I’ VERRAT IHNEN WAS

Kriminalkommissar Frank Balke nippte an seinem extra starken Kaffee, als er bei der Gruppe Schaulustiger ankam. „Hey, aus dem Weg da, haben Sie denn nichts Besseres zu tun, als hier rumzustehen?“, schimpfte er und schob ein paar Leute zur Seite. Frank Balke war schon seit fast zwölf Jahren bei der Mordkommission und hasste es jedes Mal, wenn sich die Menschen wie Aasgeier auf einen Mord stürzten. Es war doch schon fast vier Uhr morgens, wie schafften es die Leute eigentlich immer, so schnell aufzutauchen? Dass die Leiche ausgerechnet neben
dem hiesigen Asylantenheim gefunden wurde, machte die Sache auch nicht besser. Er drückte seinen Kaffee einem Mann in die Hand und tauchte unter der Absperrung durch, den verwunderten Blick sah er gar nicht mehr.

Am Tatort befanden sich bereits die Spurensicherung und sein Kollege Robert. Robert blickte nervös zu den Schaulustigen, er war erst seit einem knappen Jahr bei der Mordkommission und war vieles noch nicht gewöhnt – wie so oft fragte sich Balke, wie der schreckhafte
Robert es eigentlich in die Mordkommission geschafft hatte. „Also Robert, wie sieht’s aus?“ Sofort wandte dieser etwas schuldbewusst den Blick von den Schaulustigen ab und holte seinen Notizblock heraus. „Ähm … also vorhin ging ein Anruf bei der Polizei ein … ein Zeuge hatte einen Flüchtling bei dem Opfer, Mattias Kreit, gesehen. Kreit hat eine Schusswunde in der Brust. Laut dem Gerichtsmediziner ist er seit ungefähr zwei bis vier Stunden tot, was zur Aussage vom Zeugen passen würde. Der Zeuge war Christian Schulz. Er meinte, er sei in der Nähe spazieren gegangen, als er einen Schuss hörte, danach sei er sofort hierher gelaufen. Nach dem Flüchtling wird bereits gesucht, es handelt sich höchstwahrscheinlich um Yasin Esmail. Er hatte auch die Pistole in der Hand. Ließ sie allerdings fallen, nachdem er Schulz erblickte.
Wir haben seinen Namen durch seinen Asylantrag bekommen, da muss man ja auch die Fingerabdrücke angeben.“ Nachdenklich schaute Kommissar Balke den Männern von der Spurensicherung zu, wie sie eine Plane über den Toten legten. Er konnte nur noch den vom Regen ausgewaschenen
Blutfleck des Mannes sehen, bevor die Plane ihn zudeckte.

Der Fall war interessant: Mattias Kreit besaß eine lokale Kneipe und war ein bekannter Rechtsextremer. Er hatte die meisten AntiAsylantenheim-Proteste geleitet, und Christian Schulz war ein Kandidat für die anstehende Bürgermeisterwahl. Schulz hatte auch große Teile des Asylantenheimes finanziert. Grübelnd kratzte sich Balke an seinem Kopf. Hatte dieser Yasin sich vielleicht rächen wollen?

„Ich will erst noch einmal mit diesem Schulz reden. Ist er noch da?“ „Beim Polizeiwagen da drüben.“
Christian Schulz war ein sportlicher Mann Mitte dreißig. Er hatte ein gewisses Maß an Bekanntheit erreicht, nachdem er einen Anschlag auf das Asylantenheim verhindert hatte. Im Moment starrte er jedoch nur mit verschränkten Armen auf seine Schuhspitzen.

„Tach, mein Name ist Kommissar Schulz. Sie haben also die Leiche gefunden und den möglichen Täter?“
Erschrocken fuhr Schulz auf, fasste sich jedoch sogleich wieder und nickte. „Ja … ja, das bin ich. Aber ich habe ihrem Kollegen doch bereits alles erzählt und ich warte hier jetzt schon seit einer Ewigkeit, kann ich nach diesem Gespräch endlich gehen?“

„Natürlich. Aber erzählen Sie mir doch bitte noch einmal alles, ich würde es gerne aus erster Hand hören.“ Der Mann seufzte, fing dann jedoch an zu erzählen: „Also, ich habe um circa halb zwei einen Spaziergang gemacht, weil ich einfach nicht schlafen konnte. Vermutlich
einfach die Nervosität vor der Wahl … Plötzlich hörte ich einen Schuss aus Richtung des Asylantenheimes. Ich habe mir Sorgen gemacht, dass es sich womöglich um einen zweiten Angriff auf das Heim handeln könnte, nachdem der Polizeischutz aufgrund der Kosten abgezogen werden musste. Das muss so um Viertel vor zwei gewesen sein … es hat gerade geregnet. Als ich also beim Heim ankomme, sehe ich den armen Matthias und eine Gestalt, die abhaut. Ich dachte erst gar nicht, dass er tot ist, habe aber natürlich gleich die Polizei gerufen.“ „Verstehe.
Falls was sein sollte, werden wir uns wieder bei Ihnen melden.“

