Gelesen haben die Anfänge der Gewinnerkrimis: Katja Schild, Bayerischer Rundfunk Christopher Mann, Bayerischer Rundfunk

Der Korallen-Klau

Es war einfach atemberaubend. Noch viel schöner, als ich es mir jemals selbst in meinen kühnsten Träumen hatte vorstellen können. Seit zwei Wochen machten wir bereits Urlaub in Australien und eine weitere würden wir noch bleiben- ganz in der Nahe, am Strand. Heute war endlich der ersehnte Tag gekommen, an dem wir mit Pressluftflaschen und einem Führer in das Great Barrier Reef tauchen durften. Fasziniert wandte ich mich um. Hinter mir schwammen einige Pazifische Kugelkopf­ Papageienfische, auch Chlorurus spilurus genannt, vorbei. Staunend nahm ich all diese unterschiedlichen Farben, Formen, Tiere und Pflanzen in mich auf. Als ich mich wieder umwandte, um das ganze meinen Eltern zu zeigen und unseren Führer zu fragen, um welche Art es sich bei einem der kleineren Fische handelte, war jedoch niemand mehr zu sehen. Zwar konnte ich von hier aus
erkennen wo sich die Küste befand, allerdings hatte ich nicht vor, diese einzigartige Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen – dafür hatte ich mich viel zu sehr hierauf gefreut. Also begann ich auf eigene Faust die nähere Umgebung zu erkunden und versuchte, mich nicht zu sehr von alldem blenden zu lassen, sondern stetig weiter nach den Erwachsenen Ausschau zu halten. Und tatsächlich – schon nach wenigen Minuten sah ich eine Taucherflosse hinter einem Felsen verschwinden.
Natürlich schwamm ich direkt darauf zu, denn meine Eltern schienen mich noch nicht bemerkt zu haben. Doch kurz bevor ich die Felsen umrundete, fiel mir auf, dass die Flossen die falsche Farbe gehabt hatten. Außerdem vernahm ich aus der Richtung die der- oder die- Taucher eingeschlagen hatten, ein merkwürdiges Geräusch. Eigentlich müsste ich jetzt zurück schwimmen und auf meine Eltern warten, dachte ich. Aber meine Neugier war geweckt. Daher lugte ich vorsichtig um die Felsen herum. Von hier aus hatte ich die beiden Männer- nun konnte ich erkennen, dass es zwei waren – gut im Blick. Trotzdem verstand ich zunächst nicht, was die beiden taten. Verwundert sah ich dabei zu, wie die Unbekannten Plastiktüten und jeweils ein Messer aus Ihren Beuteln zogen. Ein großer Schwarm Fische zog vor mir vorbei, doch ich war zu nervös um sie zu bestimmen. Außerdem versperrten sie mir die Sicht. Was ich nicht wusste: Einer der Männer sah sich nochmal prüfend um, aber auch er konnte mich von seiner Position aus nicht sehen und so entdeckte er mich nicht. Dann, endlich, war auch der Letzte der Fische verschwunden. Jetzt wurde mir auch klar, was die beiden Taucher da taten; sie schabten vorsichtig einige der Korallen ab und steckten sie in die mitgebrachten Gefäße. Entsetzt sah ich dabei zu, wie sie ein letztes Meereslebewesen verstauten und ihre Sachen so weg packten, dass nichts mehr auf das Verbrechen hinwies- und ich war mir sicher, dass es sich um eines handelte. Unser Führer hatte es vor der Tour immer wieder betont: “Das Mitnehmen und/oder Beschädigen von Korallen ist im gesamten Schutzgebiet ausdrücklich verboten!” Inzwischen hatten sich die Taucher auf den Weg gemacht und ich fragte mich kurz, ob ich lieber bleiben und nach dem Rest der Gruppe Ausschau halten oder den Männer folgen sollte. Doch letztendlich siegten Wut und Empörung und ich begann langsam hinter ihnen herzuschwimmen, immer darauf bedacht, in Deckung zu bleiben und genügend Abstand zu halten. Bereits nach wenigen Minuten erreichten wir eine kleine Bucht, die von drei Seiten von hohen Klippen begrenzt wurde und scheinbar nur vom Meer aus zu erreichen war. Ein Stück vor der Küste streckte ich meinen Kopf aus dem Wasser und beobachtete, wie die Männer an Land gingen und mitsamt den Korallen in einer Öffnung in der Felswand verschwanden, die ich zuvor gar nicht bemerkt hatte. Nachdem sie aus meinem Sichtfeld verschwunden waren, entschied ich mich dazu, umzukehren- meine Eltern machten sich bestimmt schon große Sorgen. Als ich wieder an den Ausgangspunkt meiner Observierung gelangt war, war es nicht weiter schwierig, die Erwachsenen wiederzufinden. Wir verbrachten noch eine schöne Zeit am Riff, aber meine Gedanken wanderten immer wieder zu den geklauten Korallen zurück. Der Rest des Tages nutzte ich dazu, einige der Bilder auf meinem Handy zu löschen- eine mühselige Angelegenheit, da dieses aus unerfindlichen Gründen alles doppelt und an unterschiedlichen Orten abspeicherte.

