DAS THEATERDRAMA

„Einen Café au Lait und ein Croissant, bitte“, bestellt ein rundlicher Mann mittleren Alters. Zum gefühlt hundertsten Mal bediene ich die hochkomplizierte Kaffeemaschine des kleinen Cafés im Foyer eines Theaters am Rande von Paris. Ich ziehe den Kaffee von der Maschine weg und lege noch das Croissant dazu, bevor ich es dem Mann in die Hand drücke. „Der Nächste, bitte!“, brumme ich. Doch da ertönt schon der erste Theater-Gong und die Reihe zerstreut sich. Erleichtert atme ich auf und setze mich auf den Tresen, um meine Pause zu genießen. Ich krame in meiner Tasche und fische mein Französisch-Lexikon heraus, in das ich mich jetzt vertiefen werde. Irgendwann werde ich die Sprache hoffentlich besser beherrschen.
Ich schrecke hoch, als ich das Läuten der Pausenglocke vernehme. Stöhnend stelle ich mich erneut hinter den Tresen. Einmal mehr verfluche ich den Krieg, der in meinem Heimatland, dem Irak, ausgebrochen war. Aus diesem Grund musste ich in ein wildfremdes Land – Frankreich – flüchten. Auch mein Medizinstudium konnte ich nicht fortsetzen. Und deswegen bin ich jetzt nur die Bedienung in dem kleinen Café am Rande von Paris. Dann fange ich an, die Bestellungen aufzunehmen.

Eine geschlagene halbe Stunde später ist die Menschenschlange endlich besiegt und ich habe zum Glück wieder Pause. Ich gehe in die Hocke, um meine Lieblingstasche – mein einziges Andenken aus dem Irak – aufzuheben. Genau in diesem Moment höre ich, wie jemand die Tür des Theaters ungewohnt heftig aufschlägt und wie mehrere Menschen in das Theater stürmen. Verwundert und auch ein bisschen ängstlich bleibe ich in der Hocke. Augenblicklich fallen mir sämtliche blutige Horrorszenarien ein, die ich im Irak während des Krieges erlebt habe. Doch ich rede mir sofort wieder ein, dass ich jetzt in Frankreich und somit in Sicherheit bin. Plötzlich jedoch setzt mein Herz für eine Sekunde aus, da die Kugel einer Pistole meinen Kopf um einen Millimeter verfehlt und in der Wand hinter mir ein klaffendes Loch hinterlässt.
Gleich darauf folgen vier weitere Schüsse, die mich grausam an den Krieg erinnern und die Wand hinter mir zerfetzen. Auf einmal sind meine Hände schweißnass. Mir wird schlecht vor Angst. „Also doch Attentäter“, denke ich todesängstlich und kauere mich noch tiefer hinter den massiven Tresen. Ob er wohl den Kugeln standhalten wird? Ich hoffe es inständig. Gleich darauf höre ich eine gedämpfte Männerstimme. „Lass uns weitermachen, hier ist niemand“. Das Gesicht der Person muss von einer Strumpfmaske verdeckt sein. Die Stimme kommt mir bekannt vor, ich kenne sie besser als jede andere Stimme auf dieser Welt. Das ist schlimmer als in jedem Horrorfilm! Das will ich einfach nicht glauben, das darf ich nicht glauben. Aber es stimmt. Ich würde die Stimme unter Tausenden wieder erkennen. Ach was, unter Millionen.
Gleich werde ich mich übergeben müssen, vor Angst. Das hätte ich ihm nie zugetraut. Plötzlich fällt mir etwas ein: „Was, wenn die Verbrecher im großen Theatersaal um sich ballern?“ Ein weiterer eiskalter Schauer läuft mir den Rücken runter, denn ich habe gesehen, dass ausgerechnet heute Die Weihnachtsgeschichte gespielt wird. Ein Stück, das speziell für Kinder umgeschrieben wurde. „Ja, dann müssen sich ja viele Kinder im Saal befinden!”, denke ich schreckerfüllt. Verzweifelt suche ich nun noch mehr nach einem Weg, die Leute im Saal zu warnen. Ich wäge meine Chancen ab. Wenn ich laut rufe, würden mich die Zuschauer wahrscheinlich nicht hören. Dafür war das Theater zu laut. Stattdessen würden mich aber die maskierten Männer bemerken, die mich schneller erschießen würden, als ich „Kaffeemaschine“ sagen kann. Meine zweite Möglichkeit wäre, aus meinem Versteck zu laufen und in den Saal zu rennen, um die Zuschauer zu warnen. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich groß, dass die Terroristen
mich schon auf dem Weg zur Tür erschießen. Es hilft alles nichts. Ich wäre so oder so tot, bevor ich das Publikum gewarnt hätte. Mutlos und voller Angst kauere ich so in meinem Versteck. Doch da höre ich schon die quietschende Tür zum Saal aufschwingen. Mein Herz zerspringt fast vor lauter Furcht. Ich bekomme kaum noch Luft, meine Lunge ist wie zugeschnürt. Da vernehme ich die ersten Schüsse und, gleich darauf, gellende Schreie. Dann höre ich einen besonders lauten Knall, der sich deutlich von den anderen abhebt. Es ist der Knall eines Sprengstoffgürtels. Ich sehe nur noch etwas Blut unter der Tür hervorquellen, dann wird mir schwarz vor Augen.

