Gelesen haben die Anfänge der Gewinnerkrimis: Katja Schild, Bayerischer Rundfunk Christopher Mann, Bayerischer Rundfunk

Die verschwundenen Bilder

“Happy birthday to you,happy birthday to you, happy birthday, liebe Jil, happy birthday to you!”, singen alle gemeinsam. Es ist das Ende der Sommerferien, wie immer, wenn Jil Geburtstag hat, aber ihre besten Freunde sind alle da: Tess, ihre beste Freundin seit dem Kindergarten; Lea,das Nachbarsmädchen; zwei Freundinnen aus der Klasse; Hugo,ihr Sandkastenfreund und Luis. Und nicht zu vergessen, Klecks, ihr brauner Mischlingshund mit dem weißen Klecks auf dem Rücken. Jils treuster Gefährte. Klecks und Jil sind unzertrennlich. Jil lächelt in die Runde ihrer Freunde und dreht verlegen eine ihrer blonden Locken um den Zeigefinger. Auf dem bunt dekorierten Geburtstagstisch steht eine Torte mit zwölf Kerzen. Als ihr Ständchen zu Ende war, beugt sich Jil über die Torte und bläst im ersten Versuch alle Kerzen aus.

“Was hast du eigentlich zum Geburtstag bekommen?”, fragt Tess. “Ich habe bekommen, was ich mir schon immer wünsche, einen großen Bruder”, grinste Jil breit. “Das ist mein Bruder Luis”, stellt Jil ihn vor und knufft Luis freundschaftlich von der Seite. Luis wird schon bald 13!” Sie zwinkert stolz mit ihren tiefblauen Augen. “Das geht doch gar nicht”, Tess schaut ihre Freundin verdutzt an, “und Hallo Luis, schön Dich kennenzulernen”, nickt sie ihm zu: “Doch jetzt mal im Ernst…”

Jil wedelt mit ihren Händen den letzten Qualm der ausgeblasenen Kerzen vor ihrem Gesicht weg, legt ihre Hände dann langsam auf die Armlehnen ihres Stuhls, schließt die Augen, atmet tief ein und beginnt.

Es ist eine lange Geschichte. Bis vorgestern war ich mit Mama in Los Angeles, weil sie beruflich für einige Wochen dorthin musste. Ich habe eine Ferienfreizeit besucht, Sport, Spiel und Spaß und sogar Übernachten am Strand war angesagt. Wir hatten gerade Pause und ich entschied, mit Klecks die Gegend zu erkunden. Ein heißer Sommertag, die Wellen platschten an unsere Füße und mir wehte eine warme Brise ins Gesicht, als wir von Stein zu Stein sprangen. Auf einmal wurde Klecks schneller und verschwand immer tiefer im Felslabyrinth. Ich kam kaum hinterher. Erst als er laut bellte, konnte ich meinen Hund wieder orten. “Klecks?”,rief ich, “Was ist los?”. Doch er bellte immer weiter. Ich kletterte hinterher, um zu gucken, was er gefunden hatte. Kleks stand vor einem engen Felsspalt,etwa mannshoch. “Was ist das?”, fragte ich mich. “Geht es da etwa hinein?” Doch da war Klecks auch schon auf der anderen Seite und ich folgte, ohne weiter darüber nachzudenken. Wir kamen in eine Höhle so groß wie ein Zimmer. Nur vereinzelt durchbrachen Sonnenstrahlen, die durch kleine Gesteinsöffnungen fielen, in zarten, glitzernden Streifen die Dunkelheit vor mir. Ich war verwundert und erschrocken zugleich, als ich einen Jungen hinten in der Höhle entdeckte, der offensichtlich dort wohnte. Meine Augen schweiften von ihm zu einer Schlafstelle in der Ecke und weiter zu einem Gaskocher und Konservendosen. Klecks stürmte auf den Jungen zu und schnüffelte seltsam vertraut an ihm. Der Junge stand regungslos da in seinen zerrissenen Jeans. Sein schmutziges T-Shirt ließ nur erahnen, dass es einmal hellblau war. Seine Haare hingen in feuchten Strähnen ungeordnet in das sonnengebräunte Gesicht. Ich stand ihm mit meinem weißen Leinenkleid und dem rosa Strohhut gegenüber wie aus einer anderen Weit. Der Junge blickte fragend nervös zu mir herüber. Unsicherheit konnte ich in seinen dunklen,großen Augen lesen. “Wer bist du?”,fragte ich leise. “Ich bin Luis”, antwortete der Junge vorsichtig. “Was machst du hier, ganz alleine in der Höhle? Wohnst du etwa hier?”,bohrte ich weiter.

