläne. Er schlug eine Schifffahrt zur Roseninsel vor. Als sie sich kurz danach auf dem Schiff befanden, sah Paul von Weitem die Stelle, an der das Holzkreuz stand. „Wie konnte ein Erwachsener in einem so flachen Wasser ertrinken?“, grübelte er. „Opa, war Ludwig etwa so ein schlechter Schwimmer?“ „Diese Geschichte lässt dich wohl gar nicht mehr los“, seufzte dieser. „Vielleicht hätte ich dir das nie erzählen sollen. Aber ganz ehrlich, ich weiß nicht, wie gut König Ludwig schwimmen konnte.“

Am Abend, als Opa die Sportschau schaute, schlich sich Paul ein zweites Mal auf den Dachboden. Er wollte sich nämlich die Holztruhe genauer anschauen. Mit einem Klick öffnete er das schwere Messingschloss und fand etliche in Leder eingebundene Bücher, die größtenteils von der Fischereikunde handelten. Höchstwahrscheinlich gehörten
diese seinem Ururgroßvater. Er grub weiter tief ins Innere der Truhe und fand dort eine Handvoll Schulhefte, die mit einem Lederriemen verschnürt waren. Auf dem ersten stand Mathematik J. Lidl 8a, auf dem zweiten Heimat- und Sachkunde J. Lidl 8a und auf dem dritten Deutsch J. Lidl 8a. Das letzte Heft war gar kein richtiges Schulheft, denn auf ihm stand: Tagebuch 1886. „Hat das auch meinem Ururgroßvater gehört?“, fragte sich Paul. „Und war das nicht das Jahr, in dem König Ludwig gestorben ist?“ Mit zitternden Fingern schlug er das Heft auf. Würde darin das Geheimnis um die schicksalsvolle Nacht gelüftet werden? Der erste Eintrag war auf den 10. Juni 1886 datiert:
„Ganz überstürzt wurde die Ankunft des Königs und des Professors von Gudden angekündigt. Angeblich hat sich die Gemütsverfassung der königlichen Hoheit verschlechtert. Was für ein Jammer! Vielleicht findet er hier, abseits der Macht und seiner Getreuen, den Frieden, den er braucht, um zu gesunden“, las Paul. Dort stand weiter: „Ich denke nicht, dass unser Ludwig geisteskrank ist, er ist ein fantasievoller, guter König und dass das Kabinett ihn mit solchen Mitteln vom Thron stößt, ist auf gar keinen Fall gerecht. Die ganze Angelegenheit sieht mir sehr nach einem Komplott aus, das der Minister Lutz geschickt eingefädelt hat. Aber aus welchem Grunde? Irgendwie habe ich ein ungutes Bauchgefühl …“ Paul brach mitten im Satz ab, weil er auf der Treppe zum Dachboden Schritte vernahm. Schnell hastete er hinter einen der spinnenwebverhangenen
Schränke, die schon von einer dicken Staubschicht bedeckt waren. Die Schritte kamen näher und er hörte den schweren Atem seines Großvaters, der murmelnd in Richtung des Versteckes trat: „Nanu? Warum ist denn hier die Luke offen? Ist hier jemand?“, rief er etwas lauter in den Raum. Paul hielt den Atem an. Er rührte sich nicht vom Fleck, denn er wollte sich unter keinen Umständen verraten. „Wahrscheinlich hab ich das letzte Mal hier oben vergessen abzuschließen. Tja, mit dem Alter wird man halt immer vergesslicher“, konnte Paul seinen Opa noch vernehmen. Schließlich hörte er den verrosteten Dachbodenschlüssel im Schloss quietschen. Als die Luft rein war, kroch Paul wieder aus seinem Versteck. Die Luke war verschlossen. Doch Paul hob das Tagebuch vom
verstaubten Boden auf und las weiter. Zum Glück hatte sein Großvater das Heft übersehen, denn sonst hätte sich der ganze Aufwand nicht gelohnt. Aus der Überschrift des nächsten Eintrages konnte man schließen, dass dieser am 12. Juni 1886 verfasst wurde. Darin stand:
„Die königliche Majestät hat mich in einen streng geheimen
Fluchtplan eingeweiht, bei dem ich mitwirken soll. Dieser wird für den morgigen Abend geplant: Der König gedenkt, bei einem Spaziergang mit dem Doktor durch das flache Wasser des Starnberger Sees seiner Gefangenschaft zu entkommen. An einer vom König bestimmten Stelle werde ich
mit meinem Boot auf ihn warten. Dann werde ich ihn zum anderen Ufer des Sees bringen, wo eine Kutsche seine Hoheit sicher nach Tirol bringen wird, wo er vorerst ein ruhiges Leben führen kann.“ Paul staunte nicht schlecht. Er hatte soeben eine unglaubliche Entdeckung gemacht, die
viele Mythen und Sagen aus der Welt schaffen würde. Hastig blätterte er in dem alten Schulheft, bis er auf den Eintrag des 14. Juni 1886 stieß. Gebannt fing er an zu lesen: „Schockiert von den gestrigen Ereignissen schreibe ich nun schon in der Früh um fünf Uhr. Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen, ich bin viel zu durcheinander. Unser Plan lief perfekt, der König wollte gerade in mein Boot steigen, als ich Schüsse vernahm. Einer der Gendarmen hatte unkontrolliert wegen der dichten Nebelschwaden in
die Fluchtwegbahn geschossen und dabei meinen Gönner, den guten König Ludwig, getroffen. Eine Tragödie, die mich mein ganzes Leben lang belasten wird. Ich bin verzweifelt, weiß nicht, wovon ich leben soll. Mir geht es so schlecht wie noch nie in meinem schnöden Leben. Wie nun die Ereignisse dieser Nacht vertuscht werden sollen, ist mir ein Rätsel. Schließlich wird sich hoffentlich alle Welt an diesen Märchenkönig erinnern, der der Welt nie etwas Böses wollte.“

