Gelesen haben die Anfänge der Gewinnerkrimis: Katja Schild, Bayerischer Rundfunk Christopher Mann, Bayerischer Rundfunk

Die Knochenjäger

Es war ein schöner Sonnenaufgang im Osten von Köln. Es war Sommer, die Luft war schon warm und wie immer warteten viele Touristen vor dem Kölner Dom, um als erste morgens um 6 Uhr eintreten zu können. Als sich die Türen öffneten, strömten Besucher aus aller Herrenländer in das Innere der Kathedrale.

Pater Colonio, der die Türen des Doms öffnete, ging- wie an jedem Tag- den Mittelgang entlang und entfernte die roten Kordeln, die nachts als Absperrungen den Durchgang abriegelten. Heute Morgen war er besonders gut gelaunt, denn es war sein 85. Geburtstag.

Er ging entlang bis zum blauen Teppich, der hoch zum Altar führt. Anschließend schritt er am Altar vorbei, zum Dreikönigenschrein, dem Heiligtum des Kölner Doms- nicht ohne sich am Altar zu verneigen und sich zu bekreuzigen. Der Dreikönigenschrein gilt als das größte und schönste Reliquie, das aus dem Mittelalter erhalten ist und dient der Aufbewahrung der Knochen der Heiligen Drei Könige.

Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen. Seine Beine begannen zu zittern. Mit aufgerissenen Augen starrte er in den leeren, aufgebrochenen Schrein. Daneben lag der schwer verletzte Organist Justus. Justus war blutüberströmt und röchelte nur noch schwach. “Justus, Sie Armer! Bleiben Sie ganz ruhig liegen, ich hole sofort Hilfe!” Pater Colonio griff nach seinem Handy und alarmierte die Polizei und den Rettungsdienst. Danach kümmerte er sich um den blutenden Justus und versorgte seine Kopfverletzung.

Schnell stürmten mehrere Polizei- und Kriminalbeamte in die Kathedrale. Sie sorgten dafür, dass alle Touristen den Dom verließen und der Tatort abgesperrt wurde. Inzwischen waren auch der Kardinal und seine Berater eingetroffen. In ihren Gesichtern war das blanke Entsetzen zu erkennen. “Wer hat den Tatort zuerst betreten?”, rief eine dunkle, laute Stimme in die noch verbliebene Menge. Es war der Kriminalhauptkommissar Willi Wunderlich- kurz Mord-Willi von seinen Kollegen genannt. Willi war immer dort, wo es gefährlich und tödlich war. Er war seit 30 Jahren bei der Kriminalpolizei und hat in Köln schon alles gesehen, was man in diesem Beruf sehen kann. Aber dieser Fall- da war er sich jetzt schon sicher- wird in die Geschichte der Domstadt eingehen. Denn das was er hier vorfand, war schlimmer als alles, was er bisher erlebt hatte. Die Gebeine der Heiligen Drei Könige sind entwendet worden- einfach nicht mehr da. Keine Alarmanlage hat sich gemeldet, kein Signal ging bei der Polizei ein und bisher kein Zeuge, der weiterhelfen kann. Willi war etwas verzweifelt und blickte zu den noch anwesenden Leuten. “Ich”, antwortete Pater Colonio. “Ich bin heute Morgen wie immer nach Öffnen des Hauptportals am Domschrein vorbei und habe den geöffneten Schrein bemerkt und unseren lieben Organisten Justus blutend auf dem Boden liegend gefunden.” “Mein Name ist Wunderlich Willi Wunderlich”, stellte sich Mord-Willi dem Pater vor. “Um welche Uhrzeit haben Sie die Tat bemerkt?”, wollte er wissen. “Es muss so 5 Minuten nach 6 Uhr gewesen sein. Immer um Punkt 6 öffne ich die Türen des Hauptportals und gehe danach zum Altar und zum Domschrein.” “Wie kann es denn sein, dass kein Alarm ausgelöst wurde?”, fragte Willi und wusste schon,dass ihm Pater Colonio darauf jetzt sicher keine Antwort geben konnte. “Mein Herr”, antwortete Pater Colonio, “das kann ich beim besten Willen nicht beantworten. Aber seltsam ist das schon, wenn man weiß, dass dieser Schatz wie die Kronjuwelen in London gesichert wurde.” Pater Colonio seufzte, als hätte ihn der liebe Gott auf eine harte Probe gestellt, von der er nicht wusste, wie er sie jemals bestehen soll. Ein Geburtstagsgeschenk war es sicherlich nicht.

“Simon, Du gehst in die Klinik und versuchst ein paar Aussagen von unserem möglicherweise einzigen Zeugen, dem Organisten zu bekommen”, befahl Willi seinem Assistenten. “Pater Colonio, wir werden uns kurz zurückziehen und Sie erzählen mir alles, was Sie wissen. Wir machen uns jetzt alle an die Arbeit”, erklärte Wunderlich. Während sich Willi und Pater Colonio in die Sakristei zurückzogen, machten sich die Kollegen von der Spurensicherung an die Arbeit.

