LARA

Protokoll vom 20.4.2015

Dein Name?

Merle Resmaier.

Du bist auch in Laras Klasse?

Ja, 10a, Vicky Lu; äh – ich meine Victoria-Luise-Gymnasium.

Kanntest du Lara gut?

Geht so; sie war ja erst seit November bei uns.

Warum eigentlich seit November?

Sie und ihre Eltern sind dann hierher gezogen; ich glaube, aus Berlin.

War Lara beliebt?

Ja, schon, wie alle eben.

Ist das nicht schwierig, alles nur Mädchen in einer Klasse?

Wieso?

Na, ich meine, so eine Art Zickenkrieg?

Nö, eigentlich nicht. Jeder hat ja seine Freundinnen;
das ist okay.

Und wer sind deine Freundinnen?

Lea und Michelle.

Lara also nicht?

Nö; die war mal im Dezember für zwei oder drei
Wochen in unserer Clique, dann aber nicht mehr.

Was ist denn vorgestern genau passiert?

Na ja, wir sind halt von St. Ottilien zu Fuß zum
Bahnhof gegangen; unsere Koffer waren schon mit dem
Bus weg, und da hat Lara eben ihren Asthmaanfall
gehabt.

Weißt du, warum das passiert ist?

Wir waren schon echt spät dran; den Zug hätten wir nur
noch bekommen, wenn wir richtig schnell gegangen
wären. Außerdem haben ein paar sehr getrödelt und die
Lehrerinnen sind an jeder Blume stehengeblieben, um
sie zu bestimmen.

Und das hat Lara aufgeregt?

Ja, sie hatte noch was vor; war mit irgendwem verabredet
und hätte es nur gut geschafft, wenn wir den richtigen Zug gekriegt hätten. Und als sie dann noch gestolpert und hingefallen ist und ganz staubig war, fiel ihr ein, dass sie sich vor ihrer Verabredung nicht mal mehr umziehen konnte; da ist sie ausgerastet. Dann kam der Asthmaanfall. Wenn sie ihr Spray im Rucksack gehabt hätte, wäre nichts passiert. Eigentlich hatte sie das immer dabei, diesmal aber eben nicht, und als sie das gemerkt hat, hat sie sich noch mehr aufgeregt. Wir waren auch alle ganz aufgeregt, aber keiner konnte helfen; wir hatten ja alle kein Spray. Und dass das so ausgehen könnte, hatte auch keiner gedacht; es war schrecklich!

Okay, vielen Dank. Du kannst gehen. Das ist dasselbe, was die anderen aus der Klasse erzählen. Offenbar ein tragischer Unfall.

Unfall mit Todesfolge, 20.4.2015, gez. Brandstetter, Kommissar

Schweißgebadet schrecke ich wieder mal auf. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal richtig durchgeschlafen habe. Egal, was ich tue, ich komme nicht mehr zur Ruhe. Ich hätte nicht gedacht, dass das alles so endet – was heißt endet; ich glaube, es hat noch nicht mal richtig angefangen. Und dann liege ich da – mein Herz rast und ich denke immer wieder dasselbe. Wie konnte es nur so weit kommen?

Im November kam Lara zu uns in die Klasse. Sie sah toll aus, so dünn, so blonde Locken und so teure Klamotten. Alle waren gleich ein bisschen neidisch; trotzdem wollten alle mit ihr reden und sich mit ihr anfreunden. Auch die Lehrer mochten Lara. Ich glaube, Lehrer mögen gut aussehende Schüler immer lieber als hässliche, aber sie dürfen es natürlich nicht sagen. Die ersten paar Wochen lief alles ganz gut. Lara war so nett und auch hilfsbereit; alle mochten sie. Ich weiß nicht, wann es sich änderte, aber spätestens Anfang des Jahres hatten es alle gemerkt. Lara sagte eigentlich noch immer nette Dinge; sie waren bloß nicht nett gemeint. Spätestens, wenn sie einen begrüßte mit: „Merle, hast du abgenommen?“, wusste man, dass der Tag hinüber war. Oder: „Nein, was hast du für süße Schuhe an!“ – Das war ein Zeichen, dass diese Schuhe wirklich völlig out sind und am besten entsorgt werden sollten.

Das Gute war, dass sie alle aus der Klasse gleich behandelte; es gab keine Ausnahmen. Deshalb waren wir uns auch alle schnell einig, dass wir selten eine so blöde Kuh gesehen hatten. Und dann noch ihr Asthma, mit dem sie immer alles entschuldigte! Fast jedes Mal saß sie beim Sport nur auf der Bank, weil die Anstrengung ja zu viel für sie gewesen wäre, und hatte so jeden im Blick. Sport ist sowieso schon ätzend, aber wenn jemand dabei zusieht und nur darauf wartet, dass man entweder blöd aussieht der etwas nicht kann, wird es ungleich schlimmer.

Dann kam das Referat in Bio, das wir zu viert ausarbeiten sollten. Natürlich wurde Lara uns zugeteilt; ich hatte es geahnt. Lea, Michelle und ich sind dann nachmittags zu Lara nach Hause, um die Aufgaben zu verteilen. Ihre Wohnung war klasse, viel größer als unsere. Sogar ihre Eltern sahen gut aus! Es war so was von ätzend! Na ja, irgendwie haben wir auch das überstanden. Am Referat hat Lara natürlich gar nichts vorbereitet, aber wir mussten sie beim Vortrag ja auch was sagen lassen. Dass sie das konnte, war so was von klar! Wir haben zwar alle zusammen eine Eins darauf gekriegt, aber der dämliche Lehrer hat natürlich immer nur ihren Beitrag gelobt. Es war so ungerecht!