Am nächsten Morgen sagte ich meinen Eltern, dass ich einen ausgedehnten Spaziergang unternehmen und Tiere beobachten würde und diese, noch im Halbschlaf, nickten nur. Das war allerdings nicht das, was ich tatsächlich vorhatte. Stattdessen machte ich mich auf den Weg zu der Bucht in der ich die Männer zuletzt gesehen hatte. Ich wollte mir diesen Gang, falls er tatsächlich auf die andere Seite der Klippen führte, genauer ansehen, in der Hoffnung, dort die Korallen zufinden. Als ich dort ankam, versicherte ich mich nochmals, dass man nicht auf normalem Wege in sie hinein kommen konnte. Daher beschloss ich, nach dem anderen Ende des Tunnels zu suchen. Systematisch fing ich auf einer Seite an, die Felswand abzutasten, sah hinter hervorstehenden Felsen, Büschen und Bäumen nach. Tatsächlich wurde ich nach einiger Zeit fündig: Ein schmaler, niedriger Gang fing hinter einem großen Stein an. Es war sehr dunkel, daher schaltete ich die Taschenlampenfunktion meines Handys an. Der Weg wurde immer niedriger und schmaler, sodass ich kriechen musste. Schon nach nicht allzu langer Zeit wurde mir klar, dass die massigen Männer hier nicht hindurchpassen konnten, zumal ich sehr schmal gebaut war. Außerdem erkannte ich, als ich vor mich leuchtete, dass die Höhle ein Stückehen vor mir endete. Also hatte ich ein falsches Schlupfloch gefunden. Seufzend kroch ich rückwärts wieder aus dem Loch heraus. Es wird noch lange dauern, bis ich alles abgesucht” habe, dachte ich bei mir. Doch damit lag ich falsch. Nach einigen Minuten hörte ich Stimmen, die aus dem Nichts zu kommen schienen. Schnell versteckte ich mich zwischen einigen Felsen und horchte.
“Wieso konnten wir die Ladung nicht in der Nacht überbringen? Das wäre viel sicherer gewesen!”, schimpfte eine mir unbekannte Stimme. “Du weißt doch, was Maulwurf gesagt hat! Es war nicht möglich!”, meinte jemand anderes. Ich hörte etwas rascheln und lugte um den Stein herum. Zwei Männer kamen hinter einem Busch hervor und ich brauchte einen Moment, bis ich in den wie Urlaubern gekleideten und Koffertragenden die Gauner von gestern erkannte. Einer von Ihnen, mit schwarzen Locken und einem Strohhut, sah sich um und ich zog blitzschnell meinen Kopf zurück. Mein Herz hämmerte wie wild. Hatten die beiden mich entdeckt? Einige angespannte Momente verstrichen, dann hörte ich sich entfernende Schritte. Vorsichtig verließ ich mein Versteck. Sollte ich lieber nachsehen, wohin die Männer gingen oder wie geplant den Gang durchsuchen? Nach kurzem Überlegen entschied ich mich zu Ersterem, denn die Höhle konnte ich auch noch später untersuchen und außerdem hatte ich keine Lust, darin von den Verbrechern überrascht zu werden.