“Warum sollte ich dir das erzählen? Ich kenn Dich doch gar nicht”, erwiderte Luis kurz und trocken. “Ich bin Jil aus Deutschland und verbringe meine Sommerferien hier in LA. Meine Mutter hat beruflich in der Stadt zu tun”, erzählte ich. “Aha, aus Deutschland und da sprichst du fließend meine Sprache.”, unterbrach Luis mich etwas schnippisch. “Mein Vater ist Engländer. Meine Kindergartenzeit habe ich in Nähe von London verbracht. Letztes Jahr haben meine Eltern sich getrennt. Ich lebe mit meiner Mama in Hamburg.” Auch Luis schien jetzt langsam Vertrauen zu mir zu fassen und sagt: “Ich kann Dir meine Geschichte nur erzählen, wenn du mir versprichst, alles für Dich zu behalten und mit niemandem darüber zu reden, auch nicht mit Deiner Mutter”. “lndianerehrenwort”, versprach ich ihm und Luis erzählte: “Ich bin ein Waisenkind. Meine Eltern sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen als ich noch klein war und andere Verwandte habe ich nicht”. “Das tut mir leid.”, unterbrach ich leise. Luis hatte Tränen in den Augen und wischte mit seinem Handrücken übers Gesicht. Die Tränen mischten sich mit dem Schmutz und bildeten dunkle Spuren auf seinen Wangen. Ich nahm Luis Hand. Gemeinsam setzten wir uns auf einen Stein und Klecks legte sich zu uns. Es war als würden wir uns lange kennen. Luis erzählte weiter: “Ich lebte im Waisenhaus. Schrecklich war es da. Kalt, lieblos, immer Strafen. Alpträume ließen mich zuletzt nicht mehr schlafen. Ich bin abgehauen. Nur kurz hat man nach mir gesucht. So ein Waisenjunge mehr oder weniger im Heim, wen interessiert das schon.” Ich legte meinen Kopf an seine Schulter, um die Leere zu füllen, die er mir beschrieben hatte.

Luis fing in Gedanken an, mit einer Münze zu spielen. “Ist die von deinen Eltern?”, fragte ich. Wieder schaute er erschrocken. “Nein, die habe ich gefunden.”- “Gefunden? So eine große Goldmünze? Einfach so?” Ich rückte ein Stück von ihm weg und schaute ernst. “Ich ermittle”, unterbrach er den unangenehmen Moment. “Ich glaube, ich bin Schmugglern auf der Spur. Schon häufiger habe ich ein Schiff gesehen, das hier an der Küste immer wieder ankert. Männer kommen mit Beibooten an den Strand. Sie haben verschiedenste Holzkisten geladen und bringen die Fracht an Land. Letzte Woche ist dabei diese Münze aus einer der Kisten gefallen und ich habe sie aufgesammelt. Ich beobachtete die Männer, wie sie die Kisten in einen Transporter verluden und davonfuhren. Einige Zeit später kamen sie zurück. Parkten den kleinen LKW am Straßenrand. Gingen wieder zu ihren Booten und ruderten zurück zum Schiff. Ich hörte einen sagen: “Das hat sich gelohnt. Noch eine Tour heute in einer Woche. Dann haben wir alle Bestellungen vorrätig und können die Abnehmer treffen.” Verdächtig, findest Du nicht? Ich will herausfinden, was da vor sich geht. Seitdem habe ich jeden Tag einen Strich an meine Wand gemalt. Habe ja keinen Kalender hier. Heute morgen den siebten. Also ist es diese Nacht soweit”, endete er. “Ich helfe dir”, beschloss ich. “Meine Mama ist bei der Kripo.”- “Oh nein”, wetterte Luis los, “auch das noch. Ich erzähl meine Geschichte quasi direkt den Bullen. Das glaub ich ja nicht.”

