VOM OPFER ZUM TÄTER

Gierig atmete ich den Rauch ein, der von der Zigarette des Mannes neben mir in die Luft stieg. Schnell wiederholte ich den Vorgang. Langsam beruhigte sich mein pochendes Herz. Mit aller Kraft probierte ich, die Geräusche des Flippers zu ignorieren, aber es war, als würden mich tausend Stimmen zu dem Automaten rufen und sie wurden lauter, zu laut, viel zu laut! Sie drangen mit aller Kraft auf mich ein. Ich hatte das Gefühl, von ihnen aufgezehrt zu werden. Jeden Tag, an dem ich nicht spielen konnte, aß meine Sucht einen Teil meiner Seele. Stolpernd rannte ich vor zu Collin. Er war der Inhaber der Collins Bar und so etwas wie ein Freund für mich. „Gib mir ‘nen Whisky!“, stieß ich hervor. Als er nicht reagierte, rief ich wutentbrannt: „Was guckst du so? Na los! Jetzt gib her!“ „Das ist dann aber heute schon dein fünfter Whisky“, gab Collin mit seiner Bassstimme zu bedenken. Ich ballte die Faust, weil ich die Geräusche des Flippers hörte, als wären diese direkt neben mir. Bei jedem Klick drückte ich die Faust fester, bis meine Knöchel weiß hervortraten. Collin sah den kalten Schweiß, der mir die Schläfen hinunterlief, und gab seufzend nach. Als er mir den Whisky herüberschob, nahm ich sofort einen großen Schluck. Verzweifelt stellte ich fest, dass das Glas bereits halb leer war. Ich wollte noch einen Schluck nehmen, als mir das „Ping“ meines Handys signalisierte, dass mir eine Nachricht zugesandt worden war. Nein, das konnte nicht sein, das konnten sie mir nicht antun! Hastig las ich mir die Nachricht noch einmal durch. Aber es stimmte, mir wurde der Strom abgedreht, weil ich die Rechnung, wie so oft, nicht bezahlt hatte. Eine Welle der Ungläubigkeit und Wut drohte mich zu übermannen. Die regelmäßigen Geräusche der Spielautomaten gaben mir den Rest. Meine Wut wandelte sich augenblicklich in Trauer und Verzweiflung um. Mit Tränen in den Augen zog ich ein kleines Fläschchen aus meiner Tasche. Vielleicht hatte der Mann recht, der mir es verkauft hatte, vielleicht würde es mir helfen, an Geld zu kommen. Das Geld, das ich so dringend benötigte. Schweren Herzens fasste ich einen Entschluss. Ich könnte es ja einmal probieren, ein einziges Mal …
„Kommen Sie, Komissarin Johnson, die Besprechung beginnt jetzt, Sie sollten nichts verpassen!“ „Ich komme in einem Augenblick, Mr. Robertson, ich warte nur noch auf meinen Kaffee“, antwortete ich und drehte mich aus Höflichkeit zu ihm um. „Aber Kommissarin, diese Besprechung hat höchste Priorität, es wäre katastrophal, wenn Sie etwas verpassen würden, denn dann könnten Ihnen wichtige Informationen entgehen“, entgegnete er in einem wichtigtuerischen Tonfall.

Ich drehte mich wieder zur Kaffeemaschine um, sodass er nicht sah, wie ich abschätzig die Augen verdrehte. Leicht genervt erwiderte ich: „Aber ich brauche meinen Kaffee, um wach zu werden, damit ich mit voller Konzentration bei der Sache bin, denn, wie Sie korrekt festgestellt haben, wäre es katastrophal, wenn mir ausschlaggebende Informationen entgehen würden,“ erwiderte ich und betonte dabei ,katastrophal‘ besonders. Mr. Robertson setzte ein zufriedenes Lächeln auf, als wäre er ein Lehrer, der seinem schwierigsten Schüler gerade mit Erfolg das Dezimalrechnen beigebracht hatte. Anscheinend hatte er meinen ironischen Unterton nicht bemerkt.