Ich schlug also die entsprechende Richtung ein. Es dauerte ein wenig, bis ich die anderen eingeholt hatte. Sie wirkten wie ganz normale Touristen und nur wenn man genau darauf achtete, fiel einem auf, dass sie sich immer wieder nervös umsahen – ich musste wirklich aufpassen, damit sie mich nicht entdeckten. Der Weg führte durch eine eher abgelegene Gegend. Nur einmal kam ein älteres Ehepaar vorbei. Nach etwa zehn Minuten blieben die Männer schließlich stehen. Ich versteckte mich hinter einigen Büschen und während die beiden sich für mich unhörbar unterhielten, hatte ich die Gelegenheit, mich genauer umzusehen. Auf drei Seiten erstreckte sich eine weitgehend ebene Fläche, stellenweise von Felsen und Büschen durchbrachen. Ein Stück vor mir befand sich ein hoher Stacheldrahtzaun, dahinter konnte ich einige Flugzeuge sowie ein Rollfeld und ein kleines Flughafengebäude ausmachen. Auf unserer Höhe direkt hinter der Abgrenzung stand eines der Fahrzeuge, die das Gepäck zu den Flugzeugen bringen. Währenddessen hatten die Beschatteten ihr Gespräch beendet. Einer von ihnen – der ohne Hut, der offenbar der Chef war- vergewisserte sich nochmals, dass niemand zu sehen war. Mich entdeckte er nicht. Schließlich, während ich mein Handy wieder herauskramte und begann ein Video aufzunehmen, griff er an eine bestimmte Stelle des massiven Zauns und bog ihn einfach so zur Seite. Anschließend schob er einen Koffer durch das
Loch auf den Wagen. Ich schnappte nach Luft. Das hatten sie also vor! Sie wollten die Korallen außer Landes bringen, wo sie vermutlich ein Komplize teuer verkaufte. In der Stille der Umgebung hörte man, dass normalerweise kaum bemerkbare Geräusch deutlich. Ruckartig drehten sich die Korallendiebe zu mir um. Mist! dachte ich, denn es schien so, als hätten sie mich bemerkt. Mein Herz rutschte mir in die Hose. In der Tat stürmte der Anführer nun auf mich zu, während der andere seine Koffer noch durch den Zaun schob. Mehr sah ich nicht mehr, denn ich rannte so schnell ich konnte in die entgegengesetzte Richtung, noch im Lauf beendete ich das Video. Doch der deutlich flinkere Mann holte rasch auf. Ich begann zu keuchen, mein Brustkorb bebte und mein Herz schlug heftig. Dann, nach nur wenigen hundert Metern, packte er mich. Ich wehrte mich nach Kräften, aber ich hatte keine Chance. In Sekundenschnelle hatte er mich so, dass ich mich kaum bewegen konnte und hielt mein Handy in seiner Hand. Jetzt kam auch der mit dem Strohhut angeschnauft. Der Chef hielt mein Mobiltelefon hoch und meinte verärgert: “Das kleine Mistvieh hat alles gesehen – und gefilmt!” Er sah mich finster an. “Das Video können wir löschen, aber was machen wir mit dem Kind?” Er blickte meinen Strohhut an. “Keine Ahnung”, meinte der, “vielleicht können wir es in die Höhle sperren?” “Mmh.” Eine kurze Pause folgte. “Nun gut. Als Notlösung wird es reichen, wir müssen sowieso noch einiges Verladen, aber auf Dauer müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen.” Ich versuchte erneut ihnen zu entkommen, aber sie schleiften mich erbarmungslos weiter. Wir erreichten wieder die Klippen und ich verschwand mit den Männern in dem Gang. Nun bekomme ich ihn also doch noch zu sehen, dachte ich verbittert, wenn auch unter etwas anderen Umständen als geplant. Ein paar Meter weiter nahm Strohhut einen losen Stein aus der Wand und holte einen Schlüssel aus dem Hohlraum heraus.