“So ein Quatsch”,stoppte ich sein Schimpfen. Ich bin ein Kind wie Du und nicht die Polizei. Und der Job meiner Mutter kann im Ernstfall nur hilfreich sein. Jetzt bleib mal auf dem Teppich. Ich bin heute Nacht dabei.” Er willigte ein: “Na gut. Danke. Vielleicht ist es besser, nicht allein zu sein. Essen habe ich genug und auf der Matratze kann man auch zu zweit schlafen. Aber was sagst du deiner Mutter?”- “Ich bin eigentlich gerade in einem Feriencamp und wir übernachten heute am Strand. Meine Mutter hat Dienst. Das Camp ist allerdings so schlecht organisiert, dass die mich sicher nicht vermissen. Oh Gott, wenn Mama das wüsste… Mama erwartet mich erst morgen Mittag und bis dahin sollte ich zu Hause sein. Hoffentlich.”

Wir machten uns Dosensuppe. Normalerweise esse ich keine Dosensuppe. Aber heute schmeckte sie mir seltsamerweise. Wir quatschten noch lange und schauten die Sterne an. Luis wollte mehr vom Job meiner Mutter erfahren. Sein Vater war wohl beim CIA. Schon wieder fühlten wir uns irgendwie verbunden. Ich erzählte, dass meine Mutter Kunstdieben auf der Spur ist. Die deutschen Maler Gerhard Richter und Sigmar Polke gehören zu den weltweit gefragtesten Künstlern, die noch leben. Immer wieder sind in letzter Zeit Werke dieser Künstler verschwunden. Genauso plötzlich tauchten die Bilder aber auch wieder auf. Die Spur konnte nach China zurückverfolgt werden. Es gibt viele junge chinesische Künstler, die perfekt ausgebildet sind, solche Werke täuschend echt fälschen können. Weiter führte die Spur vom Hafen in Taipeh hier nach Los Angeles…” Wir redeten bis uns die Augen zufielen und wir nur noch den Wellen lauschten. Ich schlief ein.

Mitten in der Nacht weckte mich Luis. Er zeigte wortlos durch zwei große Felsen hinaus aufs Meer. Man sah die Lichter eines Schiffes, das ruhig vor der Küste lag. Langsam sahen wir kleine Boote wie dunkle Nussschalen auf den seichten Wellen schaukeln. Sie kamen näher und näher zum Strand. Man hörte Manöverkommandos und bald strandeten zwei Boote und drei Männer stiegen aus. Mit Mühe hievten sie Holzkisten von den Booten, große und kleine, schwerere und leichte, wie es wirkte. “Das sind sie!”, flüsterte Luis. Die Männer schleppten ihre Fracht über den Strand Richtung Küstenstraße. “Komm, wir gehen ihnen hinterher.” Luis zog an meiner Hand. “Klecks”, zischte ich und er folgte uns wie ein Schatten. Zu dritt schlichen wir vorsichtig an den Felsen entlang, die uns Deckung gaben. Es war stockdunkel. Selbst der Mond spendete kaum Licht und stand nur als schmale Sichel am Himmel. Der am Tag noch heiße Sand war abgekühlt. Die Brise war stärker geworden und wirbelte meinen Hut vom Kopf. Vor Schreck strauchelte ich. “Mist”, entwischte es mir. Warum habe ich diesen doofen Hut überhaupt wieder aufgesetzt.