Und dann St. Ottilien. Ich weiß nicht, warum wir die dumme
Nuss schon wieder für unser Zimmer zugeteilt bekamen, aber so war es. Sie bekam natürlich das beste Bett, den meisten Platz im Schrank und hatte eh nur ihre Nobelklamotten dabei. Wir anderen drei hatten uns extra noch neue Schlafanzüge gekauft, damit der Vergleich nicht zu peinlich wurde! Die ganze Klassenfahrt war eine einzige Tortur. Man hatte auch überhaupt keine Möglichkeit zu entkommen. Ich habe einfach nur die Minuten runtergezählt, bis das Ganze endlich vorbei war.

Als wir uns dann mit unseren Koffern unten in der Halle treffen sollten, hatte Lara noch fast gar nichts eingepackt. Und wir sollten ihr helfen! Ich bin fast ausgetickt, aber sonst wären wir wohl gar nicht weggekommen. Also mussten Lea, Michelle und ich wohl oder übel noch ihre Sachen in den Koffer tun – oh ne! Dann wurden die Koffer in den Kleinbus geladen, damit der Fahrer sie zum Bahnhof fahren konnte, und wir sollten zu Fuß gehen. Das war klar, wir sind ja auch schon vom Bahnhof zum Kloster hin gewandert. Aber Lara hat natürlich wieder mal gemotzt – und wir konnten es nicht schon wieder ertragen!
Also sind wir los und die ganze Zeit erzählte sie von dem „süßen Jungen“, mit dem sie sich um fünf Uhr treffen wollte, und dass sie das ja nicht mehr schaffen könnte. Und dabei war es ja ihre Schuld, dass wir nicht losgekommen waren. Aber nein, das konnte sie natürlich
nicht zugeben und jammerte die ganze Zeit weiter. Ich war nicht die Einzige, die das genervt hat; alle hatten die Nase voll davon! Irgendwer – ich glaube, es war Tabea, vielleicht auch Julia – hat sie dann geschubst und gesagt, sie soll sich mal zusammenreißen. Natürlich ist sie gleich
hingefallen und war dann von oben bis unten schmutzig. Victoria fragte noch, ob das da ein Loch in ihrer Designer-Jeans sei. Da hat sie sich so aufgeregt, dass sie schon anfing, nach Luft zu schnappen. Dann suchte sie in ihrem Rucksack nach dem Asthma-Spray, aber sie konnte es nicht finden. Lea, Michelle und ich blinzelten uns schon wissend zu und freuten uns, dass die blöde Kuh endlich auch mal Pech hatte.
Dass das Asthma-Spray fehlte, gab Lara dann den Rest. Sie wälzte sich auf dem Boden und lief rot-blau an. Zuerst dachten wir noch, das ist wieder eine ihrer Shows, aber dann merkten wir, dass sie wirklich keine Luft bekam! Da überkam mich schon ein leises Grauen, aber ich dachte immer noch, dass es nicht so schlimm werden könnte. Die
Lehrerinnen versuchten, den Notarzt anzurufen, aber in der Einöde ist natürlich kein Netz, deshalb ging das auch nicht. Wir sahen also alle zusammen zu, wie Lara starb. Ich weiß nicht, wie ich diese grauenvollen Minuten überstanden habe. Mir war, als wären es Stunden; alle aus
der Klasse waren fast hysterisch. Ich weiß nicht mehr, wie wir dann alle nach Hause gekommen sind – ich habe wirklich gar keine Erinnerung mehr daran.

In der Schule kam dann eine blöde Psychotherapeutin, die mit der ganzen Klasse geredet hat – als wenn das was nützte! Laras Eltern wollten unbedingt, dass die Polizei den Fall untersuchte, aber keine aus der Klasse hat gesagt, dass wir Lara alle nicht leiden konnten; auch Lea
und Michelle haben dichtgehalten. Es war ein Unfall …

Trotzdem, ich weiß natürlich, dass ich es war. Weil ich in St. Ottilien so richtig sauer war, habe ich das Asthmaspray aus Laras Rucksack genommen und dann in ihren Koffer getan. Lea und Michelle haben es gesehen und die Daumen zustimmend hochgereckt. Wir waren gleich ein bisschen besser drauf, damals. Nach der Polizeiermittlung
war ich anfangs auch noch erleichtert, dass sie es nicht herausgefunden hatten. Aber ich weiß nicht, ob ich das weiter aushalte! Ich kann an nichts anderes mehr denken – nicht, wenn ich wach bin, und offenbar auch nicht, wenn ich schlafe! Alles dreht sich nur noch um Lara. Es ist
schlimmer als damals, als sie noch gelebt hat.
So kann es nicht weitergehen. Ich greife zum Telefon und wähle die Nummer der Polizei. „Mein Name ist Merle Resmaier. Kann ich bitte Kommissar Brandstetter sprechen? Ich muss ihm etwas erzählen.“

Katharina Döhler hat den ersten Preis in der Altersgruppe der 13- bis 14-Jährigen gewonnen.