Ich holte tief Luft und seufzte, Mr. Robertson öffnete erneut den Mund, aber in diesem Moment ertönte das Piepsen der Kaffeemaschine. Erleichtert griff ich nach meiner Kaffeetasse und ging in die Richtung des Konferenzraumes. Aber Mr. Robertson ließ nicht locker
und sagte in einem strengen Tonfall: „Kommissarin Johnson, bei allem Respekt, noch nie geriet ein Verbrechen so außer Kontrolle. In bereits
23 Bars in New York wurden Opfer mittels K.-o.-Tropfen betäubt und ausgeraubt. Insgesamt sind bereits 30 Personen davon betroffen. Drei Opfer erlitten bleibende Schäden, weil sie allergisch auf die Tropfen reagiert haben, haben Sie etwa die New York Times noch nicht gelesen?“
Ohne eine Antwort meinerseits abzuwarten, fing er gleich wieder an zu reden, aber seine Stimme wurde von Wort zu Wort eine Oktave höher, sodass ich verstohlen zu den Fenstern auf meiner rechten Seite schielte. Er holte tief Luft und fuhr fort: „Denn da stand, dass man sich nicht mehr so gut auf die Polizei verlassen kann, Miss Johnson. Verstehen Sie denn nicht, wir haben einen Ruf zu verlieren! Also, wenn ich diesen Fall leiten würde …“ „Genug“, unterbrach ich ihn bestimmt, „das reicht!“ Aber ich wollte Ihnen doch nur vor Augen führen, dass Sie zu gelassen mit dieser Situation umgehen!“, verteidigte sich Mr. Robertson. „Es ist jedem das Seine, wie er eine schwierige Situation handhabt. Ich bevorzuge es, ruhig zu bleiben, dafür bin ich bekannt und deswegen wurde ich auch mit diesem Fall beauftragt“, wies ich ihn zurecht. Ich beschleunigte meinen Schritt und griff erleichtert zu der metallenen Türklinke. Erschöpft ließ ich mich in einen der gepolsterten Stühle am Ende des ovalen Tisches gleiten und sammelte mich für die bevorstehende Besprechung. Als die Kollegen von der Spurensicherung
den Raum betraten, konnte es losgehen. Ich erfuhr, dass die Kneipen, in denen der Täter seine Opfer betäubt und anschießend ausgeraubt hatte, im ärmsten Stadtteil New Yorks, der Bronx, lagen. Alle Taten wurden innerhalb weniger Tage zwischen 21:00 Uhr und 24:00 Uhr ausgeübt. Der Tathergang war offensichtlich immer der gleiche. Der Täter hat betrunkene Leute auf einen Drink eingeladen, in den er K.-o.-Tropfen füllte, oder er hat in Momenten, als die Getränke unbeaufsichtigt waren, diese mit K.-o.-Tropfen vermischt. Die auf diese Weise narkotisierten Gäste konnten sich später aufgrund von Gedächtnislücken
an nichts mehr erinnern. Auch die jeweiligen Barbesitzer hatten die Vorfälle zu spät bemerkt, da es häufiger vorkam, dass die Leute nach zu viel Alkoholgenuss einschliefen. Verwertbare Spuren für einen genetischen Fingerabdruck waren ebenfalls Fehlanzeige.
Seufzend erhob ich mich aus meinem Sessel, viel war das ja nicht gerade. Ich bedankte mich bei meinen Kollegen, nahm den Zettel, auf dem die genauen Adressen der Bars standen, teilte ihn in der Mitte und wandte mich an Mr. Robertson. „Wir werden alle Kneipen abklappern und uns selbst ein Bild von der Situation machen müssen. Sie übernehmen die eine Hälfte, ich die andere!“ Keine Widerrede duldend streckte ich Mr. Robertson die eine Hälfte des Zettels entgegen, wohlwissend, dass dies ein langer Abend werden würde. „Soll ich Sie in meinem Wagen mitnehmen?“, fragte Robertson noch, doch ich wollte ein wenig zu Fuß gehen, um in Ruhe über den Fall nachdenken zu können.