Wir erreichten die Mauer, die den Strand von der Straße trennte und fanden eine brüchige Stelle, durch die wir die Männer sahen, wie sie den Kleinlaster beluden. Dann rauchten die drei vor dem Auto eine Zigarette, während die Ladeklappen noch offen standen. Ich überlegte nicht lange, stieg rasch über die kleine Mauer und sprang fast geräuschlos auf die Ladefläche. Klecks hatte mich schon überholt. Luis konnte weder rufen noch schimpfen, ohne uns zu verraten. Es bleib ihm keine Wahl. Er folgte uns. Wir hörten, wie die Männer ihre Raucherpause beendeten. Shit,was nun? Wir mussten uns irgendwie verstecken, sonst würden sie uns erwischen. Ich fühlte Panik in mir aufsteigen. Da sah ich eine größere, leere Kiste in der Ecke, der Deckel war aufgeklappt. Ich zog an Luis T-Shirt und kroch in die Kiste. Luis hinterher. Klecks gab ich ein Handzeichen den Transporter zu verlassen und schupste ihn leicht Richtung Ausgang. Zum Glück verstanden wir uns blind. Die erste Tür des Laderaums fiel ins Schloss. Klecks stürmte los und schlüpfte durch die verbleibende Öffnung. “Was war das? Wer ist da ?”, brummte der Dicke und wollte auf die Ladefläche. Mein Herz pochte bis zum Hals. Ich hatte das Gefühl husten zu müssen und versuchte meine eigene Spucke zu schlucken, um keinen Ton von mir zu geben. Sein Kollege hielt den Mann offensichtlich zurück. “Nichts als ein Straßenköter. Die gibt es hier am Strand zu Hauf” raunte er und knallte die zweite Türe zu. Ich atmete erleichtert auf. Luis erklärte mich für verrückt. “Du möchtest doch auch unbedingt herausfinden, was die vorhaben. Das können wir nur aufklären, wenn wir mitkommen!”, flüsterte ich. “Du hast zu viele Krimis gesehen”, zischte Luis. “Nein, ich bin nur die Tochter meiner Mutter.”

Die Kiste ließ uns zum Glück genug Luft zum Atmen und durch einen Spalt, der offensichtlich sogar der Belüftung dienen sollte, konnten wir einiges sehen. Der LKW fuhr los. Die Fahrt dauerte nur etwa fünf Minuten. Die Männer stiegen aus und entluden die Fracht. Bis schließlich nur noch wir verpackt in der Ecke standen. “Die Kiste auch?”, brummte der Dicke. “Alles”, war die Antwort. Der Dicke versuchte sich stöhnend an unserem Versteck. “Das Ding ist so schwer, das bekomm ich da nicht runter.“­ “Die Dumpfbacke soll Dir helfen. Schleppen kann er ja. Habt das Ding ja auf drauf bekommen.” Wir hörten ein hämisches Lachen und ein Husten, dann bewegte sich unser Versteck. Ich stütze mich an Luis und presste meine Füße fest gegen die Seitenwand schwitzend vor Angst. “Die Kiste war aber nicht auf dem Schiff”, murmelte der Dicke wieder. “Lass mal nachsehen, was das ist.” Wir hielten den Atem an. Versuchten so leise wie möglich zu sein. Mein Herz pochte zum Zerspringen. “Schlepp endlich den Scheiß raus und frag nicht. Für dumme Fragen gibt's hier keine Asche und nur wegen der Asche bin ich hier”, meckerte der Typ, den sie Dumpfbacke nannten.

“Puh, das war knapp!”, flüsterte ich. Wir wurden in ein großes altes Haus getragen. “Was ist das für ein Haus?”, fragte ich Luis mit Gesten. “Das ist ein altes Hotel. Es ist vor vielen Jahren wegen einiger kurioser Ereignisse pleite gegangen. Einmal ist sogar eine Schauspielerin, die hier Urlaub machte, einfach spurlos verschwunden und bis heute nicht mehr aufgetaucht, erzählt man sich. Keiner wollte mehr hier wohnen oder Urlaub machen. Anwohner sagen, sie würden hier nachts Lichter und dunkle Gestalten sehen. Seitdem wird es von jedem das Geisterhotel genannt. Aber wer die dunklen Gestalten sind, die nachts hier ein und ausgehen,wissen wir jetzt und den Rest werden wir herausfinden”, flüsterte Luis fast tonlos zurück. Er wurde kühner und mutiger während sich bei mir nun Angst und Grusel mischten. Wir schienen die Rollen zu tauschen.