Die Sakristei ist ein ganz besonderer Raum. Was die wenigsten wissen: Hier ist die Schaltzentrale der Kathedrale. Mit den kleinen Bildschirmen kann der ganze Dom überwacht werden. Pater Colonio kann von hier aus die Gottesdienste mitverfolgen und sehen, was passiert. An den Wänden hängen die Bilder früherer Erzbischöfe von Köln. In den Schränken rundherum werden alle Geräte und Gewänder aufbewahrt, die zum Gottesdienst im Dom gebraucht werden.

Eine Schublade war geöffnet und fiel Willi sofort ins Auge.“Das ist der Chormantel der kostbaren “Ciementina”. Das sind Gewänder, die sich der Erzbischof Clemens August vor mehr als 250 Jahren anfertigen ließ”, erklärte Pater Colonio. “Die Gewänder sind unglaublich wertvoll.” “Wie wertvoll denn?”, wollte Willi wissen.” Das kann keiner genau schätzen, aber ich kann ihnen nur sagen, dass sie unbezahlbar sind, weil sie einzigartig sind.” Erst jetzt bemerkte Pater Colonio, dass weder die Monitore, noch die Schaltschränke, mit denen Pater Colonio alle Lampen im Dom ein- und ausschalten konnte, ohne Strom waren. Damit war klar: Irgendjemand hat die zentrale Stromversorgung des Doms ausgeschaltet.

“Ich glaube,ich weiß warum die Alarmanlage nicht angesprungen ist”, stammelte Pater Colonio. “Wie bitte?”, fragte Willi ein wenig verwundert. “Es ist so”, sagte der Pater, der inzwischen längst vergessen hatte, dass er heute eigentlich Geburtstag hat, “ich gehe davon aus, dass jemand die zentrale Stromversorgung ausgeschaltet hat und dadurch der Domschrein ungeschützt war”. Willi stutzte nicht schlecht, als er die Worte des Paters hörte. “Aber das geht doch eigentlich nicht”, argumentierte er. “Ja, da haben Sie recht- und trotzdem in Teufels Namen hat es jemand geschafft. Sehen Sie hier- nichts geht mehr.” Er zeigte auf die schwarzen Monitore und die Schalttafeln in der rechten Ecke der Sakristei… Alles tot. Jetzt könnten noch nicht einmal die Domglocken oben im Turm geläutet werden.” Pater Colonio begriff erst jetzt, was geschehen war.

“Nicht schlecht- das waren wohl ganz fitte Kerle. Die wussten genau, was sie wollten. Die Kutten hier waren aber anscheinend nicht auf ihrer Liste. Ich muss wissen, wann die Videomonitore die letzten Bilder aufgezeichnet haben. Dann kann ich die Tatzeit ermitteln.”

Während Pater Colonio mehrere Techniker hinzu rief, war Sirnon in der Uni-Klinik und suchte den wohl einzigen Zeugen des ungeheuerlichen Verbrechens. “Den können sie jetzt nischt spreschen”, antwortete eine Damen in schönem, kölschen Dialekt,den Sirnon nur allzu gut kannte. “Liebe Dame, bei mir können Sie gerne eine Ausnahme machen. Ich bin von der Kriminalpolizei.” “Ja, wenn dat so is, da will isch nischts jesagt have.” Sie lächelte ihn an und zeigte ihm den Weg zum Zimmer des Patienten. Eigentlich war es schon von weitem gut zu erkennen, denn dort bewachten zwei Polizisten den Zugang zum Raum. Sirnon zeigte kurz seinen Polizeiausweis und ging an seinen Kollegen vorbei in das Einzelzimmer, in dem der Organist Justus lag und schlief.

Justus öffnete die Augen, als die Tür hinter Sirnon laut zufiel. “Entschuldigen Sie, aber ich bin in Eile”, sagte Sirnon etwas unsicher. “,Ich wollte Sie nicht aufwecken.” “,st schon gut”, sagte Justus noch etwas schwach. “Wer sind Sie?”, frage er. “Mein Name ist Simon, Sirnon Becker.” Ich wollte Ihnen ein paar Fragen stellen­ natürlich nur wenn Sie können”, versprach Simon. “Ich will es versuchen”, willigte Justus ein. Sirnon stellte seine Fragen und Justus gab ohne Zögern Auskunft. Justus schilderte dem Kommissar, wie er eigentlich spät abends schon mit den Proben für den nächsten Gottesdienst fertig war und sich noch um ein defektes Pedal seiner Orgel kümmerte. Als er noch mit der Reparatur beschäftigt war und unten auf den Pedalen kniete, ging auf einmal das licht aus. Es war nur noch der helle Schein des gegenüberliegenden Bahnhofs zu erkennen. Das hatte er noch nie erlebt. Und plötzlich, als er auf der Suche nach seiner Taschenlampe war, hörte er einen lauten Knall, der durch den ganzen Dom hallte. Er zuckte zusammen und blieb erschrocken stehen. Dann ein Schlag. Ein zweiter und ein dritter Schlag, und dann ein vierter. Glas splitterte.