“Verflixt nochmal, zeig halt gleich alle Verstecke her!”, rief der Chef, nun richtig wütend. “Wird dem Kind doch sowieso nicht helfen”, murmelte der Angesprochene eingeschüchtert und blickte zu Boden. Dann schloss er eine Tür zu meiner Rechten auf, die mir zunächst nicht aufgefallen war. Zu fieberhaft hatte ich überlegt, wie ich aus dieser Misere wieder herauskommen könnte. Sie schoben mich durch die Öffnung, schnappten sich weitere Koffer und schlugen die massive Tür hinter sich zu. Ich hörte wie sich ein Schlüssel im Schloss drehte. Danach wurde es still. Das einzige, was ich noch vernahm, war das Dröhnen in meinen Ohren. Verzweifelt begann ich auf die Wand einzuschlagen, die in Richtung Ausgang zeigte. Diese war rau und schon nach ein, zwei Minuten waren meine Hände wund. Ich lies mich zu Boden sinken. Bald würden die Männer zurückkommen und alles wäre aus. Ich sah mich in dem kleinen Raum um. Außer ein paar weiteren Koffern und mir war der Raum leer. Noch ein letztes Mal schlug ich auf die Felsen ein und – Moment mal! Hatte das nicht gerade hohl geklungen? Mit letzter Kraft begann ich gegen das Gestein zu treten. Da war meine allerletzte Hoffnung. Und ich hatte mich nicht getauscht: Nach kurzer Anstrengung gab die Wand nach und ein mittelgroßes Loch entstand. Normalerweise würde ich es niemals wagen durch einen so schmalen Spalt zu kriechen, aber ich hatte eine leise Vermutung. Sollte sich diese nicht bestätigen, würde ich dort eventuell stecken bleiben, vielleicht nie wieder heraus kommen und … Nein, ich dachte den Gedanken lieber nicht zu Ende. Ein Plan begann sich in meinem Kopf zu bilden. Doch ich hatte nicht viel Zeit ihn in die Tat umzusetzen. Schnell stellte ich einen Koffer so vor das Loch, dass ich noch hineinkriechen konnte, er es aber noch ein wenig verdeckte. Im Anschluss zog ich mir einen Schuh aus und stellte ihn so hinter einige Koffer, die vor der Wand gegenüber der Tür standen, so dass es so aussah, als würde jemand dahinter kauern. Danach legte ich mich flach auf den Boden und schob mich in die Öffnung.
Ich schürfte mir meinen bloßen Fuß, Arme, Beine und die bereits verwundeten Hände auf. Aber ich hatte Glück – nach einigen Metern wurde der Gang bereits etwas größer. Ich lächelte, denn meine Vermutung hatte sich als wahr erwiesen. Ich war in demselben Hohlraum wie heute Morgen gelandet. Es kam mir so vor, als wäre bereits eine Ewigkeit vergangen, seit ich von unserer Ferienwohnung aufgebrochen war. Und endlich, endlich erblickte ich den Felsen vor dem Eingang. Schnell bewältigte ich auch noch die letzten Meter. Mit wiedergefundener Entschlossenheit wartete ich hinter den Felsen auf die Diebe, die bereits nach- für meinen Geschmack – zu kurzer Zeit zurückkamen. Jetzt wieder ohne Gepäck betraten sie den Gang und ich folgte ihnen leise. Erneut nahmen sie den Schlüssel aus seinem Versteck, schlossen auf und ließen ihn stecken. In der Kammer angelangt meinte Strohhut: “Sieh mal, das kleine Täubchen hat sich hinter den Koffern verkrochen. Möchte es etwa nicht gesehen werden?” Ich schmunzelte. Mein Plan schien aufzugehen. Aber noch war es nicht geschafft. Ich fürchtete schon, sie könnten mich hören, so wild klopfte mein Herz. Ich erreichte die Tür genau in dem Moment, in dem die Gauner hinter die Koffer sahen. Schlug sie zu. Drehte den Schlüssel um und zog ihn ab. Als es geschafft war, atmete ich tief durch, denn ich hatte ohne es zu merken die Luft angehalten. Von drinnen ertönte nun lautes Geschrei. Die zwei hatten gemerkt, dass sie in der Falle saßen. Auf einem Felsvorsprung sah ich mein Handy liegen. Ich schnappte es mir und kontaktierte vor dem Gang, wo ich Empfang hatte, die Polizei. Wild durcheinander erzählte ich von meiner gestrigen Beobachtung, dem gelöschten Video, meiner kurzweiligen Gefangenschaft und der jetzigen Situation. Im Anschluss daran ging ich zurück zu der Tür und wartete. Der Lärm hatte aufgehört und nun versuchte einer der Verbrecher mit mir zu reden. “Wir sitzen zwar hier drinnen gefangen, aber du hast keinerlei Beweise, dass wir es sind, die etwas mit dem Korallenschmuggel zu tun haben. Du hättest jeden hier einsperren können und das Video haben wir gelöscht.” Ich schluckte, daran hatte ich gar nicht gedacht. Aber dann viel es mir wie Schuppen von den Augen. Natürlich! Mein Handy speicherte doch alles doppelt…. Irgendwo musste das Video nochmals sein. Nach einigen Minuten die Polizei war noch nicht angekommen -entdeckte ich es tatsächlich und lies es ablaufen. Ich konnte fast hören wie die Verbrecher bleich wurden. Von nun an schwiegen sie, während ich meine Eltern anrief um ihnen Bescheid zu sagen – sie versprachen so schnell wie möglich zu kommen – und mir die Zeit damit vertrieb, mir noch einmal sowohl den heutigen als auch den gestrigen Tag durch den Kopf gehen zu lassen. Es dauerte nicht mehr allzu lange bis die Beamten und meine Eltern eintrafen. Nachdem ich noch einmal die ganze Geschichte erzählt hatte und das Video erneut hatte ablaufen lassen, war den Polizisten der Fall klar und sie führten die Diebe ab, außerdem versprachen sie mir, die gefundenen Korallen, soweit möglich, zurückzusetzen.

Wenige Tage später, kurz bevor wir unsere Rückreise antreten würden, erfuhr ich, dass auch alle weiteren Komplizen der Schmuggler nun im Gefängnis saßen. Ich war mir sicher, dass dies mit Abstand die aufregendsten Ferien meines gesamten bisherigen Lebens gewesen waren.

1. Preis der Altersgruppe der 13 und 14-jährigen (7. und 8. Jahrgangsstufe)

CLAUDIA WEIDNER