Der Dicke und Dumpfbacke trugen unsere Kiste eine Treppe hinauf und stellten uns unsanft in einem großen Salon ab. Aua. Durch den Spalt der Kiste konnte man das heruntergekommene Hotel sehen. Tapeten an den Wänden lösten sich ab. Morsche Holzbalken knarzten und Türen hingen schief in ihren Angeln. Schwere verstaubte Vorhänge zierten hohe Fenster. Ein Sofa aus Samt und ein Himmelbett konnte ich außerdem erkennen und ich konnte den Glanz des Hotels längst vergangener Jahre erahnen. Doch was war das? Der Mann, der hier der Anführer zu sein schien, hob Teile des Bodens hoch. Dann wurden wir angehoben und etwas tiefer wieder abgestellt. “Ein doppelter Boden!”,entwischt es mir vor Schreck. Die anderen Kisten waren bereits vor uns hier und die Männer schlossen nun die letzte Öffnung der Holzdielen über uns. Man hörte, wie sie Möbel rückten und den Raum verließen. “Oh verdammt, wie sollen wir hier je wieder herauskommen? Ich wurde total panisch, atmetet viel zu schnell, mein Kopf begann zu dröhnen. “Wir müssen zuerst aus der Kiste, dann sehen wir weiter”, beruhigte mich Luis. Aber die Kiste ging nicht auf, der Zwischenraum war zu niedrig. Wir lehnen uns jetzt gleichzeitig an eine Seitenwand, bis die Kiste kippt und der Deckel an der Seite ist. Dann können wir raus”, befahl Luis. Sein Plan ging auf. Überall sahen wir Bilder gestapelt, Statuen, Vasen und Skulpturen. Eine Hehlerbande. “Hier sind wir gefangen! Sicher versteckt vor der Außenwelt, wie die Schätze hier”, jammerte ich hoffnungslos. “Vielleicht nicht!” sagte Luis und zeigte auf eine Klappe an der Wand. “Das ist ein alter Wäscheschacht, durch den die Zimmermädchen früher die Wäsche direkt in Waschkeller werfen konnten. Schaffst Du es dort hinunterzuklettern?” Es war nicht wirklich eine Frage von Luis. Er robbte los; ich folgte ihm. Streck Arme und Beine aus und versuche dich mit Händen und Füßen so gut es geht an den Schachtwänden abzustützen. Dann kleine Bewegungen nach unten. Es dürfte nur ein Stockwerk sein. Luis kletterte geübt und fast mühelos voran. Ich vorsichtig hinterher. Ich konnte mich kaum halten. Rutschte immer wieder ab. Das blanke Metall quietschte unter meinen feuchten Händen und Füßen. Als ich nur noch wenige Meter über dem Boden war, konnte ich mich nicht mehr halten. Mein linker Fuß rutschte weg, dann meine Hände. Ich stürzte die letzten Meter den Wäscheschacht hinunter mit einem panischen Schrei. “Jil?”,rief Luis erschrocken. Doch ich landete weich in der Wäsche von damals, die bis heute niemand weggeräumt hatte. Glück gehabt! “Alles gut!”,beruhigte ich Luis und mich. Es roch muffig und die Luft war feucht. Versehentlich rannte ich gegen einen alten Wäscheständer.