Während ich an der Ampel wartete, las ich mir die Adressen noch einmal durch und stellte fest, dass es dumm gewesen war, Robertsons Angebot nicht anzunehmen. Es wäre schlauer gewesen, mit dem Auto zu fahren, weil die nächste Bar ziemlich weit entfernt war. Zu Fuß würde ich mindestens 40 Minuten benötigen. Erneut seufzend
steckte ich mir den Zettel in die Tasche, als die Ampel auf Grün umschaltete. Langsam schlenderte ich durch die Straßen New Yorks und betrachtete die Hochhäuser sowie die vielen Läden. Fasziniert dachte ich darüber nach, was ich für ein Glück hatte, in dieser riesigen Metropole zu leben, auch wenn ich mir vorstellen konnte, in einer schöneren Gegend von New York zu wohnen als ausgerechnet in der Bronx. Aber hier würde ich immer Arbeit haben, die Kriminalität in der Bronx war nämlich unfassbar hoch und es gab einfach zu wenig Polizisten, um die Verbrechen hier erfolgreich aufzuklären. Nach einer Weile stellte ich fest, dass es mir gutgetan hatte, diese Strecke zu Fuß zu laufen. Es hatte mir geholfen, einen klaren Kopf zu bekommen, und den rauchte ich auch für diesen Fall! Auf einmal sah ich ein LED-Schild vor mir aufflackern, auf dem stand: SPIELBAR. Aber die Buchstaben P, E, L in dem Wort „Spiel“ waren kaum lesbar, weil die Stromversorgung versagt hatte.
Vorsichtig betrat ich die Bar und setzte mich ganz hinten links in eine Ecke, um möglichst ungesehen zu bleiben. Ich zog ein Blatt Papier aus meiner Tasche und begann, mir Skizzen von dem Raum zu machen. Der Tresen mit dem Barmann lag ganz vorne rechts. Vor ihm standen
eine Menge Tische, die als Sitzmöglichkeit dienten, und links von der Bar befanden sich genau sieben Spielautomaten, die einem sofort ins Auge stachen, da sie mit sehr grellen Farben bestrichen waren. Dieser
Teil der Bar war mit betrunkenen Leuten überfüllt, die darum rangen, endlich auch einmal an die Reihe zu kommen, um mit diesen in meiner Wahrnehmung nervtötenden Automaten zu spielen. Gedankenverloren notierte ich mir alles, ohne zu wissen, für was das noch gut sein sollte. Nach weiteren zehn Minuten dröhnte mein Kopf von dem ganzen Zigarettenrauch, dem grellen Licht und den quietschenden Geräuschen der Spielautomaten.

Ich ging nach draußen und atmete erleichtert ein. Eigentlich ist die Luft in New York nicht sehr gut, aber im Gegensatz zu der Luft in der Bar kam mir diese wie frische Landluft vor. Ich zog den Adresszettel aus meiner Tasche und stellte erleichtert fest, dass die nächste Bar nur fünf Minuten entfernt war. Als ich vor der Kneipe ankam, betrat ich auch diese sofort, wohl wissend, dass mein Kopf, der gerade aufgehört hatte zu pochen, gleich wieder anfangen würde zu schmerzen. Und als ich die Tür öffnete, schwebte mir auch schon eine große, stinkende Rauchwolke entgegen. Doch es half nichts, ich ließ mich auf den Stuhl neben der Tür gleiten, in der Hoffnung, dort etwas mehr frische Luft
abzubekommen. Nun sah ich mich auch hier genau um und skizzierte mir den Raum erneut. Aber diesmal verschwand ich schnellstmöglich aus der Bar, denn die klackernden Geräusche der Spielautomaten machten mich nervös und störten meine Konzentration. Nach diesem Schema suchte ich zehn weitere Kneipen auf. Erleichtert atmete ich
auf, als ich aus der letzten Bar trat. Schräg gegenüber erblickte ich ein Internet-Café. Mit schnellen Schritten ging ich darauf zu, taumelnd ließ ich mich vor einen Computer in einen klapprigen Holzstuhl fallen. Erschöpft zog ich den Zettel aus der Tasche, auf dem die Raumskizzen der Bars abgebildet waren.

