Gelesen haben die Anfänge der Gewinnerkrimis: Katja Schild, Bayerischer Rundfunk Christopher Mann, Bayerischer Rundfunk

Sonas Albtraum

Es war bereits nach Mitternacht, als Leon Sona, Kommissar bei der Berliner Mordkommission, plötzlich von dem Klingeln seines Handys aufwachte. Gerade rechtzeitig, denn eine dunkle Person hatte ihn durch seine Träume gejagt. Eine halbe Stunde später stand er verschlafen in einer dunklen städtischen Gasse vor einem Club und wartete auf Inspektor Lisewic, der ihn hergebeten hatte. Das war nicht einfach nur ein Club- es war ein Tatort.
Der grauenhafte Anblick des Toten ließ ihn kurz schaudern, doch er musste sich zusammenreißen. “Der Mann war Türsteher gewesen, mehrmals vorbestraft und es sind keine Familienmitglieder bekannt”, erklärte Inspektor Lisewic und er fuhr fort: “Er war kurz vor 11 Uhr von jemandem von hinten mit einem Metallrohr erschlagen worden und kurz darauf von einem Passanten tot aufgefunden worden.” Sona und Lisewic untersuchten den Tatort genau und befragten die Besucher des Clubs, die zum Todeszeitpunkt vor Ort gewesen waren. Keiner hatte etwas gesehen. Ein düsteres Geheimnis lag auf dem Tatort.
Als der Wecker viel zu früh klingelte, fühlte sich Sona, als ob er die Augen gerade erst geschlossen hätte. Zerschlagen und übermüdet reichten seine Gedanken kaum weiter als bis zur Kaffee-Maschine. Doch wenn er einmal an einem Fall arbeitete, konnte er sowieso von nichts abgehalten werden. Völlig ohne Erinnerung, wie er ins Bett gekommen war, stolperte aus dem Bett, über den Berg mit der schmutzigen Wäsche. Schuhe voller Erdklumpen lagen im Gang, ein Spaten und eine ausgerissene Gartenzaunstange standen im Flur. “Ich muss das Zeug wieder runter in den Garten bringen,” dachte Sona, während er in die Küche stolperte. Seine Augen tränten. Kurze Zeit später saß er mit einem Becher Kaffee in der Hand im Auto und machte sich auf den Weg zur Polizeistation.
Dort angekommen besah er sich nochmal jedes bekannte Detail. “Weiß man wer zu der Zeit des Mordes in dem Club war?”, fragte Kommissar Sona seinen Kollegen, Inspektor Lisewic. “Wir haben eine Liste mit den Personen, die zu dem Zeitpunkt da waren,” meinte Lisewic und schlenzte ihm die Liste gelangweilt auf den Schreibtisch. Aber niemand ist etwas verdächtiges aufgefallen. Und natürlich hat auch niemand die Tat beobachtet. Kein Wunder in dem dunklen Schuppen. Allerdings haben wir in der Tasche des Opfers ein Handy gefunden. Möchtest du es sehen?”
“Ja bitte”, antwortete Sona, “Endlich mal etwas, das mich weiter bringt.” Er durchsuchte das Handy nach irgendetwas Verdächtigem.
Zuerst schien auch alles normal, bis er auf einen Chat mit einem gewissen Jim Kram stieß. Dieser hatte dem Toten vor einer Woche gedroht dass “etwas Schlimmes passieren würde, wenn er ihm nicht sein Geld zurück geben würde.” “Wer ist das?” fragte Sona, und was hat das mit dem Geld auf sich?” “Offenbar ging es hierbei um Schulden, die das Opfer bei ihm hatte”, antwortete Lisewic und ergänzte: Die Mordwaffe war übrigens sehr wahrscheinlich aus einem rostigen Gartenzaun in der Nähe herausgebrochen.” “Konnte sie sichergestellt werden?” “Nein,” meinte Lisewic. Der Täter muss sie mitgenommen haben.” 0kay”, meinte Sona zu Lisewic, ich werde mal schauen, was ich über den Verdächtigen herausfinden kann und wo er sich gestern Nacht aufgehalten hat. Befrag Du bitte weiter die Zeugen.”
“Dieser Jim Kram hatte höchst wahrscheinlich ein Motiv”, dachte der Kommissar, während er das Büro verließ. Das Opfer wegen des Geldes zu töten erschien plausibel, denn Gewalt wurde von vielen als Mittel zum Zweck betrachtet, um Schulden einzutreiben. Aber irgend Etwas war seltsam,entzog sich seiner Erinnerung. Sona blätterte seine Notizen durch. “Egal. Jetzt konzentriert arbeiten!”, ermahnte sich Sona selbst.
Der Vormittag brachte keine neuen Erkenntnisse. Krams gab es in Berlin hunderte. Und auch Lisewics Befragung der Zeugen, brachte nichts. Keinerlei Hinweise, keine Tatzeugen. Schließlich fand Lisewic doch noch im Telefonbuch einen Jim Kram, der in Frage kam. Sona heftete sich sofort an seine Spur. Er besorgte sich einen Durchsuchungsbefehl für Krams Wohnung. Dort wurde man schnell fündig: Handschuhe mit Blut. Nach einer Untersuchung im Labor stellte sich heraus, dass es das Blut des Verstorbenen war. Der Fall schien klar.
Jim Kram wurde kurz darauf aufgrund der eindeutigen Indizien verhaftet. Vor dem Haftrichter hatte er immer wieder beteuerte, unschuldig zu sein. Er habe dem Mann wohl gedroht, um das Geld zurückzubekommen, das er schon so lange brauchte. Aber er hätte ihn niemals angerührt. Der Richter konnte angesichts der vorliegenden Beweise nicht anders: Kram wurde in Untersuchungshaft gesteckt. Der Fall schien für alle abgeschlossen- Mörder gefunden!