Als ich wieder zu mir komme, bemerke ich, dass meine Handinnenflächen blutverschmiert sind. Ich muss mir vor Angst die Fingernägel ins Fleisch gerammt haben. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich nicht alleine bin. Neben mir steht ein Polizist, der mich mit mitfühlendem Blick mustert. „Wie viele?”, frage ich mit matter Stimme. „Wie viele was?”, antwortet der Polizist mit einer scheinbar ahnungslosen Gegenfrage. „Sie wissen genau, was ich meine”, presse ich heraus. Eigentlich bin ich zu schwach für eine Diskussion. „Mmmh. Bisher haben wir elf Leichen geborgen, aber die Zahl wird sich sicherlich noch erhöhen”, gibt der Polizist bereitwillig Auskunft. Nach einer kurzen Pause ergänzt der Beamte: „Aber zurück zu Ihnen. Sie waren sehr mutig und haben genau richtig gehandelt. Jetzt müssen Sie erst mal mit in ein Krankenhaus kommen, um sich untersuchen zu lassen, dann sehen wir weiter.” „Darf ich meinen Sohn anrufen?”, frage ich. Ich muss ihn unbedingt informieren und seine Stimme hören. Doch als ich seine Nummer wähle, geht leider nur die Mailbox ran. Das wunderte mich sehr, denn normalerweise geht er immer an sein Handy. Enttäuscht lasse ich das Mobiltelefon sinken, stecke es zurück in meine grüne Tasche und lasse mich zum Krankenhaus bringen.

Als ich mit verarzteten Händen wieder nach Hause komme,
sitzt mein 20-jähriger Sohn Haias schon am Esstisch. Jedes Mal, wenn ich ihn anschaue, erinnert er mich an seinen Vater, meinen Verlobten. Iskandar. Er ist im Krieg gefallen, und war der Hauptgrund, warum wir aus dem Irak geflohen sind. Seitdem hat sich mein Sohn leicht zu einem Problem-Jungen entwickelt. Aber ich nehme es ihm nicht übel, denn ich trauere ebenfalls, nur auf eine andere Art und Weise. Es tut immer noch weh, wenn ich auch nur an meinen Verlobten denke, der drei Wochen vor der Hochzeit erschossen wurde. „Was ist mit deinen Händen los, Achtar?”, fragt mein Sohn anstelle einer Begrüßung. „Ich habe dir schon zigmal gesagt, dass du mich nicht beim Vornamen nennen sollst, Haias! Ich bin deine Mutter”, fahre ich ihn aufbrausend an. Wenn ich etwas nicht leiden kann, dann sind es Kaffeemaschinen und meinen Vornamen. Es ist komisch, sobald ich mit ihm spreche, wechsele ich automatisch ins Arabische. „Entschuldigung”, schiebe ich jedoch gleich hinterher. „Ich bin noch etwas aufgebracht von dem heutigen Geschehnis.” Und da beginne ich zu erzählen …