Ich sah sie genau an, aber das hartnäckige Pochen meiner Schläfen hinderte mich daran, mich zu konzentrieren. Suchend ließ ich meinen Blick durch das Internet-Café gleiten, in der Hoffnung, eine Kellnerin zu entdecken. Dabei blieb mein Blick an einem Mann hängen, der wie gebannt auf einen Computer starrte. Ich sah noch einmal
genau hin und entdeckte, dass er so ähnliche Spiele spielte wie die Männer in den Bars. In dem Moment fragte mich eine ungewöhnlich hohe Frauenstimme: „Kann ich dir etwas bringen?“ Ich antworte nicht sofort, da ich immer noch auf den Mann an dem Computer fixiert war. Die Kellnerin bemerkte meinen Blick und sagte: „Oh, das ist Marc, er kommt hier jeden Tag her. Er ist spielsüchtig, kann es sich aber nicht leisten, auf echten Spielautomaten zu spielen, deswegen spielt er hier. Die Computerspiele sind zwar nicht das gleiche wie die Spielautomaten, aber es gibt ihm ein ähnliches Gefühl. Er ist eigentlich ganz harmlos, solange du ihm nicht den Stecker aus dem Computer ziehst.“ Dann fügte sie noch hinzu: „So geht es vielen New Yorkern. Also, was willst
du jetzt bestellen?“ „Ein Wasser, bitte!“, antwortete ich und blickte wieder zu dem Mann hinüber. Mir fiel sein Ausdruck auf, den seine Augen hatten. Schlagartig kamen mir die Erinnerungen an die Gäste in den Bars wieder hoch, an die Männer, die sich darum geprügelt hatten, auch endlich mal an den Automaten zu dürfen, an diesen Ausdruck von ungestilltem Durst, an diese Sucht, die die Abhängigen zu einem Sklaven ihres Verlangens machte, sodass sie nur noch wie durch einen Schleier sahen. Eine wahre Dia-Show von meinen Eindrücken in den
Kneipen mit den Spielautomaten lief vor meinem inneren Auge ab. „Stopp, Moment mal!“ Erst jetzt fiel mir etwas auf, ein entscheidendes Detail. Alle Bars hatten Spielautomaten! Zwar kam das in den New Yorker Kneipen häufig vor, aber es ist doch sehr seltsam, dass jede Bar, die ich aufgesucht hatte, einen Spielautomaten hatte, mindestens eine hätte ohne einen solchen sein müssen, außer … außer der Täter war auch spielsüchtig, einer, der, sobald er sein Geld verspielt hatte, an
neues kommen musste. Und nachdem er ein Opfer erfolgreich bestohlen hatte, konnte er sich sofort wieder seiner Sucht hingeben. Diese Erkenntnis traf mich wie ein Schlag und je mehr ich darüber nachdachte, ergab es immer mehr Sinn. Zwar war es nur eine Vermutung,
aber da ich keine weiteren Spuren hatte, musste ich dieser um jeden Preis nachgehen. Ein kurzer Anruf bei Mr. Robertson bestätigte mir, dass auch in den von ihm besuchten Kneipen Spielautomaten aufgestellt waren. Schnell schaltete ich den Computer an, aber es dauerte
eine halbe Ewigkeit, bis er hochgefahren war. Ungeduldig trommelte ich mit den Fingern auf den Tisch. Sobald der Computer hochgefahren war, öffnete ich Google und gab in die Suchleiste „Spielbars in der Bronx“ ein. Nach einer gefühlten Ewigkeit zeigte mir der Computer die Ergebnisse auf einer Karte an. Ich verglich diese mit meinen Adressen, an denen der Täter bereits zugeschlagen hatte. Im Stadtteil Bronx gab es nur noch zwei weitere Bars mit ein paar Spielautomaten. Eine davon war nur drei Blocks entfernt. Eifrig trank ich mein Wasser aus und legte einen Geldschein auf den Tresen. Danach machte ich mich schnell auf den Weg zu der Kneipe und sah auf meine Uhr. Es war bereits 22:00 Uhr abends. Bis jetzt wurde der Täter zwischen 21:00 Uhr und 24:00 Uhr aktiv, das hieße, dass ich genau zu seiner Tatzeit bei der Kneipe sein würde.