Paul blieb mit offenem Mund auf dem dreckigen Holzboden
sitzen, bis er wieder einen klaren Gedanken fassen konnte: „Das ist ja der absolute Wahnsinn! Das Kabinett erfand dann die Geschichte vom Ertrinken, um das Ganze zu vertuschen. Doch Jakob Lidl hat es geschafft, sein Tagebuch zu verstecken und gleichzeitig so gut aufzubewahren, dass das Papier nicht vermoderte. Das muss ich sofort Opi zeigen!“ Er wollte gerade die Treppe hinuntersausen, bis ihm wieder einfiel, dass sein Opa die Luke verschlossen hatte. Paul fing an, laut um Hilfe zu
schreien, und trommelte dabei wild mit den Fäusten gegen die Luke. Etwa fünf Minuten später hörte er, wie der Schlüssel im Schloss gedreht wurde. Sein Opa machte die Luke auf und sagte erleichtert: „Hier steckst du also, Paul! Ich habe mir schon ernsthafte Sorgen gemacht.“ Paul
erzählte ihm aufgeregt die Geschichte seiner unglaublichen Entdeckung.
Der Opa war baff. Schließlich murmelte er verwirrt: „Das ist unfassbar.“ „Aber wahr“, ergänzte der Junge stolz und streckte ihm das als verschollen geglaubte Schulheft entgegen. Wenig später fragte der Großvater: „Wollen wir nochmal in der Dunkelheit zur Unglücksstelle gehen?“
„Au ja!“, rief Paul, außer sich vor Freude. Gesagt, getan: Um circa 21 Uhr unternahmen die beiden eine Nachtwanderung zur Unglücksstelle Ludwigs. Dort machte sich Paul noch einmal ein Bild von den Ereignissen, die sich damals dort zugetragen hatten, und dachte bei sich: „Vielleicht war alles doch ganz anders.“

*Jakob Haas und Philipp Wiedmann haben den ersten Preis in der Altersgruppe
der 9- bis 10-Jährigen gewonnen. *