Von draußen hörten wir Stimmen. “Ich habe dir doch gesagt,da ist jemand!”, wetterte der Dicke wieder. “Verriegelt die Türen. Ich drehe das Wasser auf”, kommandierte der Anführer. Plötzlich lief Wasser aus den Versorgungsrohren an den Wänden, die früher wahrscheinlich die Maschinen betrieben. “Wir sitzen in der Patsche. Wir werden hier ertrinken.”, flüsterte ich panisch. Auch Luis bekam Angst. Das konnte ich sehen. Die schweren Eisentüren verriegelten den Raum nahezu dicht. Der geflieste Boden und die gekachelten Wände machten ihn jetzt zu einem Schwimmbecken. Durch das Fenster blickte man lediglich in einen schmalen Lichtschacht. Der zudem mit einem Gitter geschützt war. Auch hier gab es kein Entkommen. “Klettern wir auf die alten Bügelautomaten dort, das bringt uns mindestens eine Stunde”, hörte ich Luis wie von ganz weit weg zu mir sprechen. Er stieg zuerst hinauf, dann ich.
Wir hörten die Männer draußen wieder reden. “Wo ist die Ware?”, fragte eine neue Männerstimme. “Später. Öffnen sie zuerst den Koffer und lassen sie mich die Scheinchen sehen.”, entgegnete der Anführer. Wahrscheinlich findet gleich eine Übergabe statt, dachte ich, während sich meine Gedanken entfernten und ich fing an, ein altes Lied zu pfeifen, das meine Oma immer mit mir sang: Einmal um die ganze Weit und die Taschen voller Geld, davon hab' ich schon als kleines Kind geträumt…” Ich habe einmal gehört, wenn das Ende kommen sieht, zieht die Vergangenheit noch einmal an einem vorbei.
“Was ist das?”, fragte draußen die neue Stimme. “Ach, nur Dumpfbacke, ein total verpeilter Kollege”, entgegnete der Dicke. Egal, ich pfiff weiter, während das Wasser stieg. Und es stieg schneller, als wir glaubten. Mir kullerte eine Träne aus dem Auge. “Das ist alles meine Schuld, hätte ich dich nicht dazu überredet, in den LKW zu steigen, wäre das gar nicht passiert.” Ich schniefte und pfiff jetzt noch lauter, um nicht über unser Ertrinken nachdenken zu müssen. “Das stimmt doch gar nicht, ich habe dir doch überhaupt erst von den Schmugglern erzählt…” Luis wurde von Hundegebell unterbrochen. “Klecks? Bist du das?” Ich schaute mich um. Blickte erwartungsvoll zum Lichtschacht, sah aber nichts. Wir hörten Geräusche an der Tür. Oh nein, sind die das wieder? Bitte tut Klecks nichts… Meine Gedanken fuhren Achterbahn. Ich schloss die Augen, hörte wie die Tür sich öffnete. Da bellte es wieder. Ich blinzelte zaghaft. Sah wie das Wasser aus dem Raum schoss und Klecks nach draußen spülte. Dann erkannte ich meine Mutter. “Mama!” Ich sprang von der Maschine und watete ihr durch das Wasser entgegen. Wir stürzten uns in die Arme. Meine Mutter bat mich mit erstem Blick, hier im Waschraum leise zu warten. Ich wusste,sie würde mich nicht in Gefahr bringen, trotzdem wäre ich jetzt tausend Mal lieber bei ihr geblieben.

Mama verließ den Raum. Wenig später hörte ich Autos anfahren. Schaute durch die Tür nach draußen. Streifenwagen fuhren vor, bewaffnete Polizisten sprangen aus den Fahrzeugen und umstellten das Gebäude blitzschnell. Es gab kein Entkommen mehr für die Bande. Sie wurden geschnappt und die Hehlerware sichergestellt. Darunter auch die Bilder der deutschen Künstler, die meine Mutter suchte. Unglaublich, wir hatten Mamas Fall gelöst. Aber statt mich zu loben, schimpfte sie jetzt, wie gefährlich das war, was wir getan haben. Doch Mama konnte nicht böse sein. Sie war viel zu glücklich, uns gerettet zu haben und drückte Luis und mich ganz fest an sich. “Jetzt können wir ja zurück nach Hause”, sagte sie gerührt von Tränen. “Nur, wenn Luis mitkommt und bei uns bleibt”, entgegnete ich sehr bestimmt.

“Und wie man unschwer sieht, Jil hat sich einmal wieder durchgesetzt” triumphierte Tess, ihre beste Freundin, die Jil nur zu gut kannte. “Du erlebst die gefährlichsten und verrücktesten Geschichten. Wenn du groß bist, musst Du ein Buch schreiben. Wer weiß, vielleicht heiratest du sogar einmal deinen großen Bruder”,zwinkerte sie. “Eins ist klar, wir alle würden zu Eurer Hochzeit kommen.” Die Freunde lachten und Tess griff nach einem Muffin, den sie sich genüsslich in den Mund stopfte. “Happy birthday!” sagte sie. “Happy End!”, sagte Jils Mutter: “Die Papiere sind da. Luis kann bei uns bleiben und ich darf ihn als meinen Sohn adoptieren.”

2. Preis der Altersgruppe der 11 und 12-jähringen (5. und 6. Jahrgangsstufe)

TERESA MARIE SCHMID