In der Zwischenzeit hatte sich die Dunkelheit über die Häuser New Yorks gelegt. Aber man brauchte keine Taschenlampe oder so etwas in der Art, denn die Lichter der Shops und Wohnungen spendeten genügend Licht. Schmunzelnd stellte ich fest, wie viel doch an dem
Spruch „New York schläft nie.“ dran war. Aus der Luft sah New York wahrscheinlich gerade wie eine überdimensionale Discokugel aus. Aber egal, wie sehr ich diese Stadt liebte, es ist doch unklug, sich nachts hier
alleine herumzutreiben. Vielleicht hätte ich doch Mr. Robertson über meinen Plan informieren sollen. Wenn man das, was ich vorhatte, überhaupt einen Plan nennen konnte. Ich hatte mir letztendlich nur überlegt, nach einem Mann Ausschau zu halten, der sich auffällig verhielt und Fremde auf einen Drink einlud. Die leuchtenden Reklameschilder warfen einen unheimlich flackernden Schatten meiner selbst auf die dreckige Straße und ich beschleunigte meine Schritte. Als ich
endlich bei der Bar ankam, setzte ich mich möglichst unauffällig an einen freien Tisch. „Jetzt muss ich einen kühlen Kopf bewahren.“ Langsam ließ ich meinen Blick durch den Raum schweifen und entdeckte elf allein sitzende Personen, die schon einiges an alkoholischen Getränken zu sich genommen haben mussten, denn es sah so aus, als würden sie jeden Moment vom Stuhl fallen. Diese Männer musste ich im Auge behalten, da der Täter, wenn er nur einen Funken Menschenverstand besaß, nie ein Opfer aussuchen würde, das sich in einer Gruppe aufhielt. Das wäre einfach zu riskant. Um unauffällig zu sein, bestellte ich mir einen Campari Soda und nippte langsam daran. Eine Stunde später wollte ich eigentlich schon gehen, als mir ein Mann auffiel, der in einer durchlöcherten Jeans mit einem verwaschenen schwarzen T-Shirt bei dem Barkeeper Whisky bestellte. Er hatte eine Hand zur Faust geballt und die andere in der Hosentasche stecken. Auf den ersten Blick sah er eher unauffällig aus, aber als ich genauer hinsah, fielen mir zwei Sachen auf. Die erste war, dass er zwei Gläser
Whisky bestellt hatte, obwohl er ohne Begleitung in die Kneipe gekommen war, und es sah so aus, als würde er mit der Faust etwas umklammern. Krampfhaft überlegte ich, was ich jetzt machen sollte. Die Kollegen von der Polizei zu alarmieren, das wäre zu früh, da ich keine
eindeutigen Beweise gegen ihn hatte. Jetzt blickte ich mich um und sah, wie einer der elf Männer ihn anstarrte – oder besser gesagt einen der Whiskys und diesen gierig mit seinen Augen verschlang. Kurz überlegte ich, ob ich den Mann warnen sollte. Aber er war so betrunken, dass er wahrscheinlich nichts mehr wahrgenommen hätte. Verdammt! Der Mann mit den zwei Whiskys war bereits bei dem anderen Mann angekommen. In den wenigen Sekunden, in denen ich auf sein Opfer geachtet hatte, hatte ich nicht mitbekommen, ob er nun K.-o.-Tropfen in das Getränk geschüttet hatte oder nicht. Angestrengt beobachtete
ich jede der Bewegungen der zwei. Gierig nahm der Mann einen großen Schluck Whisky, langsam zählte ich die Sekunden 1 … 2 … 3 … 4 … 5 … 6 … 7 … 8 … 9 … auf zehn sah ich, wie die Augenlider des Opfers zu flattern anfingen und sich die Augen seltsam nach der Seite verdrehten, sodass man nur noch das Weiße in den Augen sah. Dann gaben seine Augenlider den Kampf ganz auf und schlossen sich. Bei dem Anblick lief es mir kalt den Rücken hinunter und als ich dann noch ein zufriedenes Lächeln auf dem Gesicht des Täters erblickte, musste ich