Als Schulz unter dem Band durchtauchte, beäugten ihn die
Schaulustigen neugierig und begannen sofort, ihm Fragen zu stellen. Einer zückte sogar sein Handy, um ein Foto zu schießen, ließ es jedoch sein, nachdem Balke ihn wütend anbellte. Entnervt wollte der Kommissar zurück zu seinem Partner gehen. Als er jedoch sah, dass dieser mit ein paar anderen Polizisten zusammen versuchte, die Schaulustigen und die inzwischen angerückten Journalisten abzuwimmeln, ging er lieber zum Asylantenheim. Inzwischen waren die Lichter angegangen,
und er konnte an den Fenstern die Einwohner sehen, die ihn besorgt beobachteten. Er winkte und rief: „Spricht wer deutsch?“ Keine Antwort, sie blickten sich nur besorgt an. „Does someone speak English or German? I’m from police.“
Ein junger Mann hob die Hand: „A bit.“

„Yeah, me too. My English ist … äh is not so good. Can I ask you something? Can you come out?“ Der junge Mann zögerte, verschwand dann allerdings und trat kurz darauf aus der Tür. Balke kam ein wenig näher, merkte jedoch, dass der junge Mann sich nicht wohl-fühlte, und blieb stehen.
„My name is Frank Balke, and your name?“

„Habib.“

„Hi, Habib. Do you know who Yasin is?“

„Sure, he is my friend. What happened?“

Balke zögerte, fuhr dann jedoch fort: „We are searching for him. He maybe knows something about a murder. When did he leave?“

Der junge Mann wurde aschfahl und seine Augen weiteten sich, jedoch fasste er sich schnell wieder und ballte die Fäuste. „Yasin would never do that!“

„Don’t worry we are only …“

„You always blame us! We are just escaping! Why do you always have to blame us? He would never do anything like that!“
Plötzlich drehte sich der Mann um, rannte die Stufen zur Türe hinauf und knallte die Tür zu. Fluchend drehte sich Balke um und ging zurück zum Tatort.
„Hey Nord, organisieren Sie einen Übersetzer und befragen Sie die Asylanten.“

Am nächsten Tag befanden sich Balke und sein Partner auf
dem Polizeirevier und wollten eigentlich gerade die zusammengetragenen Beweise und Befragungen durchgehen, als eine Durchsage ertönte: „Beim Asylantenheim gibt es eine unangemeldete Demo, wir brauchen dort sofort Verstärkung!“ Sie ließen alles stehen und liegen und
fuhren mit. Vor Ort war eine Gruppe von etwa zwanzig Leuten versammelt, die Steine und brennende Hölzer auf das Asylantenheim warfen. Die vier Polizisten vor Ort konnten sie kaum im Zaum halten. Sofort machte sich das angerückte Kommando daran, die Leute zurückzudrängen,
die wütend aufschrien.

„Schick ein paar Leute auf die andere Seite des Hauses!“

„Was, i’?“ Nord wandte sich zu Balke, doch der war bereits dem Einsatzteam gefolgt und zum Heim durchgedrungen. Als Balke an der Tür ankam, musste er sich ducken, um einem Stein auszuweichen. Er hämmerte an die Tür, bis ein Mann mit vor Panik verzerrtem Gesicht
öffnete. Der Kommissar schob sich an ihm vorbei in den Gang, in dem sich alle Einwohner versammelt hatten. Angsterfüllt starrten sie ihn an, man konnte den Lärm von draußen immer noch hören. Er winkte und zeigte auf die andere Seite des Hauses: „Ihr müsst aus den Fenstern und dann über die Feuertreppe das Haus verlassen!“ Erst rührte sich keiner, doch dann stand Habib auf: „But Mr. Schulz told us to stay here.“

„Is’ mir egal,“ rief Balke, „they’re throwing burning things. Get out here!“

Habib zögerte, wandte sich dann allerdings den anderen Leuten zu und sagte etwas in einer Sprache, die Frank nicht verstand. Sie standen sehr zögerlich auf und musterten Habib und den Kommissar skeptisch. Doch als plötzlich ein Fenster zerbarst, liefen alle los. Frank kletterte als Letztes aus dem Fenster, rutschte auf der nassen Feuertreppe aus und landete plump auf seinem Hintern.

Robert, ein Team Einsatzkräfte und eine Frau warteten bereits im Hinterhof auf sie und führten dann die Leute sofort weg. Nur Habib blieb unsicher stehen und drehte sich zu Balke. Er fühlte sich sichtlich unwohl und hatte sich schon wieder halb umgedreht, als er etwas sagte:
„After the rain.“ Dann verschwand er mit den anderen.