Justus hatte Angst. Schnell griff er nach der Taschenlampe und wollte aus der Kirche fliehen. Der einzige Weg den Dom zu verlassen, war allerdings über die Sakristei zu gehen. Justus sah nicht viel, aber er kannte sich aus. Vorsichtig suchte er im Schein der Fenster einen Weg zum Altar.

Jetzt sah er eine dunkle Gestalt, die sich am Domschrein zu schaffen machte. “Oh Gott”, dachte er, “das ist ein Überfall.” Um hier herauszukommen, musste Justus allerdings am Schrein vorbei. “Mit seiner Taschenlampe könnte er zwar zuschlagen- aber gegen andere Waffen wäre er wehrlos”, ging es ihm durch den Kopf. Immer deutlicher hörte er das Hämmern und Schlagen am Schrein. “So ein Übeltäter”, dachte Justus. “Wenn ich ihn überrasche, gebe ich ihm eine mit”, redete er sich ein. Justus kam immer näher an den Ort des Geschehens. Nur noch wenige Meter trennten ihn von dem Täter. Er musste hier durch.

Als er weiter den Weg zur Sakristei suchte, drehte sich die schwarze Gestalt um und er war im Licht einer Taschenlampe zu sehen. “Jetzt ist es aus”,dachte er in diesem Augenblick. Doch nun leuchtete auch er auf seinen Gegner. Er erkannte einen Mann, Mitte 40, mit schwarzem Vollbart und einer Glatze, der überraschenderweise nicht vermummt war. Aus einer anderen Ecke rief noch jemand ein paar undeutliche Worte, die Justus jedoch nicht verstehen konnte.

Noch bevor er etwas sagen konnte,spürte Justus einen harten Schlag auf seinem Hinterkopf. Mehr weiß Justus nicht mehr. “Sehr gut, Justus,wir machen ein Phantombild”, jubelte Simon. Gleich telefonierte er mit einem Zeichner des Landeskriminalamts, der auch sehr schnell in der Klinik eintraf und mit Justus ein Phantombild erstellte.

“Hey Simon, hier ist Willi. Ich habe wirklich schlechte Nachrichten. Wir haben kein einziges Video oder Bild von den Tätern. Die haben alles vorher abgeklemmt. Wir fangen bei Null an”, fluchte Willi in das Handy. “Nicht ganz”, antwortete Simon. Ich habe ein Phantombild von einem der Täter. Es waren wahrscheinlich zwei. Aber einen konnte Justus gut erkennen. Gleich kannst Du die Zeichnung überall sehen”, jubelte Simon.

Das Phantombild ging in allen Medien über das ganze Land. Die Fernsehstationen verbreiteten das Bild in alle
Welt und es war jetzt nur eine Frage der Zeit, bis der entscheidende Hinweis einging.

Es war der Hinweis 111. Eine ältere Frau hatte sich gemeldet. Sie hatte behauptet, den Mann auf dem Bild zu erkennen. Er war ihr Untermieter. Er würde in einer 3-Zimmer-Wohnung zusammen mit seinem Bruder wohnen. Eigentlich sehr nette und hilfsbereite Männer. Schnell rückte ein Sondereinsatzkommando der Polizei aus und fuhr zu dem Wohnsitz der älteren Dame. Blitzschnell umzingelten sie das Haus und nahmen die zwei Männer fest. In einem VW Golf, der im Hof des Hauses geparkt war, wurden die Reliquien aus dem Dom sichergestellt.

Willi war glücklich. Jetzt begann das Verhör der beiden Männer auf dem Polizeirevier.

Wie sich herausstellte, waren es zwei Auftragsdiebe, die im Auftrag eines Dritten aus der Stadt Sava im Iran handelten. Ziel des Diebstahls war es, die Gebeine der Heiligen Drei Könige wieder in ihre ursprüngliche Heimat zurück zu holen. Der Legende nach war die Stadt Sava der Ort, an dem die Heiligen Drei Könige begraben wurden. Schon Marco Polo berichtete, habe auf seiner Reise durch Persien die Gräber der Heiligen Drei Könige in der Stadt Sava besichtigt. Der unbekannte Dritte im Iran wurde jedoch nie gefasst.

Willi und Simon konnten den Fall als Helden von Köln abschließen. Für Pater Colonio war es am Ende das schönste Geburtstagsgeschenk, das ihm Gott jemals geschenkt hat. Und die Heiligen Drei Könige blieben in Köln – und nicht bei den Knochenjägern.

1. Preis der Altersgruppe der 11 und 12-jähringen (5. und 6. Jahrgangsstufe)

ELIAS STEINER