mit aller Kraft gegen einen Würgereiz ankämpfen. Ich sah, wie der Täter mit einer geschmeidigen Bewegung aufstand, blitzschnell seine rechte Hand hervorschießen ließ und aus der Tasche des Mannes einen braunen Geldbeutel zog. Dann steckte er diesen in seine eigene Tasche. Ich hatte genug gesehen! Ich angelte mir mein Handy und wählte die Nummer von Robertson. Nach einer Sekunde ertönte die mir bekannte monotone Männerstimme, die fragte, was los sei. Schnell gab ich ihm Bescheid, dass ich den Täter der K.-o.-Tropfen beobachtet hatte. Daraufhin befahl er mir, dass ich Ruhe bewahren sollte und dass er mit Verstärkung gleich vor Ort sei, solange müsse ich den Täter noch aufhalten oder ablenken.

Sofort durchforstete ich mein Gehirn hektisch nach brauchbaren Ideen. Da fiel mir etwas ein, was mein damaliger Ausbilder immer gesagt hatte. „Macht die Schwächen eures Gegners zu euren Stärken“, und die Schwäche des Täters war seine Spielsucht. Schnell zog ich drei Geldscheine aus meinem Geldbeutel und ging zu ihm hin. Ich holte tief Luft und sprach ihn an: „Hey, du! Wie wär’s, wenn du mir mal zeigst, wie man mit diesen Automaten umgeht!“ Der Täter starrte mich
verwirrt an. Da musste ich wohl noch einen drauflegen: „Komm schon, ich lade dich auf drei Runden Flipper ein. Ich habe gehört, dass hier jemand einen Highscore aufgestellt hat, den bis jetzt niemand gebrochen hat. Ich wette, du schaffst es auch nicht.“ Jetzt sah ich in seinen Augen einen Kampf. Einen Kampf zwischen seiner Sucht, seinem großen Verlangen, und der Vernunft, seinem Menschenverstand, der ihn davor warnte, dass hier etwas nicht stimmte. Sein Gesicht spiegelte diese verschiedenen Gefühle wider und eine Welle von Mitleid drohte mich zu übermannen, sodass ich mir schnell wieder ins Gedächtnis rufen musste, dass ich einen Verbrecher vor mir stehen hatte. Ich sah, dass er kurz davor war nachzugeben, er brauchte nur noch einen kleinen Stoß. Ich wedelte mit den Geldscheinen vor seinem Gesicht herum. „Gib her!“, stieß er hervor, griff nach dem Geld und schubste mich brutal zu Seite. Während er spielte, sah er unglaublich euphorisch aus, so wie ein Kind an Weihnachten. Gerade als ich auf die Uhr sehen wollte, wurde die Tür zur Bar aufgestoßen und mehrere schwer
bewaffnete Polizisten stürmten herein. Schnell griff ich nach der Hand des Täters und drehte sie ihm auf den Rücken und sagte meinen Lieblingssatz bei der Polizei: „Sie sind verhaftet wegen gefährlicher Körperverletzung
und Diebstahl. Ich setze Sie hiermit in Kenntnis, dass alles, was Sie ab jetzt sagen, vor Gericht gegen Sie verwendet werden kann!“

„Eins muss man Ihnen lassen, Miss Johnson“, wandte sich Mr. Robertson an mich, der unter den Polizisten war, während dem Täter die Handschellen angelegt wurden. „Ihren Ruf als scharfsinnigste Kommissarin haben Sie sich zu Recht verdient!“

Sophie Anker hat den zweiten Preis in der Altersgruppe der 11- bis 12-Jährigen gewonnen.