Als ich fertig bin, fange ich an zu weinen. Erst jetzt registriere ich überhaupt, dass all das wirklich geschehen ist. Mein Sohn beschwichtigt mich kurz: „Du hast doch überlebt und das ist das Einzige, was zählt”, sagt er kurz angebunden und umarmt mich flüchtig, bevor er in seinem Zimmer verschwindet. Allein bleibe ich verwundert in der Küche. Doch dann kommt mir ein Einfall. Kurz zögere ich, dann krame ich in meiner Tasche nach der Telefonnummer des netten Polizisten, die er mir vor dem Krankenhaus gegeben hat. Kurz darauf wähle ich die Nummer, die auf dem Zettel steht, und während ich dem Freizeichen lausche, zieht sich mein Brustkorb mehr und mehr zusammen. Meine Hände werden schweißnass. Soll ich das wirklich tun? Kann ich das tun? Nun könnte ich noch auflegen. Der Polizist nimmt mir dir Entscheidung ab, indem er sich am Telefon meldet: „Ja, hier ist Commissaire Boulot, was gibt’s?” „Hallo, hier bin ich, also äh … Frau Mezoued”, antworte ich mit kratziger Stimme. „Was gibt es denn?”, fragt der Polizist. „Sie wirken ja ganz aufgeregt!” „Ich … also … ich glaube, ich wüsste etwas Wichtiges über … na ja … Sie wissen schon, den Fall.” „Sind Sie sich sicher? Wir stecken mitten in den Ermittlungen und wir wissen natürlich, dass das Attentat Ihnen sehr zugesetzt hat, aber wir vergeuden ungern unsere Zeit. Also wenn Sie einen wirklich wichtigen Hinweis haben, kommen wir selbstverständlich, aber ansonsten würden wir nur ungern unterbrechen. Es ist nämlich so: Wir wissen kaum etwas über den Fall, nur dass es wahrscheinlich ein geplantes Attentat der Terrorgruppe IS war. Denn diese Gruppe hat in letzter Zeit schon ein paar Anschläge in Paris verübt. Und da das Theater Die Weihnachtsgeschichte gespielt hat, gäbe es auch ein Motiv. Sie wissen ja, dass der IS die Anschläge wegen religiöser Hintergründe verübt.” „Es ist wichtig”, bringe ich zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. Gleich würde ich anfangen zu weinen, das war einfach viel zu viel für einen Tag. „Also gut, wir sind auf dem Weg”, antwortet Commissaire Boulot. Da füge ich noch stockend hinzu: „Ich glaube, ich weiß, wer … unter anderem mitschuldig ist an … dem Anschlag, und zwar …“

Zehn Minuten später schaut der Polizist mir fest in die Augen. „Sie sind unsere einzige Zeugin, Frau Mezoued. Sind Sie sich wirklich sicher, dass Ihr Sohn Haias Mezoued an dem Attentat beteiligt war?” Mit Tränen gefüllten Augen sehe ich den Mann an. Ich bringe kaum ein Wort heraus. Ich öffne den Mund, blicke zu dem Commissaire herauf und schließe verzweifelt die Augen. Darf ich Haias jetzt verraten? Meinen eigenen Sohn?

Hannah Ehlers und Sarah Meyer haben den ersten Preis in der Altersgruppe der 11- bis 12-Jährigen gewonnen.