Sona musste nur noch einen Abschlussbericht schreiben. Doch sein Instinkt warnte ihn: Das war zu glatt gelaufen. Die Drohung auf dem Smartphone, die blutigen Handschuhe in Krams Wohnung. Irgendetwas stimmte nicht. Sein Verstand hämmerte ununterbrochen. Das konnte es noch nicht gewesen sein. Irgendein Detail fehlte. Irgendwas hatte er übersehen hatte. Doch was?
Gerade als er dabei war, die letzten Wörter zu tippen, klingelt das Telefon. Am Hörer war die Freundin von Jim Kram. Sie schwor, dass der Angeklagte niemals zu einem Mord fähig wäre. Nun ja. Das hörte Sona oft. Viel wichtiger war aber: Er konnte es gar nicht gewesen sein. Die Frau habe den ganzen Abend zusammen mit Kram im Kino verbracht. Sie kam vorbei und zeigte die Kinokarten vor. Das war der Bewies: Kram konnte diesen Mord nicht begangen haben- zumal das Kino auch am anderen Ende der Stadt lag. Das Alibi war wasserdicht. Sona musste Kram laufen lassen.

Die Ermittlungen standen wieder am Anfang. Sona warf seinen gerade fertig gestellten Abschlussbericht frustriert in den Papierkorb. Er musste den Fall wohl oder übel wieder aufnehmen. Kram hatte nicht gelogen. Die Frau war bei ihm gewesen! Wie waren dann aber die Handschuhe mit dem Blut in seine Wohnung gelangt? Kannte Kram den Mörder? Oder wollte jemand ihm die Schuld in die Schuhe schieben? Sona stand wie vor einer Wand, durch die seine Blicke nicht drangen. Was war dahinter? Was hatte er übersehen?

Während er über diesem Rätsel brütete, traf ein weiterer Anruf bei der Polizei Zentrale ein. Die Leiche des Türstehers sei aus der Leichenhalle verschwunden. Lisewic und Sona fuhren mit Blaulicht ins Büro des Leichenbeschauers. Aber auch hier gab es keine entscheidenden Hinweise. Ein Schuhabdruck wie von einem Gartenstiefel, Schleifspuren voll schwerer Erde- nichts was die beiden Ermittler weiter brachte.

“Jetzt wird's psychologisch”, knurrte der Inspektor, als er den schweren Dienstwagen mit quietschenden Reifen durch die Berliner Innenstadt steuerte. “Wer macht den so etwas? Hast Du so etwas schon erlebt? Irgendwie gruselig.”
“Ich weiß nicht”, meinte Sona gedankenverloren auf dem Beifahrersitz. “Sieht nach einem Profi aus: Keine Leiche, keine Tat. Ganz schön durchtrieben.”
“Der Täter, der die Leiche gestohlen hat, muss Insider-Kenntnisse haben. Sonst wäre er da gar nicht ungesehen rein und wieder raus gekommen. Aber wieso hinterlässt er dann so offensichtliche Spuren wie in einem Gartencenter?”

“Vielleicht gibt es eine dunkle Seite in ihm, die gefunden werden will,” murmelte Sona vor sich hin. Laut sagte er: “Das war ein harter Tag, lass uns morgen noch einmal ganz von vorne anfangen und jedes Detail noch einmal beleuchten.”

Spät abends kam der Kommissar müde, verwirrt und sehr durcheinander nach Hause. Während er den Schlüssel herausholte und der Tür träge mit einen müden Stoß öffnete, beschlich ihn ein unheimlicher Schauder. Es roch auffällig nach Erde und der Berg schmutzige Wäsche lag immer noch auf dem Boden im Flur. Auf dem Boden in der Küche erblickte er Fußspuren wie die von schweren Gartenstiefeln, die ins Wohnzimmer führten. Was war hier los? Sona zog seine Waffe und schlich, nachdem er erst mehrmals tief Luft holen musste, an der Wand entlang- und stolperte fast über einen Spaten und einen rostigen Gartenzaunpfahl, der dort lehnte. All das kam ihm auf einmal erschreckend bekannt vor. Ihm wurde schwindelig, die Welt schien sich vor Sonas Augen zu drehen. Er atmete noch einmal tief ein, drehte sich blitzschnell um, richtete die Waffe in Richtung Sofa und da sah er sie, die Person die ihn in seinen Albträumen verfolgt hatte. Es dauerte einige Sekunden, bis Leon realisiert, was da auf seiner Couch drapiert war – die Leiche. Ein markerschütternder Schrei, Augenblicke bevor er zusammenbrach.

2. Preis der Altersgruppe der 13 und 14-jährigen (7. und 8. Jahrgangsstufe)

LISA SIEBER