Die Frau und Robert, mit einem breiten Grinsen, kamen auf Frank zu. „Keine Sorge, die werden in das Café von Frau von Oeveste gebracht“, erklärte Robert dem Kommissar, der der Gruppe verblüfft hinterher schaute. Die Frau lachte und sagte: „Ach, Robert, ich sagte
doch bereits, nennen Sie mich Isabelle.“ Der hochrote Robert setzte bereits zu einer Antwort an, doch Balke war schneller.

„Aha, und warum?“ „Naja, ich habe den Tumult gesehen und
dachte mir schon, dass die Flüchtlinge schlecht hierbleiben können. Aber …“, Robert wurde von den anrückenden Sirenen unterbrochen, „lassen Sie uns das doch woanders besprechen.“

Eine halbe Stunde später saßen Frank Balke und sein Partner im leeren Café von Isabelle von Oeveste, Balke mit einem schwarzen Kaffee und Robert mit einem Stück Himbeertorte. Die Flüchtlinge wurden bereits zurückgebracht und einige Aufwiegler wurden verhaftet
oder die Personalien erfasst. Wie sich herausstellte, waren es Freunde des Toten gewesen, die Rache für seinen Tod nehmen wollten. Die meisten waren auch schon am ersten Angriff auf das Heim beteiligt gewesen. Im Hintergrund lief ein Radio, in dem gerade ein Interview mit Christian Schulz gesendet wurde: „Es ist nachvollziehbar, dass die Hinterbliebenen Rache wollten, aber es ist nicht in Ordnung, einfach das Flüchtlingsheim anzugreifen! Nur weil ein Flüchtling kriminell war, kann man das nicht einfach auf alle anderen übertragen …“ Balke verzog die Stirn und Nord verschluckte sich fast, als Isabelle van Oeveste auf sie zukam. Ihr folgte ein junger Mann, der die Kapuze seines Pullovers tief in die Stirn gezogen hatte. Seine Hand hatte er fest um etwas verschlossen. Robert wurde aschfahl und van Oevestes bis dahin immer lächelndes Gesicht war angespannt, doch Balke grinste: „Yasin.“

„Das können Sie nicht machen! Wo sind denn überhaupt Ihre Beweise?”, rief Christian Schulz entrüstet, als Nord ihm Handschellen anlegte. Sie befanden sich vor seiner Wohnung und die Nachbarn schauten bereits neugierig. Doch Balke war die Ruhe in Person. „Das mit dem Wetter ist immer so eine Sache … nicht wahr? Nur weil es hier regnet, heißt das nicht, dass es vorne um die Ecke auch regnet. Sie meinten, es regnete, als Sie den toten Kreit auffanden. Doch laut der Café-Besitzerin gegenüber des Tatortes und den anderen Flüchtlingen hörte es bereits viel früher auf zu regnen.“
„Aber das ist doch kein Beweis!“ Schulz war puterrot angelaufen, doch der Kommissar fuhr unbeirrt fort: „Nein, das nicht. Aber soll i’ Ihnen was verraten? Die gefundene iWatch des Toten mit Ihren Nachrichten schon. Nicht zu vergessen die Geldsumme, die bei Ihnen abgehoben und kurz darauf bei Kreit gefunden wurde. Ich kann mir denken, dass Sie ihn bestochen haben, was? Um die Proteste anzuzetteln, damit Sie dann als der Ritter in schimmernder Rüstung dastehen, der alle rettet. Aber er wollte mehr, nicht wahr? Deshalb haben Sie ihn
umgebracht. Die Waffe haben Sie dagelassen, das Handy haben Sie auch an sich genommen, doch die iWatch haben Sie vergessen! Also sind Sie zurück, um sie zu holen, aber Yasin war schneller. Und Frau von Oeveste versteckte ihn. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Yasin so etwas tun würde, weil sie ihn vom Helferkreis kannte. Tja … das mit der Bürgermeisterwahl wird jetzt wohl nichts mehr.“ Schulz war mit jedem Wort blasser und blasser geworden. Als er zum Polizeiauto geführt wurde, war er kreidebleich und sah etwas krank aus. Von der
anfänglichen Wut war nichts mehr zu sehen. Balke schüttelte nur den Kopf und seufzte: „Mensch Robert, gut, dass wir den Kerl gekriegt haben, bevor er womöglich Bürgermeister geworden wäre. Wie sieht’s aus, hast du jetzt schon ein Rendezvous mit Frau von Oeveste?“ Über Roberts hochroten Gesichtsausdruck und sein Gestammel musste Frank Balke innerlich grinsen.

Evelyn Braun hat den zweiten Preis in der Altersgruppe der 13- bis 14-Jährigen gewonnen.